Tibet

Auf der „Straße der Freundschaft“ von Lhasa nach Kathmandu

Zwischen Gebet und Gewalt

Am 22. September – kurz vor Reiseantritt am 6. Oktober  2012 – erreicht mich die Mail von Narayan, unserem nepalesischen Reiseleiter, der für mich schon mehrere Nepalfahrten organisiert und begleitet hat, dass alle Ausländer Tibet verlassen müssen und keine Einreise mehr möglich ist. Die geplante Studienreise mit Schulleiter*innen nach Tibet gerät in Gefahr. Vorfälle in Tibet, wie das Verbrennen einer chinesischen Flagge auf dem Mount Everest und eine Selbstverbrennung anlässlich eines Staatsbesuches in Peking, führen in der angespannten Situation auf chinesischer Seite automatisch zu drastischen Reaktionen. 

Alles ist vorbereitet und gebucht, und jetzt musste in Alternativen gedacht werden, die eigentlich niemand wollte. Erstaunlich die Reaktion der Gruppe: eine optimistisch-positive Lebenseinstellung vertraute auf eine Änderung der Politik bis zu unserer Ankunft. So flogen wir los – nicht ohne zuvor noch einmal alle Visaformalitäten zu erledigen – und kamen mit Etihad Airways und einem längeren Zwischenstopp in Abu Dhabi abends in Kathmandu an.

Vierzehn etwas müde Reisende freuten sich über die Begrüßung mit gelben Schals und einige von uns über ein Wiedersehen mit Narayan von der Nepaltour des letzten Jahres.

Das Hotel Manaslu war ein angenehmes „base camp“ für unsere Unternehmungen.  Hier trafen wir auf eine indische Gruppe, die sich auf die Besteigung des Mount Everests vorbereitete, geleitet von einer der ersten Frauen, der dies schon gelungen war. Ein dichtes Programm, ähnlich dem früherer Nepalfahrten in Kathmandu, lenkte von der Ungewissheit der Einreisemöglichkeit nach Tibet ab:  der frühmorgendliche Flug entlang der Himalayakette und dem Mount Everest, der Schulbesuch in der Bright Future School in Naikap, der Partnerschule der Düsseldorfer Dieter-Forte Gesamtschule, der Besuch des Schamanenzentrums mit Healings und interessanten Einblicken in diese Welt der alternativen Medizin, die UNESCO Weltkulturerbestätten Pashupatinath am heiligen Bagmati-Fluss, wo die Feuerbestattungen stattfinden, die buddhistische Stupa Boudhanath, Bhaktapur, Durban Sqare und Swayambhunath.

Und dann endlich die erlösende Nachricht, dass ab dem 8. Oktober, unserem Flugdatum nach Lhasa, begrenzte Einreisen nach Tibet wieder möglich waren. Wie auch immer Narayan es geschafft hat, wir waren dabei und erreichten nach einem beeindruckendem Flug über den Himalaya bei blauem Himmel und Sonnenschein unser Ziel Lhasa.

Schon Minuten später bei der äußerst intensiven Gepäckkontrolle merkten wir die Höhe, an die wir uns jetzt anpassen mussten. Ob alt, ob jung, sportlich oder nicht, man kann sich nicht darauf vorbereiten. Deutlich wurde diese Ungewissheit, als wir eine Gruppe Jugendlicher trafen, von denen einer kurz nach der Ankunft in Lhasa solche Höhenprobleme bekam, dass er sofort unter Sauerstoffbeatmung  ins Tal geflogen werden musste. Kurzum, wir waren in der glücklichen Lage, dass es oft anstrengend war, einige sich auch zwischendurch schlecht fühlten oder sogar nach eigener Auskunft an ihre Grenzen kamen – niemand aber ernsthaft höhenkrank wurde. Narayan beobachtete uns genau, um Anzeichen für Probleme rechtzeitig erkennen zu können.

 Der Aufstieg zur Besichtigung des Potala Palastes am nächsten Tag, zeigte uns deutlich, was Höhe bedeutet. Alle 50 Stufen mussten wir erst mal pausieren, bevor wir diesen eindrucksvollen Palast und vor allem  die faszinierende historische Atmosphäre in den Räumen erleben konnten, in denen Heinrich Harrer seinerzeit den Dalai Lama unterrichtete.

Der Potala Palast

Dann der Kontrast, der uns unter die Haut ging: in Lhasa überall Videoüberwachung, und an den Eingängen zum Hauptplatz, dem Barkhor Markt und Jokhang Tempel Scannerkontrollen wie am Flughafen. Wir gehen zum Abendessen in ein Lokal, aufgebaut ähnlich einer tibetische Jurte. Ich schiebe den Vorhang beiseite, und keine 30 Meter entfernt steht ein chinesischer Soldat mit Maschinenpistole im Anschlag auf dem Dach. Auf dem Rücken der Soldaten Feuerlöscher. Auf den Plätzen Planen, unter denen Stangen mit Eisenringen zu sehen sind, mit denen brennende Mönche weggezogen werden können. Der Widerstand der tibetischen Mönche hatte neue Wege entwickelt, um den Kontrollen zu entgehen. Die Mönche überschütteten sich mit Benzin, zogen einen Mantel darüber. Dies konnte durch Scannen nicht erkannt werden, und dann setzen sie sich in Brand. 1 ½ Millionen Soldaten, die Hälfte davon in Zivil, überwachen die Besatzung. Nirgendwo wird dies so drastisch vorgeführt wie in Lhasa. 

Nur allmählich gewöhnten wir uns an die dünne Luft, während wir auf der Fahrt über die sogenannte „Straße der Freundschaft“ durch Tibet bis auf 5400 Meter anstiegen. Eine faszinierende, unvergleichliche Landschaft breitete sich täglich vor uns aus. Das helle Weiß des Himalayas, das tiefe Blau der Bergseen, die Steinhaufen und tibetischen Gebetsfahnen, Yak-Herden, weite Getreidefelder in den Tälern und gastfreundliche Tibeter, wo immer wir anhielten. Dazu die berühmten tibetischen Klöster Depung, Tashilhunpo in Shigatse, Gyantse und Samye , mit diskutierenden oder einfach nur meditierenden Mönchen, Klöster mit jahrhundertealten Schätzen der tibetischen Kultur, die den Horden der Kulturrevolution entgangen sind.

Beim Betreten der Klöster taucht man ein in die für uns mystische bunte Welt des tibetischen Buddhismus, dargestellt durch Wandmalereien mit religiösen Motiven einer der vier tibetischen Hauptrichtungen des Buddhismus. Die Atmosphäre aus Stille und gedämpftem Licht mit den Gläubigen in tiefer Frömmigkeit vor den Altären oder im Tempelbereich mit ihren Gebetsmühlen unterwegs die Heiligtümer mehrmals umrundend, nimmt uns gefangen und für einen bestimmte Zeit wird man Teil dieser Lebensform, die zur inneren Ruhe und zum Anhalten des ständigen Weiterdenkens hin zu sich selbst führt. In manchen Klöstern erleben wir das leise Gemurmel betender Mönche, wir riechen die Rauchopfer für bestimmte Götter und hören den hellen kurzen Klang ritueller Instrumente. Gesammelt und beeindruckt kehren wir in unsere Gedankenwelt zurück und setzen die Fahrt fort und brauchen abends die Zeit, diese berührenden Erfahrungen zu besprechen und zu verarbeiten.

Geweckt werden wir frühmorgens von dem Befehlsgeschrei zum Morgenappell der chinesischen Besatzungskompanien, die überall in Tibet verteilt sind. Diese Kasernen liegen außerhalb der kleinen tibetanischen Dörfer, die leider durch die typisch triste Bauweise im ländlichen China verschandelt werden. Am Ausgang der Dörfer sind niedrige Stahlkonstruktionen über die Straßen gebaut, die nur PKWs durchlassen. Mit unserem Bus müssen wir zu einer extra Ausgangssperre mit strenger Kontrolle für Lastwagen und Busse. Die imperiale Dominanz der Chinesen, dieses ehemals frei Tibet für immer zu versklaven, zeigt sich auch in Details. Wo immer wir Hinweisschilder z. B. auf Städte sehen, steht der chinesische Name groß oben und sehr klein der tibetische, ursprüngliche Name darunter.

Unterwegs auf unserem Weg von Ost nach West überwältigen uns wieder die Eindrücke dieser so einzigartigen Landschaft. In einfachen kleinen Hotels übernachten wir, genießen das köstliche tibetische Essen wie Momos und die leckeren Fleischgerichte aus Yak und Hammel. Dazu schmeckte am besten das Lhasa oder Snowbier. Und dies im Zusammensein in einer Gruppe, die harmonisch miteinander auskam. Besonders auch mit Tashi, unserem tibetischen Führer, der so selbstverständlich sein Tibet verkörperte im Konflikt mit der chinesischen Überfremdung. Die letzte tibetische Nacht verbringen wir im Snow Leopard Guesthouse, einer alten Karawanserei gegenüber der chinesischen Seite des Mount Everest. Nepal hatte diese Seite des Himalaya an China abgegeben, um den Expansionsgelüsten des mächtigen Nachbarn etwas von dem ständigen Druck zu nehmen. Wir kommen beim Sonnenuntergang an. Die Spitzen der Berge des Himalayas leuchten rötlich von der Abendsonne, bevor es dann schlagartig äußerst kalt wird. Es gibt einen geheizten Raum im Guesthouse zum Abendessen, und in gemütlicher Runde geht es der kalten Nacht entgegen mit Wasser im Zimmer, gefroren in Eimern, und Zudecken nach der Zwiebelmethode. Wir hatten den Wecker gestellt, um das Schauspiel des Sonnenaufgangs am Mount Everest zu erleben.

Der Sonnenaufgang  sollte uns aus der partiellen Erstarrung erlösen. Es war so kalt, dass sich bei einem von uns eine Maus in seinen Schlafsack geschmuggelt hatte. Aber nichts geschah. Narayan hatte sich um eine Stunde vertan. Mein Vorschlag, uns durch kurze Läufe warm zu halten, endete schnell. Ich hatte die Höhe vergessen, und nach wenigen Metern Laufen war die Luft weg. Wir harrten trotzdem frierend aus bis zu dem grandiosen Lichtspiel des Sonnenaufgangs am Mount Everest. Ein warmes Frühstück taute uns wieder auf, und wir fuhren zur Grenzkontrolle, um Tibet zu verlassen.

Hier erfahren wir, dass Tibet wegen einer weiteren spektakulären Protestaktion erneut für Touristen gesperrt ist. Welches Glück für uns, dieses schmale Zeitfenster geöffnet gefunden zu haben. Wir verabschieden uns von unserem netten tibetischen Führer Tashi, der uns so viel über sein Land erzählt hat. Geboren in einem Tal fern von Lhasa fragte er einst seine Mutter, wann er geboren sei, und ihre Antwort war:  „Es hat geschneit.“

Es geht abwärts in Richtung Kathmandu. Die „Straße der Freundschaft“ in Tibet war militärisch gut ausgebaut, auf nepalesischer Seite wird es eine Abenteuerfahrt durchs Gebirge mit Straßen, durch Erdrutsche und Abbrüche fast unpassierbar, spannend, gerade wenn nichts passiert.

Zurück in Kathmandu erwartete uns unerwartet ein absolutes Highlight unserer Fahrt. Da die Zufahrt zum Mount Everest Basecamp wegen eines Erdrutsches gesperrt war, wurden Bergrettungen von Kathmandu aus gestartet. Durch Narayans Beziehung zu den Piloten erhielten wir die Chance, mit zwei Rettungshelikoptern durch den Himalaya bis zum Everest Hotel in 3800 Meter Höhe zu fliegen. Ein japanisches Hotel, zu dem alles hinaufgetragen werden muss, auch das Wasser für die Badezimmer. Die Luft ist so dünn, dass der Hubschrauber dort nicht mit fünf Personen landen konnte. Bei einem Zwischenstop auf einem Hochplateau werden zwei von uns zur Entlastung abgesetzt um später dort wieder abgeholt zu werden.

Abgesetzt auf einem Plateau irgendwo im Himalaya

Ein überwältigendes Naturerlebnis, als das Geräusch der Hubschrauber in der Ferne verschwindet. Hörbare Stille in der Einsamkeit mitten im Himalaya. Nach einer Weile taucht der Gedanke auf, dass niemand uns hier finden würde, wenn die Hubschrauber ihr Ziel verfehlen würden. Es kommt uns vor wie eine Ewigkeit, bis wir endlich das Tok Tok – Geräusch der Rotoren eines Hubschraubers hören, der dann auch uns zum Himalaya Hotel fliegt.  Zwei Stunden sitzen wir dort vor diesem Panorama mit Lhotse und Mt. Everest in der Sonne und können uns nicht losreißen von diesem Anblick. Dann geht es zurück. Die Rettungsaktion ist vorüber, und wir fliegen ins Tal zurück, um an einem letzten Tag nach Bhaktapur und Patan zu fahren, weitere Weltkulturerbstätten und ehemalige Königstädte im Kathmandutal.

Dann kommt der Abschied von Nepal. Unser Reiseleiter Narayan und der Direktor der Bright Future School, Daya Ram Tapa sind zur Verabschiedung am Flughafen, und die Gruppe fliegt zurück nach Hause.

Vier von uns bleiben zurück um ihre Freiheit noch für eine Anschlusswoche im Königreich Bhutan, dem Land des Bruttonationalglücks als höchster ethischer Einheit, zu verbringen.

© Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

All pictures © by Burkhard Mielke, all rights reserved, commercial and private use prohibited.

.

This is your Peace

Prague 1968

Four years after the crushing of the „Prague Spring“ I came to Prague with a group of students in 1972 and the pictures of the tanks in Prague and the self-immolation of the student Jan Palach as a protest against the Moscow dictate were still unforgotten. The „Prague Spring“ of 1968 – a hope that all too quickly fell victim to the imperialism of the Soviet Union.  Another time to Berlin, Warsaw, Sofia and Budapest.

The Soviet Union dissolved, Russia’s policy did not change when Putin came to power. The list of military interventions has become longer and the brutality has and leads today to the destruction of entire cities and countries: Georgia, Armenia, Aleppo, Libya,Crimea, Ukraine…?

The Soviet Union dissolved, Russia’s policy did not change when Putin came to power. The list of military interventions has become longer and the brutality has and leads today to the destruction of entire cities and countries: Georgia, Armenia, Aleppo, Libya,Crimea, Ukraine…?

Posters at Prague University
Text : This is your peace
Text: This is Imperialism

Today, once again, tanks are rolling into a European capital to crush people’s longing for a dignified life in freedom and democracy with tanks. The increase of the imperialist Soviet occupations of the Soviet Union within the Warsaw Pact to Putin’s mania for revision is the cold, murderous warfare in violation of international law, are war crimes that deliberately kills civilians and attacks humanitarian institutions such as hospitals, schools and kindergartens, destroys food warehouses and water pipes to demoralize the people.

Text : The best method of use

In 1972, life in Prague had inevitably returned to normal, under the varnish covering the sadness and hopelessness . 

Then in the „cold war“ as now in times of globalization, the rest of the world had little to oppose Soviet aggression. It was this mood that was still felt everywhere.

But in all crises, people have resisted resignation creeping in. I saw a sign of this when I opened the closet door in my hotel room while putting away my things. Largely carved into the inside of the closet door was 3:2 in the inside of my closet in the hotel room without further comment.  It didn’t take my memory long to understand the meaning. It was an expression of joy and revenge. With 3:2 the team of Czechoslovakia defeated the Soviet Union and thus became the ice hockey world champion in 1972 by this triumph against the oppressors.  It was a hidden sign and a step towards the resurgence of hope and self-confidence, especially because of the great importance of this sport in both countries.

Prague was full of tourists and could be visited again in its beauty . The damage of the occupation had been largely repaired, the infrastructure, including the tourist one, was functioning. My warnings about the danger of exchanging money black were taken. What I did not know, the bus drivers of both countries had organized the exchange of money to avoid the official large margin and the export of the coveted Crimean sparkling wine among themselves.  And still there remained a certain uneasiness and latent fear because of the constant surveillance. This had already begun at the border crossing with meticulous passport controls and searches of the bus. It was terrible that some students had their hair cut off because the long hair of some did not match their passport pictures.  A harassment and deliberate humiliation of the so decadent Westerners. Bad also especially because they were exposed to their „long hair already at home often pressure and discussions and have not been influenced by it. Here delivered to the cold power no protest helped, against this chicanery, because in case of the refusal the entry was prevented. As an accompanying teacher, I was not in a position to spare them this experience.  It was a lesson about arbitrary state power, better than any lesson could have conveyed.

Radiant weather in this beautiful city let us enjoy the days nevertheless. On the Karls Bridge over the Vltava River with the view of Prague Castle, political reality came back for me. An elderly gentleman had observed our group, approached me and asked if I had some time to talk. He had collected posters and handbills at the university in 1968 and asked me to take them with me to the West as documentation of that time. We met in the evening at Luka’s home and spent a nice and exciting evening. As a farewell he gave me a bag with the documents and we hugged each other for a long time, knowing the low probability of seeing each other again.

Lukà had found his form of resistance and brought it to a conclusion for himself.

The euphoria of this encounter made me realize the risk I had taken only shortly before the border.  Shortly before the border, despite all warnings, some of the group had to leave – the result of too many bottles of Pilsener Urquell before the return trip. So it was clear that our bus would be searched very carefully. They were always trying to prevent so-called defections of locals to the West.

I hid all documents under my sweater and coat around the middle of my body and was lucky. We had to get off and the bus was thoroughly searched, but not us. Only slowly my pulse calmed down and nobody had noticed anything of my nervousness.

At that time I could only pass around the contemporary documents and show them. On the occasion of the war crimes in Ukraine and in order to document the continuity of the Soviet-Russian imperialist attacks on freedom and democracy, as well as a call not to give in to a deceptive calm, I show them here on the Internet – as a reminder and a warning.

Gallery „Prague Spring“ 1968 – In the gallery are the notices at the university, newspaper clippings and posters that Luka entrusted to me in 1972. They should reach the West and not be forgotten.

(With Google translator photo function the texts can be translated)
Funeral of Jan Palach

(c) Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

All pictures © by Burkhard Mielke, all rights reserved, commercial and private use prohibited.

Irgendwo in Nepal

 Hoffnung im Chaos nach der Abschaffung der Monarchie 2009eine Eliteschule öffnet sich für die armen Kinder der Region

Bright Future – in dem Namen dieser Schule fokussiert sich Hoffnung gegen Fatalismus. Nepal, Zielort früher Träume ist nun erreicht. Erinnerungen kehren bei mir wie Einsprengsel zurück beim Landeanflug auf Kathmandu: James Hiltons, „Lost Horizon“ oder Lobsang Rampas „ Das dritte Auge“, Shangri – La, das unbekannte Refugium, Mustang ,das geheimnisumwobenes Königreich Lo, das sich lange jedem Tourismus widersetzte.

Dazu Tiziano Terzanis erst idealisierende und dann, an der Realität überprüft, skeptischer werdende Berichte im „Spiegel“ zu Nepal.

All das ist in meinem Kopf bei der Ankunft im Kathmandu International Airport. Hier beginnt nun die Bildungsreise der Schulleitungsvereinigung NRW, angeregt durch unseren Reiseleiter Narayan und den Freundeskreis Nepal aus Münster.

Die Eingangshalle des Hauptstadtflughafens entspricht dem in einer abgelegenen Region ebenso wie die Abwicklung der Einreiseformalitäten ohne Computer von gelangweiltem Personal. Nach nicht nachvollziehbaren Kriterien drückt sich der ungeordnete Pulk durch die schmalen Durchgänge. Nur das Einkassieren der Visagebühr geht zügig vonstatten. Das Begrüßungskomitee der Schule allerdings übertrifft alle Erwartungen an ein farbenfrohes und heiteres Nepal. Geschmückte Mädchen in der roten Landestracht, die Jungen in Anzug und Schlips der Schulkleidung empfangen uns mit strahlenden Gesichtern. Ein Banner wird ausgerollt, und wir werden mit Blumengirlanden und gelben Tüchern umhängt und herzlich willkommen geheißen. Ein Hauch von malerischem Paradies am Fuße des Himalayas.

Es ist heiß, und die Luft ist stickig. Der Schulbus wird uns nach Naikap bringen, ein Stadtviertel im Westen der Außenbezirke Kathmandus. Die Stimmung im Bus zusammen mit den Kindern ist fröhlich, und sie sind neugierig auf uns – wer weiß, was ihre Lehrer ihnen erzählt haben -und wir auf sie. Besonders die Fotoapparate mit der Möglichkeit sich sofort zu sehen haben es den Kindern angetan. Beim Blick aus dem Fenster aber tritt dies zurück, und es verflüchtigen sich die Illusionen der mitgebrachten Vorstellungen.

Kathmandu liegt unter einer Smogglocke in einem Kessel, aus dem Smog nicht entweichen kann, Smog von fossilen Brennstoffen, stinkenden PKW, LKWund unzähligen Mopeds. Vor den Wahlen hatten die „Maoisten“ nicht ohne Erfolg auf das Ergebnis der Wahl allen jungen Männern Mopeds geschenkt. Man sieht sie überall. Wie man hier leben kann, ohne an den Atemorganen zu erkranken, bleibt ein Rätsel – ein Cocktail aus Vitamin D und Gelbwurz soll uns stabil halten. Die ersten Bilder, die an uns vorbeiziehen, sind nur schwer zu ertragen. Dreck und Armut, chaotischer Verkehr und eine staubbelastete Hässlichkeit wohin man blickt. Auf den an Schlaglöchern reichen Straßen werden alle ständig durchgerüttelt und greifen nach Stangen und Polstern. Nur in der Nähe des Regierungsviertels ändert sich das – dafür schaut man auf Wachtürme und Soldaten mit Maschinengewehren auf Lafetten mitten in der Stadt. Ein sicheres Zeichen von mit Angst gepaarter Gewalt, bei den nach der Abschaffung des Königtums nun hier herrschenden sogenannten „Maoisten“.

Der Schulbus hält in Naikap, einem dorfähnlichen Stadtteil am Rande Kathmandus, ohne Straßen. Es sind Sand- und Steinwege in einer braun verbrannten und ausgedörrten Landschaft. Seit Monaten hat es hier nicht geregnet, und alle warten sehnsüchtig auf den Monsun. Wir klettern den Weg hinauf zum Schamanenzentrum, wo wir die nächsten Tage wohnen werden. Auch hier wieder eine so herzliche Begrüßung besonders durch Mohan Rai, den obersten Schamanen Nepals, die uns alles um uns herum vergessen lässt. Mohan Rai ist der Begründer und Direktor des „Shamanistic and Research Center“ und unterstützt das Schul-und Patenprojekt in Naikap

Mohan Raj

Das Haus ist einfach. Wir wohnen in schlicht ausgestatteten Zweibettkammern und richten uns ein. Hier muss man möglichst viel bei Tageslicht erledigen. Die „maoistische“ Regierung lässt nur vier Stunden Strom zu, und das jeweils in den einzelnen Stadtvierteln nacheinander. Man weiß nie genau wann es soweit ist. Mal hat man Strom von 1 – 4 Uhr morgens, wenn alles schläft, mal tagsüber. Nächtliche Beleuchtung bleibt eine Überraschungsangelegenheit ohne Generator , dafür mit Kerzen und Petroleumlampen. Ein uns ungewohnter Anblick, diese Kerzen auf den Treppenstufen, wenn wir zum Dach hinaufsteigen, um den leichten Wind gegen die Hitze zu genießen, fast schon romantisch, wenn es nicht so elend wäre und die Stupidität einer Regierung bezeugen würde, die auf diese Weise keine Arbeitsplätze schaffen wird . Hier scheint man noch nicht einmal die Diskrepanz zwischen verantwortungsvollem Regieren und der gleichzeitigen Fortführung von Sabotage und Mangelwirtschaft zu verstehen noch gar den Mangel auflösen zu wollen, und es bleibt ein weiterer Niedergang des Landes zu befürchten.

In einem ersten Treffen werden wir über den Stand der Projekte des Freundeskreises Nepal informiert, über das Patenkindprogramm mit Schulstipendien und den Schulneubau. Eine beeindruckende Arbeit ist hier in den letzten Jahren geleistet worden.

Unsere Ankunft hat sich herumgesprochen, und überall schallt uns ein herzliches Namaste entgegen, Hände werden zusammengelegt und das Gesicht uns zugewandt. Dieses Namaste wird uns die nächsten Tage begleiten, und es ist keine Floskel. Aufgeschlossenheit und Freude drücken sich hierin aus. So viel Strahlen, Unbeschwertheit und Freude bei den Kindern macht auch uns glücklich. Nur in den Gesichtern vieler Erwachsener zeigt sich die Not – auch wenn sie es eigentlich nicht zeigen wollen. Wir fahren in die Bright Future School, wo wir mit hundertfachem Namastei begleitet durch ein Spalier von Eltern, Kindern und Lehrern zum Versammglungsplatz der Schule geführt werden. Hier sitzen wir unter einem großen Sonnensegel, und verfolgen auf einer kleinen Bühne neben der Begrüßungsansprache des Schulleiters Daya Ram Thapa eine gekonnte Abfolge von Musik und Tanz, die uns stark beeindruckt. Hierin zeigt sich auch die Besonderheit dieser Schule, die bei allen Wettbewerben in Asien zu den Siegern gehört.

Viel Beifall, und dann folgen weitere Tanzdarbietungen. Wir werden auf die Bühne geholt, und alles endet im gemeinsamen Tanz. Erst jetzt merken wir, dass diese Feier fast 4 Stunden gedauert hat.

 In einem weiteren feierlichen Moment wird eine Schulpartnerschaft mit der Dieter-Forte-Gesamtschule in Düsseldorf, mit dem ausdrücklichen Ziel eines Lehrer- und Schüleraustausches, durch Unterschriften und Urkunden besiegelt. 

Unterschriften für die Schulpartnerschaft

Am nächsten Tag ist Sprechstunde. Mütter kommen mit ihren Kindern, um für diese eine Patenschaft für den Schulbesuch der Bright Future School zu erhalten. Interviews werden geführt, Fotos gemacht, und am Ende gibt es 12 neue Patenkinder, die ab der nächste Woche in diese Schule mit Ganztagsbetrieb und Schulspeisung gehen können. Sie dürfen nun mit anderen Kindern und Jugendlichen in diese Schule gehen, deren Eltern das Schulgeld selbst bezahlen können und für die Bildung und satt werden selbstverständlich ist. Verbunden damit laufen Bemühungen, Wohnungen für die Familie derPatenkinder zu finden. Sie kommen oft aus den Wellblechhütten neben ihrem Arbeitsplatz in der Ziegelfabrik. Nur so kann die Voraussetzung für eine gesunde und zukunftsorientierte Entwicklung möglich werden. Die Kinder sind die Zukunft des Landes, denn ohne Bildung gibt es keine Zukunft. Gekoppelt ist der Schulbesuch der Mädchen und Jungen mit der Teilnahme der Mütter an der Abendschule. Hier lernen sie Lesen und Schreiben, erschließen sich den Zugang zu Informationen. Es ist ein Stück Hilfe zu mehr Würde und Emanzipation der Frauen und wird auch so empfunden. 300 Mütter nehmen an dieser Abendschule teil. Wir gehen in die Familien der Patenkinder und prüfen, ob alles den Absprachen entspricht und das Geld, das über das Schulgeld hinaus für besondere Zwecke bezahlt wird wie Medikamente bei schweren Erkrankungen, auch so genutzt wird wie geplant.

Zurück von den Hausbesuchen, werden die Erfahrungen ausgetauscht, Berichte verfasst und die Aufgaben für den nächsten Tag verteilt. Die Ärztinnen berichten über ihre Krankenbesuche und ihre Sprechstunden, durchgeführt unter freiem Himmel und in Höfen.

Am nächsten Morgen ist Baubesprechung. Die Schule muss neu errichtet werden. Eine von den „Maoisten“ ohne Rücksicht auf die Schule verfügte neue Schnellstraße macht den bisherigen Schulweg lebensgefährlich und nimmt der Schule den Raum. Die geplante neue Schule rückt näher ans Viertel heran, das Land ist langfristig gepachtet und besonders wichtig in dieser Gegend: sie soll erdbebensicher gebaut werden. Es gibt genug Fläche auch für angrenzende Sportanlagen. Alles sieht gut aus. Jetzt warten alle auf den Monsunbeginn, denn ohne Wasser – wie jetzt in der Dürre – kann nicht gebaut werden. Und noch eine Hürde ist da. Die „Maoisten“ wollen von allem 25% Steuern kassieren. Die Linie ist klar: keine Spenden mit Abzug , so wie auch kein Cent der Spenden in Verwaltungskosten geht.

Umzüge von zwei Familien stehen auf dem Programm. Der Besuch in den Familien der neuen Patenkinder hat teilweise erschreckende Wohnverhältnisse offenbart. Zimmer oder Ladenverschläge mit Rollgitter für 4 Persone ohne Tageslicht, Strom, Wasser und Toiletten – kaum zu glauben wie man dort leben kann, kaum zu glauben wie die Familien es schaffen ihre Kinder zu ernähren und so sauber und adrett in die Welt zu schicken. Mit Hilfe des Schamanen gelingt es uns Zimmer anzumieten, die ein menschenwürdiges Wohnen erlauben Dazu gibt es für den Start einen Grundeinkauf nach einer Liste für Grundnahrungsmittel für die nächsten Wochen. Eine Diskussion über den sogenannten „Tropfen auf den heißen Stein“ ist nicht zu verstehen. Auch nur eine Familie ins Leben zurückzuführen, einem Kind das Lernen zu ermöglichen, ist jede Anstrengung wert.

Ein letztes Bild bei unserem Abschied prägt sich ein. Es war uns nur am Rande aufgefallen, dass wir keine Ball spielenden Kinder gesehen haben. Ein Fußball und ein Netz mit anderen Bällen wird den Kindern am Morgen geschenkt, und als wir in den Minibus steigen, der uns zum Flughafen bringt, sehen wir eine Schar Jungen, die sich ein Feld mit Toren geschaffen haben, die so begeistert Fußball spielen, dass sie unsere Abfahrt nicht bemerken.

(c) Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved.

All pictures © by Burkhard Mielke, all rights reserved, commercial and private use prohibited.