Verloren am Yang Tse Kiang

Oktober 1997Bootsfahrt auf der „Zhong Hua“ durch die drei Schluchten

Yangtze Fluss Karte
http://www.china-guide.de/

So langsam werden wir unruhig. Schon eine Weile warten Klaus und ich am Fuße des Ming Tempelberges auf unsere Gruppe, und niemand kommt. Die Abfahrt unseres Schiffes ist auf ca. 9:00 Uhr festgelegt. Es ist 8:45, und wir stehen allein in dem Gewimmel von Ständen und Händlern, inmitten vieler Einheimischer, von denen niemand Englisch versteht. Irgend etwas ist schief gelaufen, und wir fangen an zu ahnen, was passiert ist.

Wir sind zu sechst unterwegs. Eine Delegation aus Krefeld und Moers, neben mir noch Bijun, Chinesisch-Lehrerin in Krefeld und ihr Mann Klaus. Dazu als unsere Betreuung Meimei, die in Shanghai lebende Schwester Bijuns , ein Tour Guide sowie die Lehrerin Li der Nan-Yang Highschool in Shanghai, der zukünftigen Partnerschule der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Moers. Um diese Partnerschaft und eine weitere in Beijing zu vereinbaren, sind wir nach China geflogen. Zwischen den Verhandlungen in Shanghai und Beijing haben wir diese Flußkreuzfahrt auf dem Yang Tse Kiang gebucht. Es ist eine der letzten Möglichkeiten die Fahrt durch die „drei Schluchten“ vor der großen Flutung für das Staudammprojekt zu erleben. Wir gehen in Chongking am 18. Oktober an Bord unseres Schiffes „Zhong Hua“, was übersetzt China heißt. Kurz danach, am 8. November, wird der Yang Tse vorübergehend für die Schifffahrt gesperrt sein. Ab dann wird das Wasser in einen extra gebauten Kanal umgeleitet, um mit dem Staudammbau zu beginnen. Danach wird es dieses besondere Erlebnis, durch die engen, tiefliegenden Schluchten zu fahren, so nicht mehr geben. Der Flußpegel wird um bis zu 180 Meter steigen.

Es ist ein Schiff für Chinesen. Klaus und ich sind die einzigen Langnasen an Bord und werden mit der einzigartigen Zurückhaltung der Chinesen relativ distanzlos besichtigt. Das Schiff ist bis 2:00 Uhr nachts gefahren und hat für den Rest der Nacht in der Geisterstadt Fengdu angelegt. Gegen 5:30 Uhr werden wir geweckt. Es ist noch stockdunkel, als wir von Bord lange, steile Treppen zum Ufer hoch gehen, wobei ich fast einen dort angepflockten Esel umrenne.

Die Geisterstadt Fengdu

Außer uns sind nur wenige Leute unterwegs. Wir sehen, warum Fengdu die „Geisterstadt“ genannt wird: eine Stadt mit vielen leerstehenden oder schon abgerissenen Häusern der Bewohner, die schon weggezogen sind, weil ihre Stadt schon bald in den Fluten des dann gestauten Flusses versinken wird. An den steil abfallenden Wänden derSchlucht sind deutlich die weißen Farbmarkierungen zu sehen, bis wohin das Wasser steigen wird. Als wir durch das Eingangstor schreiten, wird es langsam hell, und wir fahren mit einer Gondelbahn in absoluter Stille über dichte Bambuswälder den Berg hinauf. Unter uns im Dorf ist die Bevölkerung bereits zum Frühsport angetreten: Schattenboxen, Übungen mit Schwertern und Stöcken, Qigong und modernere Formen wie eine Art Aerobic mit Musik. Die Rentner sitzen schon im Park mit ihren Vogelkäfigen. Dann kommen wir an der Tempelanlage an und klettern über Treppen auf fünf verschiedenen Ebenen zum Gipfel hoch, wo Hölle und Himmel in riesigen Figuren dargestellt sind. Die Seelen aller Menschen gelangen dem Glauben nach an diesen Ort, um entweder in den Himmel oder in die Hölle zu gelangen. Hier hoch oben haben wir einen weiten Blick auf den Yang Tse. Der Morgennebel lässt alles schemenhaft erscheinen wie auf den alten chinesischen Tuschzeichnungen. Die richtige Kulisse für diesen Ort, der seit der Han Dynastie als“ Eingang des Hades“ und auch als Sitz „des Königs der Unterwelt“ galt. Hier gilt es drei Prüfungen zu bestehen, die über Paradies oder Hölle und auch das nächstes Leben bestimmen. Rechtzeitig von unseren Begleitern gewarnt, mit welchem Fuß man über die Schwelle zum Pavillon des Himmelssohnes treten muss. Tritt man als Mann zuerst mit dem rechten Fuß über die Schwelle, wird man als Frau wiedergeboten und umgekehrt. Belächelt werden hier unwissende Touristen, die mal einfach so in die Halle treten. Unsere Begleiter halten sich lange in den einzelnen Tempeln mit verschiedenen Ritualen auf, und wir haben sie schließlich aus den Augen verloren. Ihre unerwartete Frömmigkeit hat uns dann doch überrascht, und wir beschließen mit der Gondel zurück in die Stadt zu fahren und dort auf unsere Gruppe zu warten. Wir warten und warten und warten und niemand kommt. 15 Minuten bleiben uns noch bis zur Abfahrt des Schiffes, und bei uns kommt leichte Panik auf ohne Pass und Gepäck in dieser kleinen Stadt irgendwo in China allein zurückzubleiben. Es gelingt uns mit Mühen, den Weg zum Fluss zu finden. Doch die Erleichterung währt nur kurz, denn dort erleben wir den nächsten Schock. Vor uns liegt nicht nur die eine Anlegestelle mit unserem Schiff. Es sind mehr als zehn Anlegestellen nebeneinander, und an jeder liegen in Reihen viele weitere Boote, was wir in der Dunkelheit nicht gesehen hatten.

Fest davon überzeugt unser Schiff am Namenszug jederzeit wieder erkennen zu können, gelang es uns jetzt nicht bei den vielen Schriftzeichen das Richtige zu finden. Und so gingen wir zur ersten Anlegestelle und dort ins erste Boot mit dem einzigen Anhaltspunkt, unserer Kabinennummer sieben, und wurden gleich enttäuscht. Nach mehreren Fehlversuchen gingen wir mit wachsender Sorge am Ufer entlang, als ich plötzlich den Esel erblickte, und meine morgendliche Begegnung mit dem Esel kam mir in die Erinnerung zurück. Dies war der richtige Steg, und tatsächlich, als man uns beim dritten Schiff die Tür der Kabine Nummer sieben öffneten, sahen wir unser Gepäck und hatten es so gerade noch geschafft. Wer aber noch fehlte, war unsere Gruppe, die eine Weile später auftauchte. Sichtlich nervös und ärgerlich, nachdem sie uns lange Zeit vergeblich gesucht hatten. Uns treffen böse Blicke, und wir geloben feierlich, keine Einzelaktionen dieser Art zu wiederholen, werden aber auf der gesamten weiteren Fahrt immer eng an der Leine gehalten. Des Rätsels Lösung war einfach. Sie waren nicht mit der Gondel zurückgefahren, sondern auf einem Fußweg an einem anderen Tempel vorbei ins Tal abgestiegen. Kurz nach 9:30 Uhr legt unser Schiff dann ab, und Fengdu verschwindet langsam. Die Anspannung läßt nach und wir freuen uns auf die Fahrt durch die weltberühmten Schluchten des Yang Tse.

Mittags schließt sich ein weiterer Landgang in Wangxiang an. Nur eine Stunde haben wir Zeit um den Shibao Pavillon zu besichtigen. Hier ist das Gewimmel noch größer als das heute Morgen, da es nur eine Anlegestelle gibt. Massen von Menschen wälzen sich den Berg hinauf. Steil geht es vom Ufer den Berg hinauf und wir kommen kaum durch, so aggressiv sind die Sänftenträger. Man wird ununterbrochen bedrängt und angefasst. Die Holzpagode ist an den Berg hinauf gebaut und hat zwölf Ebenen, die man über Steintreppen oder Holzstiegen erreicht. Es ist ein schönes Gebäude mit Ausblick auf den Yangtze. Die Zeit ist kurz und deshalb muss der Abstieg etwas schneller geschehen, da das Schiff bald wieder ausläuft. Noch einmal wollen wir nicht in Schwierigkeiten geraten. Den Rest des Tages verbringen wir an Deck, bis wir von Meimei zum Abendessen gerufen werden.

Meimei und Lehrerin Li hatten inzwischen im Dorf alles für unser Abendessen eingekauft. Aus der Kombüse des Schiffes übernahmen sie nur den Reis, da sie den Hygienebedingungen an Bord nicht trauten. Als wir zu unseren Kabinen nach dem Essen zurückkommen, werden wir dort schon erwartet. Es gibt hier ein Deck, auf das man normalerweise nicht oder nur gegen Bezahlung kommt. Bijun hatte unseren Führer darauf angesprochen und ihm für die zuständige Person unsere Visitenkarten gegeben. Visitenkarten sind in China unerlässlich. Und die Wirkung blieb nicht aus. Auf uns warten drei Personen , der Kapitän, sein Vize und der Parteisekretär, Pflichtbegleitung durch die KP Chinas, nicht zur Kontrolle, sondern „nur“ für die Sicherheit an Bord. Wir werden für morgen während der entscheidenden Phase dieser Fahrt in diesen speziellen Raum eingeladen, damit uns niemand dabei stören kann ein Video für die GDCF (Gesellschaft der deutsch-chinesischen Freundschaft“ zu drehen. Welch interessante Geschichte hatten sich unsere chinesischen Begleiter ausgedacht. Auf dem normalen Deck wird dort sicherlich großes Getümmel sein. Es werden noch Fotos gemacht, und man überreicht uns das Gästebuch für eine Eintragung. Wir formulieren die Eintragung in Deutsch und Chinesisch und schreiben noch eine Lobeshymne auf unsere Reisegesellschaft, in der der Reiseführer für seinen Einsatz gelobt wird. Er kümmert sich rührend um uns und hatte auch unsere Visitenkarten sofort zum Kapitän gebracht. Der Fototermin mit dem Kapitän führt fast zu einem Auflauf auf dem Schiff. Der vorher schon gute Service wird weiter intensiviert.

Bild von: chinarundreisen.com

Wir sind gegen 7:00 Uhr durch die erste Schlucht gefahren. Zu sehen, wie sich dieser gewaltige Strom verengt und eingezwängt zwischen hohen Bergen seinen Weg sucht ist ein beeindruckendes Schauspiel im Morgengrauen. Der Jangtse ist hier bis zu 400 Meter tief und nur 150 Meter breit. Es ist die spektakulärste und die schönste der drei Schluchten. Hunderte von Metern ragen die gezackten Gipfel empor, die alle mit Namen belegt sind. Dann wird der Strom wieder breit und wir bekommen nach Wuxia (Wushan), dem Ort wo, die zweite Schlucht beginnt. Hier mündet der Daning Fluss in den Yang Tse, der sich seinen Weg durch die so genannten „drei kleinen Schluchten“ Xiao San Xia bahnt. Unser Tagestrip dorthin ist ein besonderes Erlebnis in kleinen Booten durch die sehr tiefen, engsten Schluchten zu fahren. Zurück an Bord unseres Yang Tse Schiffes geht die Fahrt weiter hinein in die zweite Schlucht, die wir von der Kapitänsbrücke aus erleben. Wir haben noch ein paar Stunden Licht, um den Fluß entspannt zu genießen. Immer wieder tauchen kleine Tempel auf und die zwölf Berge an denen wir vorbei fahren haben alle Namen. Imposant ist wie eng der Fluss wird und oft weiß man nicht, wo und ob es überhauptweitergeht, bis dann nach einer engen Biegung die Fahrrinne wieder zu sehen ist. Im Steuerraum erleben wir die Manöver mit und können das Radar sehen. Die Sonne geht langsam unter als wir in die dritte Schlucht einfahren. Auf Einladung des Kapitän haben wir draußen gesessen auf Logenplätze. Als es dunkel wird gehen wir zum Abendessen. das wie immer mit viel Mühe von Meimei und Frau Li vorbereitet wurde. Allerdings ist vom Umweltschutz her hier alles eine Katastrophe. Das Einweggeschirr und alle Abfälle werden einfach über Bord geworfen. Als wir gerade zu unserer Kabine kommen erwarten uns der Parteisekretär, der Kapitän und der Steuermann. Sie überreichen uns Visitenkarten und Broschüren über das Schiffen und laden uns in den VIP Raum ein, eine besondere Ehre. Es werden viele Komplimente über die Bedeutung der deutsch-chinesischen Freundschaft ausgetauscht. Dann wird gesungen – hier sind alle im Karaokewahn. Schließlich müssen auch wir singen und ernten trotz unserer durch la la la untermalten Textschwäche begeisterten Applaus. Gegen 22:00 Uhr nähern wir uns dann der Schleuse von Gezuba. Der Parteisekretäre holt uns auf die große Brücke, kurz bevor wir in die 1981 erbaute Schleusenanlage einfahren. Bei gleißendem Scheinwerferlicht können wir den gesamten Schleusengang von hier aus beobachten Der Höhenunterschied, der durch die Schleuse überwunden wird, beträgt 19 Meter. Acht Schiffe gleichzeitig werden in die Schleuse manövriert.Wir fahren aus der Schleuse heraus und werden am nächsten Morgen sehen, wie sehr sich Fluss und Landschaft veränderte haben. Unser letzter Tag hat auf dem Schiff begonnen. Der Fluss ist sehr breit geworden. Links und rechts sieht man nur flache Ufer und von Zeit zu Zeit eine Ansiedlung. Nach einer letzten Exkursion zu einem Tempel mit Kalligraphien von Mao kaufen wir für den Abschiedsabend 10 Flaschen Yangtze Bier, die für den Transport kunstvoll mit Kordel zusammengebunden werden. Nach Mitternacht verlassen wir dann in Wuhan unser Schiff, um am nächsten Morgen weiter nach Beijing zu fliegen.

Welch ein Erlebnis, diese Fahrt noch kurz vor der Flutung und dann in einem Schiff ohne Touristen, mit chinesischer Begleitung und privilegiert mit extra Service als Gäste des Kaptäns und der Partei zu erleben.

East-West-North -South

Germany and Vietnam –  A Journey with Thomas Billhardt

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Vietnam, Halong Bay, 2019. It is a warm, summery night. Reflected on the water are the lights of other boats that, like us, have anchored for the night in this romantic spot. Dimly, you can see the cone-shaped and forested limestone islands that are characteristic of the bay.

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After an eventful day in this fantastically beautiful environment, we sit on deck with a glass of wine and talk about this bay and how it may have been even more beautiful years ago, without many visitors. 

Then a sentence breaks the silence: Now we sit here and talk to each other normally“. After a short silence, we toast and know that in this sentence all that has brought us here flows together and is brought to the point. The inviting travel flyer, which had aroused our interest at the end of a conference in the Rosa Luxemburg House, the announcement of the trip, and commentary on the trip by Thomas Billhardt, former GDR photographer and contemporary witness of the Vietnam War. Even though we had never heard of this photographer, who is known and appreciated in many parts of the world, we expected a knowledgeable travel companion and versatile insights into contemporary life in what was then North Vietnam. And so it was. Our first meeting with Thomas Billhardt had to wait, however; he had already flown ahead  to receive us in Hanoi.

Billhardt had become famous for his reports from Cuba and his presence during the Vietnam War. The entire West, where we grew up, inevitably knew the image of photographer Nick Út (The terror of War), the burning, naked little girl screaming in pain as she fled from more American napalm bombs;the pictorial indictment of the war in Vietnam. But none of us knew the photo „Love in War“ by Thomas Billhardt; a pair of soldier lovers with shouldered guns, holding hands, walking towards a lake. On one side, the horror and on the other side, in the midst of daily horrors and death, love and hope for a future without war.

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The picture „Love in war“ – found in a store in Hanoi

So it was no coincidence at all that the travel group, apart from my travel companion and me, consisted exclusively of fellow travelers from East Germany, who of course knew a of Thomas Billhardt, as well as connections with North Vietnam. It had become clear to us, gradually, that this was a booking not usual for us. A booking with a travel agency from the former GDR: the exclusive reader journey of the „new Germany“, the journey with a departure from Berlin Schöneberg with Aeroflot over Moscow to Hanoi. It became clearer with every traveler we talked to, that they had all grown up in the former GDR and still lived there today. and that We were nevertheless travelers together who, in this moment of sitting together in Halong Bay as a matter of course, realized how  this commonality had been taken for granted for a long time, even long after the fall of the Wall. And This realization of normality happened on the  fifth evening of our common journey, and a great openness and interest for each other developed.

The central experience of this trip from North to South in Vietnam was our travel companion, Thomas Billhardt. Every day we heard stories from him about his adventurous and often life-threatening assignment as a photographer in Hanoi. Because of the preparation of an exhibition with the Goethe Institute in Hanoi, he had his photo books with him which documented this difficult time of the bombing of Hanoi. The pictures of little boys seeking shelter under the manhole covers were particularly moving. The poignant descriptions were also so impressive because they were told from his own direct experience, without any hint of ideology, as an account of human life during this time in North Vietnam, of which we knew little. Equally captivating was his own life story, which made him a wanderer between the worlds of East and West. He had been sent to Cuba as a photographer for the government of the GDR and, what everyone did not know at the time, he did not disappear during a stopover in Canada but returned to the GDR. From then on, he had the opportunity to come to the West at any time. He was now considered „reliable“ and his fame – furthered by his appointment as a children’s photographer for UNICEF – made him pretty much untouchable. This continued until shortly before the end of the GDR, where he was in danger of losing his photo archive.  He was able to bring it to safety in an adventurous way.

East-West contrasts from old times to new, and their continuation stories occurred again and again on this trip. Two Vietnamese guides, both with wartime and postwar experiences of Germany, experienced two differentworlds. The guide of the first week had studied mechanical engineering in the GDR while the war raged at home, not entirely without a guilty conscience, but with a loyalty to old economic contacts and knowledge transfer. The second guide was a former refugee, illegally in West Germany, and in constant fear of being tracked down by the police. He was without papers and feared being deported home, which indeed he was not spared. He would like to visit his German friends again, with whom he is still in contact today, but he would not want to live in Germany anymore. He sees his home in today’s opening and developing Vietnam.

And so We moved through the country from north to south with an incessantly photographing travel companion, who in the evening already began to delete the less successful pictures. We learned about his first exhibition in Hanoi with large outdoor picture panels, and Billhardt reported that many came there who had been photographed and had survived the war. We discovered Hanoi differently than on a usual tourist trip: rode bicycles through rice paddies to a small village to cook Vietnamese food under the guidance of the villagers; attended a performance at the famous Lotus Water Theater; learned about Cham culture; experienced the adventure of a night train ride south to the ancient imperial city of Hué; and went on to Danang and then, to what for me is probably the most beautiful city, Hoi An, the city of a thousand lanterns.

On one of the last evenings, the stories continued. East-West German biographies  and the North-South experiences concerning Vietnam were exchanged. And there are more than two Germanys that became visible.

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From this trip, a friendship developed between Thomas Billhardt and us, and he just sent me his newly published illustrated book „Hanoi 1967 -1975“, initiated and supported by the Goethe-Institut Vietnam and published by Nhã Nam/Vietnam 2020, crowning his life’s work.

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ISBN 978-604-77-8377-9

All pictures © by Burkhard Mielke, all rights reserved, commercial and private use prohibited.

English translation editor : Dr. Marilyn C. Terranova, NY

St.Pierre et Miquelon-how it all began

2011

I had in hand two aluminum coins with the inscription „St. Pierre et Miquelon“, rummaging through a box of coins from all over the world in a small Amsterdam tourist store. Obviously French: 1 and 2 francs.

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This picture of the coins is from my own collection

 It was in the mid-fifties and I was maybe 12 years old – a time without Internet, Wikipedia, and Google. Among other small coins whose writing I could not read, I took these two aluminum coins home – for little money, because there were, as yet, no detailed coin catalogs with prices. My curiosity was aroused! For several years, I first collected stamps, then exchanged the stamps with my brother for his coins, and thus, gradually opened up the distant, alluring world to me. Nobody, neither my geography teacher nor the French teacher, could do anything with this country name. That is how it remained at first, until I came across an old stamp catalog by the Senf brothers, which listed all the corners of the world, no matter how small, where a stamp had ever appeared.

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Here, I finally found St. Pierre et Miquelon, a group of islands 25 km east of the Canadian coast and south of Newfoundland. It is a French overseas territory, so today it also belongs to the EU, and it is to this day, all that remains of the former French colony of New France. It is the westernmost point of Europe.

For today’s younger readers, this search process (today called research) is hardly comprehensible. Today, such a question can be answered in a matter of minutes via Google.

Subsequently, I continued to search for exotic coins, tried to decipher inscriptions and inform myself about other countries. One thing always remained in the background: I wanted to go to St. Pierre et Miquelon once in my life.

Early on, my longing to get to know other countries was further enforced by my travel-loving mother. With a Beetle and tent equipment on the roof rack, she set off with us children, and often one or another friend was also there, traveling to ever more distant places. Over the Dutch and Belgian North Sea coast and then to the warm south, through France to Italy to Rome. In winter, we went skiing with the German Alpine Club to Austria and the Dolomites. The German urge to go south to warmth, palm trees and blue sea became stronger and stronger after the long war years and the challenging years of reconstruction that followed.

For me, these were casual vacations on the beach and sporty ones in the mountains. But inevitably, in Italy, there were also the first encounters with culture; following the interests of my mother and older siblings, with visits to museums, cathedrals, and the encounter with ancient Rome. In addition, there were more and more personal encounters with people as well as family contacts. This was really something for me and my interest in them.

But it would be a long time before I reached the distant destinations in Asia, America, and Africa, which I had already learned about from my travel fantasies, starting with newly discovered coins.

And then it was almost time to finally get to St. Pierre et Miquelon.

Because of a long existing intense family friendship in Seattle, many trips started there, with different pre- or post-programs.

In 1996 meanwhile, with my own children, I drove from New York to Seattle via the TransCanada Highway and back to the Atlantic coast with the goal of arriving in St. Pierre et Miquelon at the end. Only a few days remained until the return flight, and then, what a disappointment! There was a storm over the Atlantic and there was no guarantee we would make it back in time to the ship. I had a wish that did not come true.

Much later, in 2011, I attended a convention in Toronto, and there was finally enough time to fly to Newfoundland. I booked a 3-day package for the boat trip and the stay on the last piece of France in North America. It takes 55 minutes from Fortune Newfoundland to St. Pierre et Miquelon. 

After a quiet crossing, I was astonished at the entry. At passport control we were to be waved through quickly, and they did not want to give me the much longed-for stamp of the archipelago in the passport. This easing of formalities did not please me at all, and it took a little explanation of my heart’s desire to succeed. Only then did we realize that as Europeans we were only returning to the EU. The border guards probably thought “Ils sont fous, les Allemands.” But I had my stamp in my passport and was happy.

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Finally the stamp in the passport

After 68 years, my wish to experience this group of islands finally came true.

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With one step further came the entry into the French world. A Francophile’s heart swells with the flair, the stores, the French restaurants, cafés, and the self-evident language. We enjoyed a menu of the additional selection of excellent wines at prices that are unthinkable in France.

Still, it is not easy to get enough French people to stay in this remote and climatically inhospitable area. French subsidies do, however, make this easier by not having to do without anything familiar from France, from French wine to …

The lonely location on the 45th parallel becomes particularly clear during a trip to the southern part of Miquelon, „Langlade“. Here, a cool wind blows over the tall, thin grasses that cover the hilly island country as far as the eye can see. Now and then one can see a long abandoned former country house, and a rare group of horses, which testifies to the fact that nevertheless, one or the other still seems to be inhabited. A stopped time.

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(c) Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

All pictures © by Burkhard Mielke, all rights reserved, commercial and private use prohibited.

English translation editor : Dr. Marilyn C. Terranova, NY

Die Kunst des anderen Reisens

Asien 1991 – über Singapur, Hong Kong, Macao und Bangkok nach Ho Chi Minh Cityein Schnellkurs in drei Wochen

Sie erkennen sich, wie auch immer, wodurch auch immer. Es sind unangepasste Globetrotter, Reisende, die in ein Flugzeug steigen und nach der Landung gucken, was so geht und was man machen kann. Sofort, kurz nach der Mitteilung aus dem Cockpit sich abschnallen zu dürfen, finden sie sich und fangen an Infos auszutauschen über Orte, wo noch keine Touristen sind, wie man da hin kommt, günstig übernachten, exotisch essen und dazu noch unberührte Strände und abgelegene Kulturgüter entdecken kann. Alles zusammen mit einem natürlichen und ungezwungen Kontakt zu den Menschen des Landes, woraus sich wieder neue Tipps für weitere Abenteuer ergeben.

Und jetzt sitze ich neben meinem Freund Jürgen, einem dieser Nomaden (im Zivilleben nicht als solcher sofort erkennbar) im Flugzeug nach Singapur, und habe das Glück diese Art des Reisens mitzuerleben, anfangs noch erwartungsvoll angespannt, dann es immer mehr genießend. Ankunfts- und Abflugort lagen somit fest- alles weitere ergibt sich aus einer Mischung von Wünschen und Gelegenheiten und führt am Ende zu einem nicht zu erwartenden Highlight .

Asien, für mich ein langgehegtes Traumziel, unterfüttert mit viel Bücherwissen, wird wahr. Mein erstes Zusammentreffen mit diesem Kontinent nimmt mich so in Bann, dass ich nicht weiß, wo ich zuerst hingucken soll. Jürgen, asienerfahren, bewegt sich mit einheimischen Verkehrsmitteln sicher durch die Metropolen Asiens. Und ich folge ihm staunend und alles um mich herum wie ein Schwamm aufsaugend. Wir landen um 9 Uhr morgens, buchen im Flughafen ein Hotel für eine Nacht, und los geht es mit Taxi zum Hotel und weiter mit der Metro zum Singapore River, einer der bewährten „anderen“ Reiseregeln folgend: raus aus dem Flugzeug und rein in das Leben, die kurze Zeit nutzen – schlafen und ausruhen kann man nachts.

Die Umstellung auf die schwüle Hitze verlangsamt unsere Schritte nur wenig bis zur ersten Pause am Singapore River mit Blick auf die berühmte Flußansicht mit den alten Handelshäusern. Hier entdecken wir zufällig ein Plakat mit Werbung für eine Ausstellung der HAN Dynasty, ändern unseren Tagesplan (eine weitere Regel, keine festen Vorabfestlegungen, alles ist offen) und wir haben ungeahntes Glück Tickets zu bekommen. Fasziniert stehen wir dann in einer großen Halle vor den Kriegern und Pferden aus Xian – die erste Ausstellung dieser Funde außerhalb Chinas.

Die Reiterarmee von Xian

Ten, Ten, Ten hallt es über einen nur von unzähligen offenen Feuerstellen beleuchteten Platz .

Nach der ersten Erkundung dieser blitzsauberen Stadt tauchen wir bei warmer Abendluft ein in die romantische Szene der lodernden Feuer, verführerischer Gerüche und Rauchschwaden des Satay Clubs. Ten chicken, ten beef, ten mutton – ein Genuss, den kein Restaurant bieten kann – die Atmosphäre macht’s – wir essen ungezählte dieser Spieße zusammen mit eiskaltem Tiger Beer, genießen den Abend und gehen dann langsam vorbei am Merlion, dem Wahrzeichen der Stadt ins Hotel zum ersten Ausruhen nach einem langen Flug.

Satay Club Singapore

Endlich ausgeschlafen, fliegen wir mittags weiter nach Hong Kong. 3/12 Stunden später sind wir im abenteuerlichen Landeanflug auf den alten Kai Tak Airport, d. h. geradeaus bis kurz vor einen Berg, 90 Grad nach rechts und knapp über die Hochhäuser hinweg, fast die auf den Dachterrassen der Hochhäuser aufgehängte Wäsche touchierend, touch down auf die kurze Piste am Meer. Kai Tak war seinerzeit einer der gefährlichsten Flughäfen der Welt. Kaum angekommen ein Blick zum Himmel, blauer Himmel und Sonne, das bedeutet nach den Reiseregeln, Koffer abwerfen und hoch zum Peak den phantastischen Postkartenblick über die Bucht und die Stadt zu genießen. Stunden später kommen wieder Wolken auf, es gilt den richtigen Augenblick zu erfassen.

Hong Kong, diese vibrierende, pulsierende, nie schlafende Megacity nimmt dich unmittelbar mit hinein in den ständig flutenden Strom der Menschen und Autos. Welch ein Kontrast zu Singapur – eine völlig andere Welt nur wenige Flugstunden voneinander entfernt. Und als sich abends der Hunger einstellt, leuchten Jürgens Augen, als er uns, einer weiteren Regel folgend, nicht in ein Restaurant, sondern zum Poor Man’s Night Club auf Hong Kong Island bringt. Lautes buntes Treiben openair und Feuerstellen rundherum. Sauberkeit? Hygiene? Auf den ersten Blick nicht wirklich zu erkennen. Ein erster Rundblick und ich sage spontan „hier esse ich nicht“, den Durchfall schon vor Augen. Und dann war ich es, der am nächsten Abend nur dort wieder hinwollte, leckerer kann man nicht essen und trotzdem gesund bleiben. Die alte Regel, „cook it, boil it or forget it“ war hier gesichert durch die riesigen Woks über den hellen Flammen. Nach mehreren Gängen gut gesättigt, fahren wir mit der „Star Ferry“ wieder zurück nach Kowloon und unternehmen noch einen Verdauungsbummel über einen anderen night market: Die berühmte Temple Street mit Wahrsagern, Handlesern, kleinen Bühnen mit Canton-Operaufführungen, Majong spielenden älteren Herren, schon in Schlafanzügen und Pantoffeln, unzähligen Verkaufsständen.

Poor Man’s Night Club Hong Kong Island

Spontan gebucht für den nächsten Tag hatten wir eine Fähre nach Macao, und es sollte erst losgehen, wenn eine weitere Regel für Asien eingehalten war: Toilettengang für den ganzen Tag im Hotel, und erst dann auf Tour. Wir fuhren mit dem normalen Boot zusammen mit den Einheimischen, das Schnellboot nehmen die Eiligen und Touristen. Und bald wurde mir klar warum. Kurz nach Verlassen der Hoheitsgewässer Hong Kongs gab es einen riesigen metallischen Krach auf unserer Fähre – nicht von einer Kollision, sondern von hunderten in Hong Kong verbotenen Spielautomaten ratterten die Gitter herunter, und fast alle an Bord stürzten sich an die Geräte, für einige Stunden Glücksspiel pur. Macao, das portugiesische Pachtgebiet, ist interessant zu sehen, hat aber vor allem den Las-Vegas-Flair einer Casionostadt. Das große Casino war eher langweilig, aber am Meer lag das Floating Casino, ein Abenteuer dort zu sein. Eine ganz andere Klientel hockte da, streng überwacht, an den Spieltischen, tief gebeugt über ihre uns unbekannten altchinesischen Spielkarten, diese nur dicht vor ihrem Gesicht kurz am Rand aufliftend, vor Blicken von wo auch immer sicher. Ein Feeling wie in einem Mafia Film. An den Türen auf den verfilzten Uralt-Teppichen die alten Spucknäpfe, Relikte aus früheren Dynastien, die zielsicher benutzt wurden. Nicht allzu lange können wir bleiben, von allen Seiten argwöhnisch als „Langnasen“ beäugt, eine Art diskreter Rausschmiss.

Floating Casino Macao

Und weiter geht’s nach Bangkok, wo wir nach Besichtigung der Hauptsehenswürdigkeiten zu einem kleinen, Jürgen von früher bekannten Reisebüro gehen. Wir geben unsere Pässe ab – ich glaube, die sehen wir nie wieder – und bitten den Chef des Exotissimo -Travel- Bureaus etwas für uns „off the beaten tracks“ in Indochina zu finden, Anfang der 90er für Touristen noch absolutes terra incognita. Durch den dichten Verkehr fahren wir dann mit dem Bus an die Küste um nach Kot Samed überzusetzen, einer kleinen Insel im Golf von Thailand. Am Strand eine größere Hütte, wo wir unsere Koffer abgeben. Hier habe ich wohl zum letzten Mal dieses Unsicherheitsgefühl, z.B. mein Gepäck nie wieder zu sehen. Diese andere Art zu reisen war zunehmend Teil meines Verständnisses von „Reisen“ geworden. Wir steigen in ein kleines Boot zu einer Insel ohne Tourismus zur absoluten Stranderholung. Am Landesteg werden wir mit einer Kreidetafel begrüßt von dem stolzen Besitzers seines ersten Cellphones, über das unsere Hütten erstmal gebucht werden konnten. Eine traumhafte Zeit, etwas gewöhnungsbedürftig nur das Schlafen auf Bambuspritschen. Das schönste Erlebnis kam am nächsten Morgen. Die Inselbewohner auf unserer Seite der Insel, die Frauen in ihren bunten Kleidern, gingen zum Sonnenaufgang ins Meer; und wir standen mit ihnen bis zum Hals im warmen Wasser, der frühen Sonne entgegen blinzelnd. Ein letztes Paradies, aber leider auch schon gefährdet: An unserem letzten Tag legte ein erstes Boot mit Tagestouristen aus Bangkok an…

Der Pineapple Beach von Koh Samed

Zurück in Bangkok sah uns der Chef des Reisebüros schon kommen und winkte mit unseren Pässen. Strahlend übers ganze Gesicht verkündete er uns die totale Überraschung, dass wir mit zu den allerersten Ausländern gehören, die nach dem Vietnamkrieg ins Land kommen können. Stolz überreicht er uns ein Dreitagesvisum und Ticket für Ho Chi Minh City (Saigon). Wir können es kaum glauben und haben auch nicht mehr viel Zeit bis zum Abflug. Wir geben unser Gepäck im „left luggage“ ab und fliegen nur mit dem Nötigsten ab.

Wir werden von unserem Führer, einem linientreuen verdienten Mitglied der KP Vietnams, abgeholt und in ein Hotel gebracht. Schon während der Fahrt erhalten wir klare Anweisungen über das Programm und eine Karte, auf der die Stadtteile markiert sind, in die wir nicht dürfen. Jahre nach Ende des Vietnamkrieges öffnet sich Vietnam vorsichtig, und man fühlt sich weit zurückversetzt in der Zeit.

Nach einer, garantiert nicht der letzten, lukullinarischen Kostprobe in Saigon lassen wir uns mit Tricyclen durch Saigon fahren.

Tricycle Taxi in Saigon

Auf den Strassen wimmelt es von Fahrrädern, Mofas, Rikschas, nur vereinzelten Autos und den Menschen, die in ständiger Bewegung sind. Erschreckend, wie dünn und ausgezehrt viele sind. Aber alles funktioniert ohne Unfälle in diesem Verkehrsgewühl ohne erkennbare Regeln. Und dann tauchen wir ein in die Schrecken des Vietnamkrieges. Vorbei an ausgebrannten Panzern, auf denen Kinder spielen, und abgeschossenen Helikoptern gehen wir ins Kriegsmuseum. Die Fotos der Opfer von Napalmbomben und die als Folge von Agent Orange entstellten Föten in Glascontainern lassen uns erstarren. Was wir dort sehen, ist kaum zu ertragen und wirkt noch lange nach.


Am nächsten Tag fahren wir mit unserem Führer über Land vorbei an malerischen Reisfeldern und tausenden von Enten, die in Lastwagen herangefahren werden und sich in die unter Wasser stehenden Reisfelder zur natürlichen Schädlingsbekämpfung stürzen. Unser Ziel sind die berühmten Tunnelanlagen von Chu Chi, deren Eingänge so gut getarnt sind, dass wir sie trotz intensiver Suche nicht finden können. Sie werden gerade für Besichtigungen hergerichtet, und es ist ein beklemmendes Gefühl in einen solchen Tunnel hineinzukriechen. Die Gänge in drei Etagen hielten in Kriegszeiten alles vor, was die Vietcong brauchten; auch Küchen, deren Rauch zur Ablenkung so geleitet wurde, dass er erst Kilometer entfernt auftauchte. Absurd allerdings war wohl ein als Devisenbringer eingerichteter Schießstand, betreut von teilamputierten „Vietcong“, um dort mit den alten Waffen der Vietcong zu schießen. Wir lehnen das Angebot höflich ab. Auf dem Rückweg fahren wir an der amerikanischen Botschaft vorbei, wo in Panik die letzten amerikanischen Soldaten und Botschaftsangehörigen in Hubschraubern vom Dach aus knapp vor den einrückenden nordvietnamesischen Truppen entkommen waren.

Die unsichtbaren Tunneleingänge

Zurück in Saigon blitzt in all den Kriegserinnerungen und -folgen der Charme, die Schönheit und die heitere Fröhlichkeit der Menschen in Vietnam auf, personifiziert in unserer jungen, hübschen Betreuerin Thuy , die uns in ihrem typisch vietnamesischen, seitgeschlitzten Kleid (Ao Dai) durch die Reunification Hall führt. Ein Zeichen der Hoffnung auf ein Leben ohne Krieg.

Die Zukunft eines glücklicheren Lebens in Vietnam hat begonnen

Danach auf den Straßen aber doch wieder die Konfrontation mit den Opfern der amerikanischen Bombardements: An Armen und/oder Beinen amputierten Kriegsversehrten, die sich mit ihren verbliebenen Knochenstümpfen, auf Pappkartons kauernd, mühsam einen Weg durch die Menge bahnen, um ein kleines Almosen betteln…

Mutige Entschiedenheit Außergewöhnliches zu tun, wenn es plötzlich möglich ist, erlebte ich als ein weiteres Merkmal des anderen Reisens. Besondere Orte zur einzigartigen Zeit zu erleben, kleine Zeitfenster oft ruckzuck wieder zu. Ein solches Erlebnis erschließt sich uns auch hier. Nur wenige Stunden bleiben uns heute noch in Ho Chi Minh City, und wir entwischen durch den Lieferanteneingang unserem Führer, mieten eine Tricycle, und der Fahrer fährt uns in verbotene Bezirke, zu Kellergewölben, wo ehemals Kunstschätze aus Tempeln versteckt waren, und zu einem Markt, aus dessen Labyrinth wir alleine wohl nur sehr mühsam wieder herausgefunden hätten. Er hatte nicht draußen gewartet, sondern uns begleitet, zunächst unbemerkt, an zwei Stellen gesagt weiter zu gehen und uns so die Sicherheit gebend, diesen Ausreißer-Trip zu genießen, um dann mit etwas schlechtem Gewissen zu unserem „Aufpasser“ zurückzukehren. Die leichte Panik wich nur langsam aus dessen Gesicht, als er uns ankommen sah. Zur Versöhnung luden wir ihn am Abend zu einer „dinner cruise“ auf dem Saigon River ein. Eine winzige Küche im Unterdeck, in der schweissgebadete Köche frisch gefangene Meeresfrüchte für uns im Wok zubereiteten, während wir im Oberdeck einen Blick auf die am Kai liegenden Transportboote blicken konnten; entladen wurden sie nicht etwa mit Kränen, sondern von Kulis, die auf schwankenden Planken zentnerschwere Reissäcke auf ihren Schultern balancierten…
Vietnam 1991, welch ein Erlebnis zum Ende einer Asien-Reise, die mich für zukünftiges Reisen prägte.

(c) Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

All pictures © by Burkhard Mielke and Jürgen Steinmeyer, all rights reserved, commercial and private use prohibited.

Border Crossings

Border crossing points 

May 2016 in New Mexico

Do you really want to go to Mexico?

We took a wrong turn and suddenly we are standing at the border crossing of the USA to Mexico. Astonished, we are denied entry, and are allowed to turn around. On the highway, we now drive farther west along the American Mexican border. To the right and left of us, there is an empty wide desert landscape; and a deep ditch, from which, from time to time, police cars of the Border Control drive up, looking for illegal immigrants.

The black asphalt band in front of us flickers in the burning sun that accompanies us all day long. With the comfortable rental car, pleasantly cooled down, drinks sit on the console and cruise control.  We continue our journey, relaxed, and can experience the landscape in front of us. This feeling of driving and traveling is not available in Europe. We started from Los Angeles for a round trip through the national parks of the southwest, with an imaginary route. We had some fixed destinations but without a precise plan – except for the pressure of our return date. We like to „tinker“ and let ourselves be surprised, as we are on the route from El Paso to the west, always along the border to Mexico.  We usually start looking for a motel in the late afternoon.  We cannot assume that the small-place names on the map will be a place to stay. We are thinking about driving up from this border road to the highway. But then the unexpected happens: at the entrance to Columbus we see, to our astonishment, a big hotel sign. Without hesitation, we drive up and it says „vacancy“. 

Hotel Las Milagros Columbus, New Mexico

After a nice talk with Philip, the owner of the hotel, we check in. Opposite a building is a big advertisement for a restaurant and everything seems to be fine. To find all this in a small, a little bit desolate place, surprised us.

United States- Mexico – Border cities

Then we came to Mexico with the important question of whether we really wanted to go there.

„This restaurant here has been closed for a long time. I’ll take you over to a good restaurant in Mexico in 10 minutes.  That’s a good thing. I have to go to that restaurant anyway, their son is a new student here,“ says Philip, the hotelier. 

Do we need a visa for Mexico? “,we ask.

“It doesn’t matter if we drive back and forth here, it doesn’t matter, I will drive,“ said Philip.

Joyful surprise and amazement quickly changed our impression of a small, desolate desert town in many ways. 

I am a republican and you‘re? was the beginning of the conversation in the car – an unexpected start. “We are social democrats”, we said. 

“Ok”, he said without comment. Then it became clear how narrow ideologies and prejudices can be; how important it is to have human encounters and to recognize the individual without classifying him or her in the same way.

On the short drive to the border and afterwards, we learned about his impressive life story and that of the people in this region, which borders nearby. Originally from California and an entrepreneur with a production plant in Mexico, he stayed in Columbus and is now the mayor of Columbus, hotelier, tour guide, tour organizer and school bus driver, all combined in one person.

We were simply waved through at the border and thus came to the province of Chihuahu.

Just behind the border we see signs atypical for a small border town: American Dental Clinic and Optometrist Clinic. This is where the Americans go to get cheap dental prosthesis and other medical services that are so expensive in the USA. On the American side, there is a maternity clinic, where Mexican children are born Americans;  we learn this during the short drive. As the school bus driver, our companion picks up the children from Palomas de Villa every morning, takes them to the high school in Columbus, and brings them back in the evening. For more than 50 years, people on both sides of the border have felt basically like a community. While he talks with the parents about their son as a new high school student, we enjoy a super Mexican meal and then drive back to the hotel, waved through at the border.

Puerto Palomas de Villa, Chihuahua, Mexiko: in the restaurant La Fiesta with the mayor of Columbus

We had an emotional and thought-changing experience of a shared world, which has a strong influence on us and strongly revitalizes many of our previous prejudices, or rather, transforms them into new judgments.

The next morning, we cordially say goodbye and drive further west to our next destination with the name Twenty-Four Palms, which is expected in this desert region. 

With cocktails at the pool under illuminated palm trees, reality suddenly returns. We enjoy the evening in the company of a nice couple and then the conversation turns to politics. We are shown a video on our smartphone as proof that Hillary Clinton is Muslim, and we realize that we have landed in the 2016 election campaign. But this could not overshadow our experience of Columbus.

Now, years later, in November 2020, with my project to write about outstanding moments on a journey, the images and conversations come back and the question of how Columbus fared. The research shows grief and hope at the same time.

The ideology did not spare Columbus and Palomas either. The two places have changed greatly and separated them.

But now new hope appears on the horizon, that this „once-human-border relationship“ (people.uweg.edu) will become a reality, is revived and the will is there to resume the old connections before it is too late.

We drove through this desert landscape in May and the otherwise only green cacti bloomed in all red and yellow colors. These flowers stand for the possible beauty in this world and in interpersonal relationships. For some years, it was only a hope, which perhaps leads back to the common ground with the next flowering.

The wish arises within us to see this place again.

(c) Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

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English translation editor : Dr. Marilyn C. Terranova, NY

Gorilla Meetings

Uganda 2020

Almost 50 years ago, an acquaintance told me that he had raised a baby gorilla for a zoo at his home a few years earlier. He invited me to visit his former fosterling at the zoo. As soon as we entered the corridor to the enclosure, the gorilla let out the first silent cries of joy. He immediately sensed his foster father. This impressed me very much, since he had not been to visit for a long time. My enthusiasm quickly gave way to a certain feeling of fear when the enclosure was unlocked and the foster father simply took me into the cage. The gorilla, by now grown to a stately size, hugged his visitor happily and excitedly, then looked to my left and also took me in his arms without crushing me. My heartbeat stopped briefly, but then it was a unique feeling in the warm bond between man and animal.

And now I was face to face with these magnificent gorillas in the wild.

We have driven through Uganda over the past nine days, always thinking in the back of our minds about day 10 : Will it rain? Will we see the gorillas…? Shortly before our arrival in Entebbe, there were torrential rains and floods. Since then, the floods have receded and the rains are less frequent and shorter. This gives us hope. We can drive again on the pre-planned routes, which were impassable days before. Tomorrow we will arrive at Bwindi National Park, where several gorilla families live. Excitement is building, and despite a few nightcaps, it will be a somewhat restless night of anticipation, and residual uncertainty as to whether the weather will cooperate. It rained most of the day yesterday, but today the sun is shining, slowly displacing the fog. We are lucky. But the ground is still damp. And then the adventure begins. We meet the rangers and porters, have to hand in our passports and are assigned to a group. A maximum of eight people belong to a group. Before we start, we get enough information about safety regulations and rules of conduct during the search for the gorillas and the encounter with them. There are five families in this park and we will try to find the Bweza family. Our ranger tells us that the family has been spotted by the scouts in a certain area, so we know approximately where they are. I take a porter as a helping hand. These are young men from the area who earn some extra money to live this way. A large sturdy stick is given to us for support, and off we go. Full of energy we set off, and it promises not to be a particularly difficult path, with magnificent views of the surrounding panorama of the mountain rainforest.

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Then our ranger turns left, and from there it’s a steep climb through dense undergrowth. We follow the guides, who cut a path through the mountain rainforest with machetes – always with one side close to the slope and the abyss in front of our eyes on the right. We are now at an altitude of over 2000 meters. For more than two hours we have been walking through dense jungle, over slippery, damp roots, brushing against thorn bushes, sometimes getting tangled in lianas or stumbling through hidden depressions. In some places we have to climb quite steep slopes, always in danger of slipping or hurting ourselves.

All of a sudden, everything matters. The climb takes us to our limits. Every slip and stumble costs strength and only the thought of the gorillas keeps us running stubbornly, panting and staring at the impassable terrain in front of us. Short breaks are necessary again and again, and one of our group almost seems to collapse, so that we stay on our break little longer. Physically I’m doing well, but my somewhat too slippery shoe soles require full concentration at every step. Several times I owed my Porter for everything going well. Fortunately, we only hear about daily casualties and the „Uganda Helicopter“ (eight alternating porters with stretcher) later from Moses, our driver. The ascent and the search became more and more arduous.

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But then our high spirits abruptly return. Due to the full concentration at every step of the steep ascent and on the verge of exhaustion, sounds suddenly reach our ears. I am electrified. „They must be there“ my porter points further up. Our last energies are now mobilized; we want to see the mountain gorillas, which is not always guaranteed.

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Actual distance traveled in search of „our“ gorilla family (GPS)

We still have to crisscross for a while, then we see the stop sign of our ranger. She shows us the first members of our gorilla family high in front of us on the tree branches.

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What a sight!
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The exertions of the ascent are blown away, and the euphoria is back, but we are not allowed to express it: Silence is the order of the day at this encounter of man and beast in the wild. We have one hour to observe the Bweza group. Tis is a profound emotional experience.

We continue walking to get closer to the group. Behind a bend in the road, our ranger stops, and suddenly we find ourselves face to face with a mother and two cubs. I ask quietly, „What now?“ She shrugs her shoulder and watches the mother with full concentration. Then she relaxes. The mother turns to the side, grabs a branch and starts eating leaves with gusto.

The little gorillas behave like all children, and come rolling towards us, cheerful and unconcerned, right up to our feet.

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But they are not allowed to come that close to us because of the danger of infection. After a small slap with the side of the machete, they retreat to a tree, insulted.

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After this first exciting and then cheerful experience, we move on and meet the whole family in a hollow a few meters below us.

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Central focus: the silverback
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Eating and playing are the main occupations of the little ones, preferably on the wide silver back.

We now have an hour to observe the gorillas. From now on, time is running out and I want to savor every second of it. Various emotions are pouring in on me and I can hardly believe how carefree the animals – sometimes only an arm’s length away from me – are going about their business. After the long ascent, from our point of view much too fast, the ranger gives the sign to leave. But then she suddenly stops and sees something that she herself, despite many years in the park, has never experienced: two teenagers make their first, still clumsy and futile attempts at love. She films this event extensively, and so we can stay a while longer.

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They do not let us disturb them. In a long habitation process, the Bergorilla families have been accustomed to these short visits.

Fulfilled and happy, the reality of the shorter but no less dangerous descent enters our consciousness. With slight bruises, strains and thorn marks, we reach our starting point in Bwindi National Park, otherwise unharmed.

There we say goodbye to our porters, without whom we would not have managed this adventure, and receive our gorilla trekking diploma. When I am called for the diploma, everyone starts clapping. The rangers must have read my date of birth in my passport, and I am supposed to have been the oldest participant here so far. Astonished and a little touched I thank them. Before we left I treat with the help of my emergency package a Ranger, who had cut himself deeply with the machete and made it „expertly“, as learned in the first aid class. Then we went back to Traveller’s Rest, the lodge where Dian Fossey had also stayed.

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The next day is dedicated to rest, and we gratefully accept the offer of a „Relaxing after Gorilla Massage“.

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Only after this relaxation did I really realize how lucky we had been with this unique experience of meeting the Bweza group. There are events that are difficult to put into words.

Before and after we drove a total of 2600 km, a big circle through a beautiful country. Unfortunately it is destroying its natural parks for economic reasons. Let’s hope for a turn to sustainable protection of the basic needs of people and animals in this beautiful but very poor country, and for the salvation of a unique nature.

(c) Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

All pictures © by Burkhard Mielke and Jörg Neidig, all rights reserved, commercial and private use prohibited.

English translation editor : Dr. Marilyn C. Terranova, NY

Die große Migration

Safari in Tansania, Februar 2016

Unsere Begegnung mit der Serengeti („die Unendlichkeit“ wie uns Fahrer Steven den Namen übersetzt) beginnt mit einem Knall: Kurz nach der Einfahrt in den Nationalpark stoßen wir auf eines der faszinierendsten Ereignisse, denen man hier begegnen kann: die „Great Migration“, die große Gnu-Wanderung, die jedes Jahr im Februar/März beginnt. Mehr als 1,7 Millionen Gnus, 250.000 Zebras und noch mal so viele verschiedene Gazellen-Arten sind gemeinsam unterwegs.

Unterwegs sein heißt für sie: den ganzen Tag Rennen, Rennen, Rennen, und am frühen Abend Ausschwärmen in die ganze Ebene zum Fressen, Fressen, Fressen für die Strecke des kommenden Tages, und in dieser Zeit muss alles passieren, was Erholung und neue Kraft bringt auf dem Weg aus dem bereits von der Sonne versengten in die noch frischen Grasflächen und nördlichen Wasserstellen, immer auf der Hut vor den bereits auf sie wartenden Raubtiere, die ihrerseits ums tägliche Überleben kämpfen.

Wir wollen dieses Schauspiel noch ewig genießen, aber wir müssen weiter, denn es beginnt zu dämmern und die Lodge wartet. Dort tauschen wir uns mit den anderen Gruppen aus und genießen dieses unerwartete Erlebnis bei kühlem Serengeti-Bier, nicht ahnend, was die nächsten Tage noch bringen würden.

The great Migration

Während der nächsten Tage fährt uns Steven auf roten, holperigen Sandpisten mit Tempo 30 durch die einzigartige Landschaft. Es gibt nur wenige Plätze auf der Welt, wo die Savanne solch einer Fülle an unterschiedlichsten Tieren als Lebensraum dient. Giraffen, Elefantenherden, kleine und große Wildtiere, Löwenfamilien direkt neben uns, Leoparden und unzählige bunte Vögel in allen Größen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Und dann stoppt unser Fahrer plötzlich, und während wir in alle Richtungen gucken, auf der Suche nach einem der Big Five, zeigt er uns mitten auf der Piste einen kleinen Pillendreher, der eine für ihn riesige Kugel rückwärts über die Piste rollt, in die später ein Skarabäus-Weibchen ihre Eier legen wird.

Welch ein Kontrast zu unseren Erwartungen!

Wo wir nur Bäume sehen, zeigt uns Steven Löwen und Leoparden in Bäumen liegend, die wegen vorangegangener Regenfälle ihre Fußsohlen trocknen, er sagte voraus, dass sich ein Vogelstrauß gleich im heißen Sand „entlausen“ würde und so geht es weiter… Und das zeigt uns, was das wichtigste auf einer Safari ist – ein guter Fahrer und Führer, der die Fauna und Flora seines Landes kennt und in ihrer Gesamtheit lebt und so einen besonderen Blick in die Natur hat. Von ihm erfahren wir dann auch, dass es neben den „Big Five“ auch die “Little Five“ gibt, die nach den fünf großen Brüdern benannt wurden: Leopard Tortoise, Buffalo Weaver, Rhino Beetle, Elephant Shrew und Ant Lion.

Ohne die kleinen Lebewesen gäbe es die großen nicht, so ist der Gang der Natur. Steven zeigte uns an anderer Stelle eine Kolonie Geier bei einem Kadaver. Nacheinander setzen so unterschiedliche Tiere, große und kleine, ihre Werkzeuge ein, um ihre Aufgaben in diesem Prozess des Werdens und Vergehens auszufüllen.

Zwei Tage und viele begeisternde Erlebnisse später machen wir uns auf den Weg, die Serengeti wieder zu verlassen, denn der berühmte Ngorongoro-Krater ist unser nächstes Ziel. Aber es wartete noch eine Überraschung auf uns. Wir treffen ohne Vorankündigung ein 2. Mal auf den Zug der Tiere. Unglaublich! Steven hatte sich mit anderen Guides ausgetauscht und erfahren, wohin die Tiere weiter gezogen sind.

Wir sehen sie wieder! Noch in einiger Entfernung laufen Tausenden von Gnus, einige Zebras dazwischen, als dunkle Masse von schwerfälligen Leibern, denen wir immer näher kommen. Unmittelbar vor uns kreuzt dann der Zug unsere Piste, und wir haben Zeit dieses Schauspiel zu genießen. Die Tiere trotten in einer schier unendlich scheinenden Reihe vor sich hin, um dann unvermittelt für eine Weile loszurennen. Irgendetwas löst bei einem einzelnen Gnu diese Reaktion aus, und der Herdentrieb setzt dann alle in Bewegung.

Für ein Picknick halten wir mittags im Schatten einer großen Schirmakazie und erleben dabei einen lebendig gewordenen Traum. Ringsum in jeder Himmelsrichtung bis zum Horizont sind hunderttausende, ja vielleicht Millionen Tiere zu sehen, die nach Norden streben

Tansania Reise&Informationsportal Karte der Migration

Anfang und Ende des Zuges sind nicht mehr zu erkennen, die Reihe der Tiere erstreckt sich von Horizont zu Horizont, wie eine Urgewalt und wir stehen mittendrin. und Steven meint nur „You are very very lucky to be able to see this“.

Der Motor startet, und unser Fahrer bahnt sich vorsichtig einen Weg durch die Masse der wandernden Tiere und tritt die Reise zum Ngorongoro-Krater an, vorbei am Gedenkstein für Michael Grzimek. Aber eigentlich wissen wir, dass nichts auf dieser Reise auch nur annähend eindrucksvoll sein konnte, wie die Migration. Das muss der Höhepunkt gewesen sein, alles andere war nur Bonus. Und so startete unsere Fahrt in den Krater bei Nieselregen und Bodennebel, der sich aber schnell mit den ersten Sonnenstrahlen auflöste. Und plötzlich stehen wir vor einem der letzten 50 verbliebenen Spitzmaulnashörnern in Tansania.

Und als ob dies noch nicht genug Safariglück gewesen wäre, erleben wir noch das für mich emotionalste Ereignis dieser Reise am Ausgang des Kraters. Wieder stoppt der Wagen plötzlich und dann wird uns klar warum. Wir stehen nur wenige Meter von einem Gnu entfernt und Steven sagt uns, dass die Geburt des Kalbs unmittelbar bevorstehe, ja tatsächlich in weniger als 10 Minuten beginnen würde. Niemand von uns hätte dies bemerkt. Während die anderen Tiere weiterlaufen, legt sich die Gnu- Kuh nieder, mehrere männliche Gnus bleiben wie eine Schutzwache neben ihr stehen. Dann sehen auch wir die stärker werdenden Wehen. Mehrmals steht sie wieder auf, wechselt die Position, legt sich wieder nieder und dann beginnt die Geburt.

Ein Moment vollkommener Stille tritt ein, ein kurzer Moment ohne jedes Klicken eines Fotoapparates, völlige Faszination und Ergriffenheit angesichts dieses Wunders des neuen Lebens, so normal und selbstverständlich und dennoch berührend die Verletzlichkeit in der Natur und Geborgenheit in der Herde.

Mich hat dieses Erleben der Geburt so ergriffen, das ich ganz gegen mein übliches Fotoverhalten während des gesamten Geburtsablaufs kein einziges Bild machte und dies erst bemerkte, als alles vorbei war. Wie schön, dass mein Freund Jörg, sonst überwiegend zuständig für die Teleaufnahmen, diese Nahaufnahmen für mich mit übernommen hat.

Geboren

Das Neugeborene fällt heraus auf den Boden, es strampelt sich aus der Hülle der Fruchtblase wird freigeleckt und angestubst, und das heißt: Aufstehen, auf die eigenen Beine kommen, umfallen, wieder angestubst, aufstehen und mit stakeligen Beinen nochmals umfallen, wieder aufstehen und trinken und dann dreht sich die Mutter um und läuft weiter, und das Junge muss mitlaufen, um zu überleben. Die Geburt muss schnell über die Bühne gehen, das neugeborene Gnu muss sofort versuchen auf die Beine zu kommen, um dann mit der Mutter im Schutz der Herde mitzulaufen, denn diese wird schon umkreist von auf Beute lauernden Hyänen und anderen hungrigen Jägern.

Nichts ist eine leichtere Beute als ein Neugeborenes.

Aufstehen
Schnell trinken
Auf geht’s
Auf der Jagd

Und während wir die Geburt erlebt haben, erfahren wir am Abend von der zweiten Gruppe von der Jagd auf und dem Tod eines anderen neugeborenen Gnus. Geburt und Tod, Fressen und Gefressen werden, als natürlicher Ablauf des Lebens, findet hier zu jeder Zeit statt.

Dieses unmittelbare Erleben der Größe und des Wunders der Natur und der Erkenntnis, dass alles miteinander zusammenhängt, relativiert den Glauben an die menschlichen Überlegenheit und führt zurück zu der Erkenntnis, dass wir nur ein Teil dieses Kosmos sind, nur ein Teil des Werdens und Vergehens, während die Welt davon unberührt sich weiter dreht. Nur, dass der Mensch die Fähigkeit hat zu denken und sich zu entscheiden zwischen den Möglichkeiten im Einklang mit der Natur zu leben oder sich alles unterzuordnen und damit die Natur, unseren Lebensraum und unsere Zukunft zu zerstören.

(c) Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

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Über das Reisen

  • – … statt „Welche Länder hast du besucht?“, würde ich fragen: Wie hat das Reisen deine Vorstellungskraft und deinen Ideenreichtum beeinflusst?
  • – Das große Abenteuer unserer Zeit besteht darin, herauszufinden, wer noch alles auf dieser Welt lebt.
  • Auf Reisen kommen wir aus unserer kleinen Welt hinaus und stellen fest, dass alles viel schwerer zu verstehen ist. Wenn das Coronavirus das Reisen stoppt sind wir erledigt. Das wäre ein Rückschritt . Wirklich gefährlich

(Theodore Zeldin), Die Kunst der Konversation,Zeit Wissen6/2020, S.28ff)

Ost-West-Nord-Süd

Deutschland und Vietnam – eine Reise mit Thomas Billhardt

Vietnam Halong-Bucht 2019. Es ist eine warme, sommerliche Nacht. Auf dem Wasser spiegeln sich die Lichter anderer Boote, die wie wir an diesem romantischen Ort für die Nacht vor Anker gegangen sind. Schemenhaft sieht man die für die Bucht charakteristischen kegelartig geformten und bewaldeten Kalksteininseln.

Nach einem erlebnisreichen Tag in dieser traumhaft schönen Umgebung sitzen wir an Deck mit einem Glas Wein und sprechen über diese Bucht und wie sie vor Jahren ohne viele Besucher vielleicht noch schöner gewesen sein mag. Und dann fällt der Satz: „Jetzt sitzen wir hier und und sprechen ganz normal miteinander“. Nach einem kurzen Schweigen stoßen wir an und wissen, dass in diesem Satz all das zusammenfließt und auf den Punkt gebracht ist, was uns Beide hierher geführt hat. Der einladende Reise-Flyer, der am Ende einer Tagung im Rosa-Luxemburg-Haus unser Interesse geweckt hatte, die Ankündigung der Mitreise und Kommentierung der Fahrt durch Thomas Billhardt, ehemaliger DDR-Fotograf und Zeitzeuge des Vietnamkriegs; auch wenn wir von diesem in weiten Teilen der Welt bekannten und geschätzten Fotografen noch nie gehört hatten, versprachen wir uns davon eine kundige Reisebegleitung und vielseitige Einblicke in das heutige Leben im damaligen Nord-Vietnam. Und so war es dann auch. Unsere erste Begegnung mit Thomas Billhardt musste aber noch warten, er war schon vorgeflogen und empfing uns in Hanoi.

Berühmt geworden war Billhardt für seine Berichte aus Kuba und seine Präsenz während des Vietnamkrieges. Der gesamte Westen, in dem wir groß geworden sind, kannte unausweichlich das Bild des Fotografen Nick Út (The terror of War), das brennende, nackte, vor Schmerzen schreiende kleine Mädchen auf der Flucht vor weiteren amerikanischen Napalm Bomben. Die bildgewordene Anklage gegen den Krieg in Vietnam. Niemand von uns aber kannte das Foto „Liebe im Krieg“ von Thomas Billhardt, ein Soldatenliebespaar mit geschulterten Gewehren, händchenhaltend auf einen See zugehend. Auf der einen Seite der Schrecken und auf der andern Seite inmitten der täglich Gräuel und des Sterbens die Liebe und die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Krieg.

Das Bild „Liebe im Krieg“ – gefunden in einem Laden in Hanoi

Es war also gar kein Zufall, dass die Reisegruppe außer meiner Reisegefährtin und mir ausschließlich aus Mitreisenden aus dem Osten Deutschlands bestand, denen natürlich ein Thomas Billhardt ein Begriff war, ebenso wie auch Verbindungen mit Nord-Vietnam. Uns war es erst so nach und nach klar geworden, dass dies eine für uns nicht übliche Buchung war: bei einem Reisebüro aus der ehemaligen DDR, die exklusive Leserreise des „Neuen Deutschlands“, die Anreise mit Abflug von Berlin Schöneberg mit Aeroflot über Moskau nach Hanoi. Bei jedem Mitreisenden, mit dem wir ins Gespräch kamen, wurde klarer, dass sie alle in der ehemaligen DDR groß geworden waren und bis heute dort lebten, und wir dennoch gemeinsam Reisende waren, die in diesem Augenblick des selbstverständlichen Beieinandersitzens in der Halong -Bucht realisierten, wie wenig selbstverständlich diese Gemeinsamkeit über lange Zeit gewesen war, auch lange nach dem Mauerfall noch. Und diese Feststellung der Normalität geschah am 5. Abend unserer gemeinsamen Reise, und es entwickelte sich eine große Offenheit und Interesse füreinander.

Das zentrale Erlebnis dieser Reise von Nord nach Süd in Vietnam war unser Reisebegleiter. Täglich hörten wir von ihm Geschichten über seinen abenteuerlichen und oft lebensgefärdenden Einsatz als Fotograf in Hanoi. Und er hatte wegen der Vorbereitung einer Ausstellung mit dem Goethe-Institut in Hanoi seine Fotobücher bei sich, die diese schwierige Zeit der Bombardierung Hanois dokumentierten. Besonders nahe gingen die Bilder kleiner Jungen, die unter den Kanaldeckeln Schutz suchten. Die ergreifenden Schilderungen waren auch deshalb so beeindruckend, da sie aus eigenem direkten Erleben völlig ohne irgendeinen Hauch von Ideologie erzählt wurden, als Schilderung des menschlichen Lebens in dieser Zeit in Nordvietnam, von dem wir wenig wussten. Ebenso fesselte auch seine eigene Lebensgeschichte, die ihn zu einem Wanderer zwischen den Welten Ost und West machte. Für die Regierung der DDR war er als Fotograf nach Kuba geschickt worden und, was damals nicht alle für sicher hielten, er verschwand nicht bei einer Zwischenlandung in Kanada, sondern kehrte in die DDR zurück. Fortan hatte er die Möglichkeit zu jeder Zeit auch in den Westen zu kommen. Er galt nun als „zuverlässig“ und seine Berühmtheit – gefördert durch seine Berufung als Kinderfotograf der UNICEF – machte ihn ziemlich unangreifbar. Bis er kurz vor Ende der DDR in Gefahr geriet sein Fotoarchiv zu verlieren, das er aber auf abenteuerliche Weise doch noch rechtzeitig in Sicherheit hatte bringen können.

Ost-West-Kontraste aus alten Zeiten und ihre Fortsetzungsgeschichten traten auf dieser Reise immer wieder auf. Zwei vietnamesische Reiseführer, beide mit Deutschlanderfahrungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, zwei Welten. Der Reiseführer der ersten Woche hatte in der DDR Maschinenbau studiert, während zu Hause der Krieg tobte, nicht ganz ohne schlechtes Gewissen, aber mit einer Treue gegenüber alten wirtschaftlichen Kontakten und Wissenstransfer; der Andere als ehemaliger Flüchtling, illegal in Westdeutschland, in ständiger Angst von der Polizei ohne Papiere aufgestöbert zu werden und nach Hause abgeschoben, was ihm tatsächlich nicht erspart blieb. Gerne würde er seine deutschen Freunde noch einmal besuchen, mit denen er bis heute in Kontakt ist, aber in Deutschland leben würde er nicht mehr wollen. Im heutigen sich öffnenden und entwickelnden Vietnam sieht er sein Zuhause.

Und so zogen wir durch das Land von Nord nach Süd mit einem ununterbrochen fotografierenden Reisebegleiter, der am Abend dann schon mit der Löschung der weniger gelungenen Bilder begann. Wir erfuhren von seiner ersten Ausstellung in Hanoi mit großen Bildtafeln im Freien, und Billhardt berichtete, dass viele dorthin kamen, die auf den Bildern abgelichtet waren und den Krieg überlebt hatten. Wir entdeckten Hanoi anders als bei einer üblichen touristischen Reise, fuhren mit Fahrrädern durch Reisfelder in ein kleines Dorf, um unter Anleitung der Dorfbewohner vietnamesisch zu kochen, besuchten eine Vorstellung im berühmten Lotus Wassertheater, lernten die Kultur der Cham kennen, das Abenteuer einer nächtliche Zugreise in den Süden zur alten Kaiserstadt Hué, weiter nach Danang und zu der für mich wohl schönsten Stadt Hoi An, der Stadt der tausend Laternen.

An einem der letzten Abende wurden die Erzählungen fortgesetzt, ost-westdeutsche Biografien ausgetauscht sowie die Nord-Süd Erfahrungen betreffend Vietnam. Und es sind mehr als zwei Deutschlands, die dabei sichtbar werden.

Aus dieser Reise entwickelte sich eine Freundschaft zwischen Thomas Billhardt und uns, und gerade schickt er mir seinen neu erschienenen Bildband „Hanoi 1967 -1975“, initiiert und unterstützt vom Goethe-Institut Vietnam und publiziert von Nhã Nam/Vietnam 2020, Krönung seines Lebenswerks.

ISBN 978-604-77-8377-9

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