Zwischen Hutong und Hard Rock Café

Oktober1998

Ein Tag im Oktober 1998, morgens 7.30 Uhr. Die aufgehende Sonne beginnt ihren Kampf gegen die Mischung aus Morgennebel und Smog. Nur schemenhaft ist ein roter Ball hinter den Dunstschleiern zu erkennen.

Sonnenaufgang in Beijing

Rote Fahnen und Musik. . An uns vorbei marschieren ca.3000 Schülerinnen und Schüler, um sich dann auf dem Sportplatz in Riegen aufzustellen. Musik ertönt und vor uns am Mikrofon gibt ein Sportlehrer Anweisungen für die gemeinsame Gymnastik. Zwei Tage wird dieses Sportfest dauern.

Wir sind die Ehrengäste und werden hier der ganzen Schule vorgestellt. Auf der Tribüne sitzen wir zusammen mit der Schulleiterin und ihren Vertretern an einem langen Tisch und nehmen die Parade ab, hören die Reden, sehen die ersten Wettkämpfe. Ein imponierendes Schauspiel, das einem unter die Haut geht. Eigentlich mögen wir ja solche Aufmärsche nicht, und dennoch üben sie einen merkwürdigen Reiz auf uns aus.. Hier sind sie Normalität.

Hier, das ist die Bayi Highschool in Beijing (Peking), Schule des Ersten August, dem Gründungsdatum der Volksbefreiungsarmee. Weniger martialisch präsentieren sich dann unsere Gastgeber. Frau Li, die Schulleiterin, herzlich und kompetent, organisiert für uns 7 Tage in Beijing, die uns unvergessen bleiben werden.. Alle Ängste auf Schüler-und Lehrerseite vor dem Unbekannten, sind schon kurz nach der Ankunft vergessen.

Wir, das sind 4 Lehrer, eine Mutter als Vertreterin der Schulpflegschaft, sechs Schülerinnen und Schüler und einige „Touristen“ – Bekannte, die mitgeflogen sind, um u.a. den Flugpreis günstiger zu machen.

Besonders für die Schülerinnen und Schüler bedeutet dieser Austausch ein intensives Programm. Sie besuchen die Schule, leben drei Tage in einer chinesischen Familie, essen in der Schulkantine, verbringen gemeinsam die Freizeit mit den gastgenenden Schülern – ohne Aufpasse zwischen Hutongs und Hard Rock Café, in entspannter und ungezwungener Atmosphäre und zaghafte Versuche chinesisch zu sprechen. Man freut sich auf ein Wiedersehen, die Begleiter hier sind die Austauschchüler für das nächste Jahr.

Eine Woche später. Aus der Ferne dringt Musik an mein Ohr. Ich erwache im Nebengebäude der Nanyang Highschool in Shanghai. Die Musik kommt aus den überall im Schulgebäude angebrachten Lautsprechern. So beginnt hier der Tag. Weiter ist nichts zu hören und ich bin völlig allein. Unter mir in weiteren vier Etagen die Turnhallen und Musikräume. Ich trete vor das Gebäude. Blau-rot leuchten von überall die Schuluniformen. Klassenweise treten die Schüler an und laufen in einem verzögerten Trab auf ein Kommando hin zum Sportplatz zur gemeinsamen Frühgymnastik. Hier treffe ich den Rest meiner Gruppe. Sie wohnen am Eingang der Schule in einem an Privatbetreiber verpachteten Gästehaus der SchuleFast 2500 Schüler sind angetreten und bewegen sich einstudiert zur Musik und zu den Anweisungen. Ein Chor auf der Balustrade über uns, ein riesiges rotes Banner mit „Welcome“ und dem Namen unserer Schule. Am Fahnenmast die deutsche Flagge. Der geniale Physiklehrer der Schule begrüßt uns auf chinesisch und deutsch auf einer von ihm selbst gebauten elektronischen Tafel. Der Schulleiter, Herr Zhang, stellt uns vor und heißt uns willkommen. Auch ich habe die Ehre, vor dieser Versammlung sprechen zu dürfen. Etwas für beide Seiten Wichtiges hat begonnen, nämlich der erste Besuch einer deutschen Schuldelegation in einer der größten und bekanntesten Schulen Shanghais, die eine über hundertjährige Tradition hat.

Wie alles anfing

Frau Bijun Chen-Derichsweiler (links) beim ersten von ihr vermittelten Kontakt

Wenn die Mutter mit dem Pferd schimpft, Mamā ma mâ wiederholen die Schülerinnen und Schüler der Chinesisch Arbeitsgemeinschaft der Geschwister Scholl Gesamtschule in Moers, um an diesem Beispiel die Töne der chinesischen Sprache zu üben. Freiwillig am Freitag Nachmittag sind sieg gekommen, um bei Frau Bijou Chen-Derichsweiler Mandarin zu lernen. Qualifikation heißt das Zauberwort. Wer mehr kann, hat mehr Chancen. Die Bedeutung der Sprachen in einer globalisierten Weltwirtschaft ist klar, die Bedeutung des asiatischen Wirtschaftsraumes im nächsten Jahrtausend auch. Ein Fachstudium und exzellente Kenntnisse einer asiatischen Sprache bedeuten Vorteile auf der Suche nach qualifizieren Arbeitsplätzen.

So fing alles an.Frau Chen, Industriedolmetscherin und Lehrerin an der Volkshochschule, hat die Idee zu einem Sprachkurs an der Schule begeistert aufgegriffen. Chinesischunterricht bei einer Chinesin, welch ein interessantes Angebot! Aber reicht es, die Sprache zu lernen? Sind nicht die Begegnung mit den Menschen und der Kultur der Zielsprache, der Erwerb von Wissen, die Verwandlung von Vorurteilen in Urteile sowie eine emotionale Begegnung Jungendlicher auf gleicher Ebene genauso wichtig? Frau Chen nahm die Angelegenheit in die Hand und aktivierte ihre familiären Kontakte nach Shanghai, ihrer Geburtsstadt, und nach Peking.

Erfolgreiche Verhandlunge

Herbst 1997. Mr.Yu als Vertreter des Internationalen Kulturbüros der Stadt Shanghai begrüßt uns am Flughafen von Shanghai. Frau Chen, ihr Mann und ich sind hier auf Einladung des Kulturbüros eingetroffen. Eine Woche verhandeln wir mit dem Kulturbüro und der Schule einen Vertrag für eine Schulpartnerscha. Die Verhandlungen. sind eingebettet in ein ausführliches Kultur- und Besichtigungsprogramm. Mit dem ausgefeilten Text in Englisch, Chinesisch und Deutsch fliegen wir weite nach Beijing. Noch ist unklar, ob diese Vereinbarung Realität wird. S

Schulleiter der Nanyang Model High School in Shanghai Zhang Jian

Schulleiterin der Bayi Highschool in Beijing Frau Li

Das gleiche Prozedere in Beijing. Unter Vorsitz eines Mitgliedes des Volkskongresses schließen wir auch hier einen Vertrag ab. An einem Ort werden wir hoffentlich Erfolg haben. Man hatte uns gewarnt, wie schwierig Verhandlungen mit Chinesen seien und wie ungewiss der Ausgang. Anstrengen und lang war es, aber auch höchst interessant.

Die Realität 1998: Zwei Schulpartnerschaften, eine mit Beijing, eine weitere mit Shanghai. Beide Seiten wollten der Erfolg.

Mai 1998: Am Flughafen Düsseldorf begrüßen wir die erste Delegation aus Shanghai. Zwei Schulleiter, der Vertreter des Kulturbüros, ein Lehrer, je zwei Schülerinnen und Schüler. Die Erwachsenen wohnen im Gästehaus der Firm Thyssen, die Jugendlichen in Familien. Ein Erlebnis! Endlose Essen, interessante Gespräche. Die Stadt Moers nimmt in zunehmenden Maße zur Kenntnis, dass es so etwas gibt: Schüleraustausch mit China. Mn wird neugierig, kommt hinzu, lädt ein und sponsert. Die Zeit vergeht allen viel zu schnell zwischen Landtag, Schule, Stadt und Exkursionen

Der Abschnitt hier fällt schwer. Aber man wird sich ja wiedersehen, im Herbst 1998 in China.

Veröffentlicht von

Dr.Mielke Burkhard

Autor: Dr. Burkhard Mielke Berlin ist meine Stadt – Geburtsort und seit Jahren wieder die Stadt, in der ich lebe. Geprägt hat mich am meisten mein Studium der Romanistik und des Sports an der Sporthochschule und Universität zu Köln. Begeistert hat mich jedoch meine Promotion zum Dr. phil. Diese ermöglichte mit dem Thema „Tourismus oder Völkerverständigung? Die internationalen Begegnungen der Schulen“ , eine Verbindung herzustellen zwischen der Faszination des Reisens und der Begegnung von Jugendlichen, Kulturen und Lebensorten. Als junger Lehrer waren es Schüler-Austauschfahrten mit Tunesien, als Schulleiter die Schulpartnerschaften mit Upstate New York, Beijing und Shanghai, als Präsident der Europäischen Schulleitungsvereinigung (ESHA) und Board Member der Internationalen Schulleitungsorganisation (ICP) viele internationale Tagungen zur Bildung der Jugend an unterschiedlichsten Orten der Welt. Immer war es mein Bestreben, andere mitzunehmen in diese Faszination des einen Augenblick lang Fremden, des Austausches und der neuen Erfahrungen, die uns auf immer andere Weise sagen: Ja, dies ist unsere Welt.

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