Gorilla Begegnungen

Fast 50 Jahre ist es her, dass ein Bekannter mir erzählte, er habe einige Jahre zuvor ein Gorillababy für einen Zoo bei sich zu Hause aufgezogen. Er lud mich ein, gemeinsam seinen ehemaligen Zögling im Zoo zu besuchen. Schon als wir den Gang zum Gehege betraten, stieß der Gorilla die ersten leisen Freudenschreie aus. Er witterte sofort seinen Ziehvater. Das beeindruckte mich sehr, da dieser ja längere Zeit nicht zu Besuch gewesen war. Meine Begeisterung wich dann aber schnell einem gewissen Angstgefühl, als das Gehege aufgeschlossen wurde und der Ziehvater mich einfach mit in den Käfig hinein nahm. Der Gorilla, inzwischen zu stattlicher Größe herangewachsen, umarmte seinen Besucher glücklich und aufgeregt, blickte dann nach links zu mir und nahm mich ebenfalls in den Arm, ohne mich zu erdrücken. Mein Herzschlag setzte kurz aus, aber dann war es ein einmaliges Gefühl in der herzlichen Verbundenheit zwischen Mensch und Tier.

Und nun stand ich diesen großartigen Gorillas in freier Natur gegenüber.

Neun Tage sind wir bereits durch Uganda gefahren, immer im Hinterkopf an den Tag X denkend: Wird es regnen? Werden wir die Gorillas sehen…? Bis kurz vor unserer Ankunft in Entebbe hat es sintflutartige Regenfälle und Überschwemmungen gegeben. Seitdem sind die Hochwasser zurückgegangen und die Regenfälle seltener und kürzer. Das lässt hoffen. Wir können wieder auf den vorgeplanten Routen fahren, die Tage zuvor noch unpassierbar waren. Morgen werden wir zum Bwindi Nationalpark kommen, in dem mehrere Gorillafamilien leben. Die Spannung steigt, und trotz einiger Schlaftrunks wird es eine etwas unruhige Nacht voller Erwartung, Vorfreude und restlicher Ungewissheit, ob das Wetter mitspielen wird. Es hat gestern fast den ganzen Tag geregnet, heute aber scheint die Sonne, die langsam den Nebel verdrängt. Wir haben Glück. Aber der Boden ist noch feucht. Und dann beginnt das Abenteuer. Wir treffen die Ranger und Porter, müssen unsere Pässe abgeben und werden einer Gruppe zugeteilt. Maximal acht Personen gehören zu einer Gruppe. Bevor es losgeht, erhalten wir noch ausreichend Informationen über Sicherheitsvorschriften und Verhaltensregeln während der Suche nach den Gorillas und bei der Begegnung mit ihnen. In einem langen Habitationsprozess hat man die Bergorillafamilien an kurze einstündige Besuche gewöhnt. Dies ist die maximal erlaubte Zeit. Es gibt fünf Familien in diesem Park, und wir werden versuchen eine davon, die Bweza Familie, zu finden. Die Rangerin erklärt uns, dass die Familie von den Scouts in einer bestimmten Gegend gesichtet wurde, und wir also ungefähr wissen, wo sie sich aufhalten. Ich nehme mir einen Porter als helfende Hand. Dies sind junge Männer aus der Gegend, die sich auf diese Weise etwas Geld zum Leben dazu verdienen. Jedem von uns wird großer stabiler Stock noch zur Unterstützung mitgegeben, und auf geht’s. Voller Energie brechen wir auf, und es verspricht kein besonders schwieriger Weg zu werden, mit herrlichen Ausblicken auf das umliegende Panorama des Bergregenwaldes.

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Dann biegt unsere Rangerin links ab, und von da ab geht es steil bergauf durch dichtes Unterholz. Wir folgen den Guides, die mit den Macheten einen Pfad durch den Bergregenwald schlagen – immer mit einer Seite nah am Hang und rechts den Abgrund vor Augen. Wir sind inzwischen auf über 2000 Metern Höhe. Seit mehr als zwei Stunden geht es durch dichten Dschungel, über rutschiges, feuchtes Wurzelwerk, Dornenbüsche streifend, manches Mal in Lianen verheddert oder durch versteckte Senken strauchelnd. An manchen Stellen müssen wir recht steile Hänge hinaufklettern, immer in Gefahr abzurutschen oder uns zu verletzen.

Auf einmal spielt alles eine Rolle. Der Aufstieg bringt uns an unsere Grenzen. Jeder Ausrutscher und jedes Straucheln kostet Kraft und nur der Gedanke an die Gorillas lässt uns stur weiterlaufen, keuchend und mit starrem Blick auf das unwegsame Gelände vor uns. Kurze Pausen sind immer wieder nötig, und einer von und scheint fast zu kollabieren, so dass wir etwas länger verharren. Konditionell bin ich gut dabei, aber aber der feuchte und glitschige Boden erfordert volle Konzentration bei jedem Schritt. Mehrmals verdanke ich nur meinem Porter, dass alles gut geht. Von täglichen Verletzten und dem „Uganda Helikopter“ (acht sich abwechselnde Porter mit Trage) hören wir zum Glück erst nachher von Moses, unserem Fahrer. Der Aufstieg und die Suche werden immer beschwerlicher.

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Doch dann kehren die Lebensgeister schlagartig zurück. Durch die volle Konzentration bei jedem Schritt des steilen Aufstiegs und am Rande der Erschöpfung, gelangen plötzlich Geräusche an unsere Ohren. Ich bin wie elektrisiert. „Da müssen sie sein“ zeigt mein Porter weiter  nach oben. 

Letzte Energien werden jetzt mobilisiert, denn wir wollen die Berggorillas sehen, was nicht immer garantiert ist.

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Tatsächlich zurückgelegter Weg auf der Suche nach „unserer“ Gorilla-Familie (GPS)

Noch müssen wir eine Weile kreuz und quer weiter aufsteigen, dann das Stoppzeichen unserer Rangerin, und sie zeigt uns die ersten Mitglieder unserer Gorillafamilie hoch vor uns auf den Bäumen.

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Welch ein Anblick!
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Wie weggeblasen die Strapazen des Aufstiegs, und die Euphorie ist zurück, darf sich aber nicht äußern: Schweigen ist angesagt bei dieser Begegnung von Mensch und Tier in freier Natur. Eine Stunde haben wir nun Zeit die Bweza Gruppe zu beobachten. Ein tiefgehendes emotionales Erlebnis.

Wir gehen weiter, um näher an die Gruppe heranzukommen. Hinter einer Wegbiegung stoppt unsere Rangerin, und unvermittelt sehen wir uns einer Mutter mit zwei Jungtieren gegenüber. Ich frage leise: „Was nun?“ Sie zuckt mit der Schulter und beobachtet die Mutter voll konzentriert. Dann Entspannung. Das Muttertier dreht sich zur Seite, greift nach einem Ast und fängt an mit Genuss Blätter zu fressen.

Und die kleinen Gorillas verhalten sich wie alle Kinder, kommen munter und unbesorgt purzelbäumend auf uns zugerollt bis vor unsere Füße.

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So nah dürfen sie uns aber nicht kommen wegen der Infektionsgefahr. Nach einem kleinen Klaps mit der Seite der Machete ziehen sie sich beleidigt auf einen Baum zurück.

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Nach diesem erst spannenden und dann heiteren Erlebnis gehen wir weiter und treffen auf die gesamte Familie in einer Senke einige Meter unter uns.

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Zentraler Mittelpunkt: der Silberrücken
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Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 1-1-13-683x1024.jpgFressen und spielen sind die Hauptbeschäftigungen der Kleinen, am liebsten auf dem breiten Silberrücken.

Eine Stunde haben wir jetzt Zeit die Gorillas zu beobachten, eine Zeit, die wie im Fluge vergeht. Nach dem langen Aufstieg, aus unserer Sicht viel zu schnell, gibt die Rangerin das Zeichen zum Aufbruch. Doch dann bleibt sie plötzlich stehen und sieht etwas, was sie selbst trotz vieler Jahre im Park noch nicht erlebt hat: zwei Teenager machen ihre ersten, noch ungeschickten und vergeblichen Liebesversuche. Sie filmt dieses Ereignis ausgiebig, und so können wir noch eine Weile länger bleiben.

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Erfüllt und glücklich kommt die Realität des zwar kürzeren, aber nicht minder gefährlichen Abstiegs in unser Bewusstsein. Mit leichten Prellungen, Zerrungen und Dornenspuren erreichen wir, ansonsten unverletzt, unseren Ausgangspunkt im Bwindi Nationalpark.

Dort verabschieden wir uns von unseren Portern, ohne die wir dieses Abenteuer nicht geschafft hätten, und erhalten unser Gorilla-Trecking-Diplom. Als ich für das Diplom aufgerufen werde, fangen alle an zu klatschen. Die Ranger hatten wohl in meinem Pass mein Geburtsdatum gelesen, und ich soll der bisher älteste Teilnehmer bei diesem Trekking gewesen sein. Erstaunt und etwas gerührt bedanke ich mich, behandele noch kurz mit Hilfe meines Notfallpäckchens einen Ranger, der sich mit der Machete tief geschnitten hatte. Zurück ging’s dann ins Traveller’s Rest, der Lodge,  in der auch Dian Fossey damals gewohnt hatte.

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Der nächste Tag dient der Erholung, und wir nehmen das Angebot einer “Relaxing after Gorilla Massage“ dankbar an.

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Erst nach dieser Entspannung wurde mir richtig klar, welches Glück wir gehabt hatten mit diesem einmaligen Erlebnis der Begegnung mit der Bweza-Gruppe. Es gibt Ereignisse, wie auch vor vielen Jahren meine erste Gorillabegegnung, die nur schwer in Worte zu fassen sind.

Vor und nach der Gorillabegegnung sind wir mit insgesamt 2600 km eine große Runde durch ein schönes Land gefahren, ein Land das aber leider dabei ist seine Naturparks aus wirtschaftlichen Gründen zu zerstören. Hoffen wir auf eine Wende zu nachhaltiger Sicherung der Grundbedürfnisse der Menschen und Tiere, auf die Rettung einer einzigartigen Natur und darauf, dass noch für viele Menschen dieses Naturerlebnis in Zukunft erhalten bleibt.

(c)Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

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St.Pierre et Miquelon -wie alles anfing

Zwei Alumünzen mit der Aufschrift „St.Pierre et Miquelon“ hatte ich in der Hand beim Durchwühlen einer Kiste mit Münzen aus aller Welt in einem kleinen Amsterdamer Touristenladen. Offensichtlich französisch: 1 und 2 Francs.

Aus eigener Sammlung

Es war in den Mitfünfzigern und ich vielleicht 12 Jahre alt – eine Zeit ohne Internet, Wikipedia und Google. Neben anderen kleinen Münzen, deren Schrift ich nicht lesen konnte, nahm ich diese beiden Alumünzen mit nach Hause – für wenig Geld, denn es gab auch noch keine detaillierten Münzkataloge mit Preisangaben. Meine Neugier war geweckt! Seit einigen Jahren sammelte ich erst Briefmarken, tauschte dann die Briefmarken mit meinem Bruder gegen dessen Münzen ein und erschloss mir so nach und nach die ferne, lockende Welt. Niemand, weder mein Erdkunde- noch der Französischlehrer, konnten mit diesem Ländernamen etwas anfangen. Dabei blieb es zunächst, bis ich auf einen alten Briefmarkenkatalog der Gebrüder Senf stieß, der alle auch noch so kleinen Winkel dieser Welt aufführte, wo je eine Briefmarke erschienen war.

Hier fand ich schließlich St. Pierre et Miquelon, eine Inselgruppe 25 km östlich der kanadischen Küste und südlich von Neufundland. Es ist französisches Überseegebiet, gehört heute somit auch zur EU, und es ist alles, was von der früheren französischen Kolonie Neufrankreich bis heute übrig blieb. Und es ist der westlichste Punkt Europas.

Für heutige jüngere Leser_innen ist dieser Suchprozess (heute Recherche genannt) kaum nachvollziehbar. So eine Frage klärt man heute in Minutenschnelle über Google.

In der Folge suchte ich weiter nach exotischen Münzen, versuchte Inschriften zu entziffern und mich über andere Länder zu informieren. Eines blieb immer im Hintergrund: ich wollte einmal im Leben nach St.Pierre et Miquelon.

Schon früh wurde meine Sehnsucht andere Länder kennenzulernen durch meine reiselustige Mutter weiter forciert. Mit einem Käfer und Zeltausrüstung auf dem Dachgepäckträger zog sie mit uns Kindern los, und oft war auch der eine oder andere Freund dabei, in immer weiter entfernte Orte. Über die niederländische und belgische Nordseeküste und dann in den warmen Süden durch Frankreich nach Italien bis Rom. Im Winter ging es mit dem deutschen Alpenverein nach Österreich und in die Dolomiten zum Skilaufen. Der deutsche Drang nach Süden zu Wärme, Palmen und blauem Meer wurde nach den langen Kriegsjahren und den folgenden nicht leichten Aufbaujahren immer stärker.

Das waren für mich lässige Ferien am Strand und sportliche in den Bergen. Doch unvermeidlich in Italien waren auch die ersten Begegnungen mit Kultur, den Interessen meiner Mutter und älteren Geschwistern folgend, mit Museumsbesuchen und Kathedralen und der Begegnung mit dem alten Rom. Dazu kamen immer mehr persönliche Begegnungen mit Menschen bis hin zu familiären Kontakten. Das war so richtig etwas für mich und mein Interesse am Anderen.

Aber es sollte noch lange dauern, bis ich die fernen Ziele in Asien, Amerika und Afrika erreichte, die ich schon über erste Fantasien, ausgehend von neuen Münzen, kennengelernt hatte.

Und dann war es fast so weit, endlich nach St. Pierre et Miquelon zu kommen.

Wegen einer schon lange bestehend intensiven Familienfreundschaft in Seattle begannen viele Reisen dorthin, mit unterschiedlichen Vor-bzw. Nachprogrammen.

1996 fuhr ich, inzwischen mit eigenen Kindern, von NewYork nach Seattle und über den Transcanada Highway zurück an die Atlantikküste mit dem Ziel, am Ende nach St.Pierre et Miquelon zu kommen. Es blieben nur wenige Tage bis zum Rückflug, und dann, welch eine Enttäuschung! Sturm über dem Atlantik und keine Garantie mit dem Schiff rechtzeitig wieder zurückzukommen. Ein Wunsch, der nicht in Erfüllung ging.

Erst viel später, im Jahr 2011, anlässlich eines Kongresses in Toronto, blieb dann endlich genug Zeit nach Neufundland zu fliegen und dort eine 3-Tage Package zu buchen für die Schifffahrt und den Aufenthalt auf dem letzen Stück Frankreich in Nordamerika. Von Fortune Newfoundland bis nach St. Pierre et Miquelon braucht es 55 Minuten.

Nach ruhiger Überfahrt kam das erste Erstaunen bei der Einreise. Bei der Passkontrolle sollten wir schnell durchgewinkt werden, und man wollte mir den heiß ersehnten Stempel der Inselgruppe nicht in den Pass geben. Diese Erleichterung der Formalitäten gefiel mir gar nicht, und es brauchte ein bisschen Erklärung des Herzensanliegens zum Erfolg. Erst dann wurde uns bewußt, dass wir als Europäer nur in die EU zurück kamen. Ils sont fous, les Allemands, haben die Grenzer vermutlich gedacht. Aber ich hatte meinen Stempel im Pass und war glücklich.

Endlich der Stempel im Pass

Nach 68 Jahren ging nun endlich mein Wunsch in Erfüllung, diese Inselgruppe zu erleben.

Mit einem Schritt weiter kam der Eintritt in die französische Welt. Das Flair, die Geschäfte, die französischen Restaurants und Cafés und die selbstverständliche Sprache, da geht einem Frankophilen das Herz auf.

Ein Menü der Extraklasse mit ausgezeichneten Weinen genießen wir und das zu Preisen, die in Frankreich undenkbar sind

Trotzdem ist es nicht leicht, in dieser abgelegenen und vom Klima her unwirtlichen Gegend genügend Franzosen zum Bleiben zu bewegen. Französische Subventionen erleichtern das, indem man hier auf nichts verzichten muss, was man von Frankreich her kennt, vom französischen Wein bis zu …

Besonders deutlich macht sich die einsame Lage auf dem 45. Breitengrad bei einem Ausflug auf den südlichen Teil von Miquelon, „Langlade“. Hier weht ein kühler Wind über die hochwachsenden, dünnen Gräser, die das hügelige Inselland bedecken, so weit das Auge reicht.

Ab und zu ein längst verlassenes ehemaliges Landhaus, selten einmal eine Pferdegruppe, die davon zeugt, dass doch das eine oder das andere noch bewohnt zu sein scheint. Eine angehaltene Zeit.

(c) Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

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Grenzgänge

Wollen Sie wirklich nach Mexiko?

Mai 2016 in New Mexico

Wollen Sie wirklich nach Mexiko? Wir sind falsch abgebogen und stehen plötzlich am Grenzübergang der USA nach Mexiko. Erstaunt verneinen wir und dürfen umdrehen. Auf dem Highway fahren wir jetzt weiter westwärts, entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Rechts und links von uns leere weite Wüstenlandschaft und ein tiefer Graben, aus dem von Zeit zu Zeit Polizeiautos der Border Control hochfahren, auf der Suche nach illegalen Einwanderern.

Das schwarze Asphaltband vor uns flimmert in der brennenden Sonne, die uns den ganzen Tag begleitet. Mit dem bequemen Leihwagen, angenehm heruntergekühlt, Drinks auf der Konsole und Tempomat eingestellt, fahren wir entspannt weiter und können dabei die Landschaft vor uns erleben. Dieses Fahr- und Reisegefühl ist in Europa nicht zu haben. Wir sind, ausgehend von Los Angeles, zu einer Rundreise durch die Nationalparks des Südwestens losgefahren, mit einer gedachten Route, einigen festen Zielen, aber ohne genauen Plan außer dem Zwang des Rückflugdatums. Wir „tingeln“ gern und lassen uns überraschen, so auch jetzt, auf der Strecke von El Paso nach Westen, immer entlang der Grenze zu Mexico. Am späten Nachmittag fangen wir normalerweise an, uns um ein Motel zu kümmern. Die kleinen Ortsnamen auf unserer Karte lassen uns in Unsicherheit in dieser Gegend noch eine Unterkunft zu finden. Schon denken wir daran von dieser Grenzstraße zum Highway hochzufahren. Doch dann das Unerwartete: bei der Einfahrt nach Columbus sehen wir zu unserem Erstaunen ein großes Hotelschild. Ohne zu zögern fahren wir vor, und es ist „vacancy“.

Nach einem netten Gespräch mit Philip, dem Besitzer des Hotels, checken wir ein. Gegenüber an einem Gebäude wirbt ein großes Plakat für ein Restaurant, und alles scheint bestens zu sein. All dies in einem kleinen, etwas trostlos wirkenden Ort zu finden, hat uns überrascht.

Und dann kamen wir doch nach Mexico ohne die Marshallfrage, ob wir da wirklich hinwollen.

„Das Restaurant hier ist schon lange geschlossen. Ich fahr mit euch gleich rüber in ein gutes Restaurant in Mexiko, in 10 Minuten geht’s los. Das trifft sich gut. Ich muss da sowieso hin, in dieses Restaurant, deren Sohn ist neuer Schüler bei uns,“ sagt Philip, der Hotelier. Brauchen wir ein Visum für Mexico? Egal wir fahren hier hin und her, das macht nichts. I`ll drive.Freudige Überraschung und Erstaunen führte in kürzester Zeit dazu, dass sich unser Eindruck von einem kleinen, trostlosen Wüstenort diametral veränderte, und das in mehrfacher Hinsicht. Ich bin Republikaner und Ihr? war der Anfang des Gesprächs im Auto – ein unerwarteter Einstieg. Wir sind social democrats – ohne Kommentar ok.Und dann zeigte sich, wie eng Ideologien und Vorurteile sein können. Wie wichtig es ist, menschliche Begegnungen zu haben und den einzelnen Menschen zu erkennen ohne ihn gleich einzuordnen.

Auf der kurzen Fahrt zur Grenze und danach erfuhren wir seine beeindruckende Lebensgeschichte und die der Menschen in dieser hier grenzüberschreitenden Region. Ursprünglich aus Kalifornien und Unternehmer mit Produktionsstätte im Mexiko, ist er in Columbus geblieben und jetzt Bürgermeister von Columbus, Hotelier, Fremdenführer, Tourorganisator und Schulbusfaher in einer Person.

An der Grenze wurden wir einfach durchgewunken und kamen so in die Provinz Chihuahu.

Gleich hinter der Grenze sehen wir, untypisch für einen kleinen Grenzort, Schilder: American Dental Clinic und Optometrist Clinic. Hier fahren die Amerikaner hin, um zu günstigen Preisen den in den USA so teuren Zahnersatz und andere medizinische Leistungen günstig zu erhalten. Auf amerikanischer Seite gibt es dagegen eine Geburtsklinik, in der mexikanische Kinder bei der Geburt Amerikaner werden, erfahren wir während der kurzen Autofahrt. Als Schulbusfahrer holt unser Begleiter jeden Morgen die Kinder aus Palomas de Villa in die Highschool in Columbus und bringt sie abends wieder zurück. Seit über 50 Jahren fühlen sich die Menschen beiderseits der Grenze als im Grunde eine Kommune. Während er mit den Eltern über ihren Sohn als neuen Schüler der Highschool spricht, genießen wir ein äußerst leckeres mexikanisches Essen und fahren dann wieder, an der Grenze durchgewinkt, ins Hotel zurück.

Puerto Palomas de Villa , Chihuahua, Mexiko -Restaurant La Fiesta
Im Restaurant in Mexiko mit dem Bürgermeister von Columbus

Ein emotionales und unser Denken veränderndes Erlebnis einer gemeinsamen Welt, das einen starken Einfluss auf uns hat und vieles unserer bisherigen Vor-Urteile stark relativiert, weil vieles in neuem Licht erscheint.

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns herzlich und fahren weiter westwärts zu unserem nächsten Zielort mit dem in dieser Wüstengegend sehr erwartungsvoll stimmenden Namen Twenty Four Palms.

Mit Cocktails am Pool unter angestrahlten Palmen kehrt dann eine andere Realität schlagartig zurück. Wir genießen den Abend in Gesellschaft eines netten Paares, und dann kommt das Gespräch auf die Politik. Man zeigt uns auf dem Smartphone ein Video als Beweis, dass Hillary Clinton Muslima sei, und wir erkennen, dass wir im Wahlkampf 2016 gelandet sind.

Dies aber konnte unser Erlebnis von Columbus nicht überlagern.

Jetzt, Jahre später im November 2020 mit meinem Projekt über herausragende Momente auf meinen Reisen zu schreiben, kommen die Bilder und Gespräche zurück und die Frage, wie es Columbus ergangen ist.

Die Recherche zeigt Trauer und Hoffnung zugleich. Die Ideologie hat auch Columbus und Palomas nicht verschont. Die beiden Orte haben sich stark verändert und sie getrennt. Aber jetzt erscheint neue Hoffnung am Horizont, dass diese „once-human-border relationship“ (The Economist,26.02.98) wieder auflebt und der Wille ist da, die alten Verbindungen wieder aufzunehmen, bevor es zu spät ist.

Wir sind durch diese Wüstenlandschaft damals im Mai gefahren, und die sonst nur grünen Kakteen blühten in allen Rot- und Gelbfarben. Diese Blüten stehen für das möglich Schöne in dieser Welt und in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Es war einige Jahre nur eine Hoffnung, die vielleicht bei der nächsten Blüte zur Gemeinsamkeit zurückführt.

Der Wunsch kommt auf, diesen Ort wiederzusehen.

(c) Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved

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