Den Text des Chansons Nathalie von Gibert Bécaud hatte ich im Gefühl, als ich den Roten Platz in Moskau zum ersten Mal betrat. La Place Rouge était vide /devant moi marchait Nathalie/ il avait un Joli nom, mon guide/ Nathalie- so beginnt es. … mais je sais qu’un jour à Paris, c’est moi qui lui servirai de guide. so endet das Chanson von 1964 mitten im kalten Krieg als Text der Hoffnung auf Freiheit und Begegnung.
Als mein Freund Helmut und ich hier 1988 ankamen, schien sich diese Hoffnung zu erfüllen. Gorbatschow veränderte das Land in diese von Bécaud herbeigesehnte Richtung.
Direkt nach dem Einchecken im Hotel ging es auf eigene Faust mit der Metro los. Unverhofft stehen wir auf einem dunklen, fast leeren Platz und sind falsch ausgestiegen. Ich sprach einen jungen Mann an: Dehala Gandaou aus dem französischsprachigen Tschad. Er führte uns zum Roten Platz, und wir verbrachten den ganzen Abend zusammen bis zum letzten Wachwechsel am Kreml um Mitternacht. Ähnlich wie bei Bécaud, nur ohne Romantik.
Am nächsten Morgen, nach einer Stadtrundfahrt, stiegen wir in unseren Zug. Vor uns 8500 km von Moskau durch die Sowjetunion nach Chabarowsk. Die eigentliche Endstation in Wladiwostok kann nicht erreicht werden. Dort war nach den Grenzzwischenfällen mit China militärisches Sperrgebiet.

Es ist eine kleine Reisegruppe, und wir sind die einzigen Touristen an Bord. Viererabteile, eine Toilette mit Waschgelegenheit für den ganzen Wagon, wenig Platz fürs Gepäck, ein Samowar mit immer heißem Tee am Ende des Ganges und unsere Reiseleiterin Irina, die strikt auf das Fotografierverbot achtet, besonders auf Bahnhöfen.
„Sibiriak“ heißt unser erster Zug von Moskau nach Nowosibirsk. 50 Stunden Fahrt liegen vor uns. Es ist heiß, 28 Grad draußen, und die Klimaanlage funktioniert nicht. Die vorbeiziehende Landschaft ist immer gleich, Birkenwälder und Trabantenstädte. Die einzige Abwechslung sind die Bahnhöfe, wo zumeist Frauen Essen und Obst anbieten.Dort müssen wir immer die Zugtüren im Auge haben, denn die Züge fahren ohne Ankündigung einfach los.

Wir gehen in den Speisewagen mit großen Fenstern und funktionierender Klimaanlage. Als wir uns dort freudig niederlassen, erfahren wir, dass die Verweildauer begrenzt ist. Nach dem Essen muss man den Platz frei machen. Aber wir hatten vorgesorgt und für das Zugpersonal Geschenke mitgebracht. Seidenstrümpfe, kleine Schminkpaletten und mehr wurden erfreut angenommen, und wir durften direkt hinter der Küche unbegrenzt sitzenbleiben und die Fahrt genießen. Zusätzlich bekommen wir ungefragt mit einem Augenzwinkern immer einen Schuss Wodka in den Tee und das, obwohl Gorbatschow die UDSSR trockenlegen wollte durch das Wodka -Verkaufsverbot . Besonders freute ich mich darüber, dass mir eine der Zugbegleiterinnen das Abzeichen des Zuges von ihrem Jackett schenkte.

Plötzlich kommt Unruhe im Zug auf. Wir nähern uns einem Höhepunkt der Fahrt, dem Grenzstein zwischen Europa und Asien längs des Ural bei Kilometern 1777. Gegen Abend erreichen wir dann Novosibirsk nach 3343 Kilometern . 39% der Strecke liegen hinter uns. Die heute drittgrößte Stadt Russlands wurde beim Brückenbau für die Transsib über den Ob als Arbeitersiedlung gegründet. Heute eine moderne, etwas monotone Stadt, mit breiten Strassen und großen Plätzen und ein strategischer Verkehrsknotenpunkt.„Die Stadt der grünen Tomaten“ wird sie auch genannt, weil die Sommer zu kurz sind und die Tomaten zu Hause weiter reifen müssen. Nur knapp 30 km entfernt liegt Akadengorodok, die Stadt der Wissenschaft. Nach diesen Besichtigungen freuen wir uns auf die Bootstour auf dem Ob, einem, fast einem Meer gleichenden, riesigen Fluss. Es wird eine lustige Fahrt mit einer netten, neugierigen Mädchenklasse der Verk Alegskaja Mittelschule an Bord.
Sie sind alle ganz aufgeregt auf Ausländer zu treffen. Mit Hilfe der Lehrerin fragen sie uns viel und haben Spaß dabei. Natascha kann ein bißchen Deutsch,und ich schreibe ihr eine Widmung in ihr Lexikon


Am nächsten Morgen fliegen wir nach Abakan.
Am Ende der fast 400 km langen Flugstrecke an Bord einer Antonov 24, fängt die linke Turbine an zu qualmen, und wir sind froh kurz danach noch sicher zu landen.
Schon im Anflug sahen wir, wie sich die Umgebung veränderte. Von drei Seiten durch Berge geschützt, öffnet sich eine schöne, fast liebliche Landschaft, auch die Schweiz Ostsibiriens genannt. Der geschützte Talkessel wärmt sich stark auf, die Winter sind kürzer und wärmer und die Vegetation für Sibirien besonders. Ein Spruch sagt:“Lieber mit 20% Sibirienzuschlag in Abakan leben als mit 70% woanders“.
Wir sind in der Abakassischen Unionsrepublik. Hierhin wurde Lenin von 1897 bis 1900 verbannt. Eine Zeit, die er nutzte, um die russische Revolution theoretisch vorzubereiten. Hier wird die höchste Stufe des Leninkultes erreicht. Auf dem Weg zu den wichtigsten Schauplätzen südlich von Abakan geht es über Minusinsk vorbei an dem „Überlegungshügel“, wo Lenin auf dem Weg zu seinem Verbannungsort Schuschenskoje Rast machte, um nachzudenken. Jeder Atemzug Lenins und seiner Frau Kupskaja wird hier im Museum, bestehend aus mehreren kleinen Holzhäusern, dokumentiert. Vor unserer Rückfahrt nach Abakan essen wir in einem Restaurant mit dem schönen Namen
“ Lichter des Sajan Gebirges“, und überqueren dann den wilden, reißenden Fluss Jenissej, auf dem Mengen von Baumstämmen geflößt werden. Zurück in Novosibirsk, und nach einer kleinen Pause im Vorraum der Etage mit Tee, wie immer von der Etagenfrau gereicht, müssen wir in den Bus zum Bahnhof.
Unser zweiter Zug „Baikal“ fährt um 2.10 pünktlich ab. 1848 Kilometer sind es bis zum Baikal See. Die Zuggeräusche und das gleichmäßige Schwingen der Wagen haben uns wieder, und wir fahren in die Nacht weitere 31 Stunden nach Osten. Zur Entspannung dieses langen Tages quetschen wir uns zu acht in ein Abteil. Der Wodka aus dem Berioska Shop in Novosibirsk hält nicht lange vor, während wir von dem Ausflug nach Abakan schwärmen, die üblichen Abteilfotos machen, welche an die wodkaseligen Transsibzeiten vor 1983 erinnern. Draußen bleibt alles gleich. Die Landschaft verändert sich nicht: Wälder, Wiesen, sibirische Dörfer, Holzhaussiedlungen größerer Städte und im Anschluß die Datschengebiete und immer wieder große Flüsse.

Abwechslung bieten nur die Wege zum Speisewagen und die Stops an den Bahnhöfen. Das Klacken der Hämmer gegen die Radlager als Sicherheitskontrolle gehört nun schon zum Geräuschprofil unserer Fahrt. Der Zug auf dieser Etappe ist sehr voll, so dass wir nicht im Speisewagen sitzen bleiben können. Dadurch, und das ist das Besondere an dieser 2.Etappe, ergeben sich nette Kontakte zu unseren russischen Mitreisenden, z.B. zu der Familie im Nebenabteil. Unsere Geschenke für deren Kinder wurden dann mit einer leckeren Möhre und russischen Bonbons entgegnet. Inzwischen fahren wir am Kilometerstein 4562 vorbei und haben die Hälfte unserer Strecke erreicht. Helmut ist im Zwischengang mit den dort rauchenden Männern zusammen. Er verschenkte sein Feuerzeug , was mit einem russischen Messer und einer Angelschnur erwidert wird. Um 5.40 Moskauer Zeit und 10.40 Irkutsk Zeit kommen wir nach 5191 Kilometern und 60% der Gesamtstrecke bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein in Irkutsk an. Neben dem Hotel finden wir auch einen Berioska-Shop, füllen unsere Wodkabestände auf und sehen sehr schöne Polarfuchsmützen. Irina erklärt uns den Unterschied der Preise für Touristen und Einheimische (fast dreimal so hoch, mehr als ein Monatsgehalt für Akademiker). Ich frage sie, ob sie auch gerne eine hätte, und sie guckt mich an und sagt einfach ja. Wir kaufen ihr eine, und dies verändert schlagartig ihr Verhalten uns gegenüber. Die Auswirkungen davon erfahren wir auf der letzten Etappe der Fahrt.
Irkutsk ist eine schönere Stadt als Novosibirsk. Unsere Stadtrundfahrt führt uns zu einem großen Platz, wo wir zum ersten Mal Kwas trinken und dann den Ausblick auf die Angara genießen, den einzigen Fluss, der aus dem Baikal-See herausfließt. Hier ist ein großer Strand aufgeschüttet, und halb Irkutsk tummelt sich dort nach 17 Tagen Dauerregen.
Die Gegend hier ist voller Legenden.
Eine davon sagt, dass die wunderschöne Tochter des Baikal eines Nachts dem Willen ihres Vaters nach standesgemäßer Hochzeit entfloh, um sich mit dem wilden und schönen Jenissej zu vereinen.
Am See verliere ich die Wette dort zu baden. Bei acht Grad frieren mir fast die Beine ab, und ich gebe auf. Die Legende sagt, dass ein Bad hier 20 Jahre jünger macht, wenn man nicht erfriert. Der See ist riesig, und man glaubt am Ufer eines Meeres zu stehen, und hier erfahren wir von einer weiteren Legende. Wenn die Männer für längere Zeit auf Jagd gingen, setzten sie ihre Frauen auf einen Stein im See, um ihre Treue zu testen. Wenn diese es schafften, auf dem Stein, den wir vom Ufer aus sehen können, zu bleiben, war dies der Beweis für die Treue. Lächelnd ergänzt unsere Führerin, dass die Frauen damals alle gut schwimmen konnten. Von dort fahren wir in das Dorf Listwjanka, in ein kleines Hotel mit herrlichem Blick auf den See und verbringen einen fröhlichen Abend bis tief in die Nacht in der Rubelbar, zusammen mit Einheimischen. Wir verschenken wieder Lippenstifte und Schminkpaletten, und eine junge Künstlerin malt dafür ein Porträt von mir. Gegen meine Turnschuhe erhalten wir köstlichen aserbeidschanischen Kognak. Eine russische Nacht.
Der nächste Tag vergeht mit Besichtigungen und Besuch des Limnologischen Museums, wo wir alles über diesen einzigartigen See erfahren.
Mit dem Flugboot geht es dann zurück nach Irkutsk, wo nach einem „Gala“- Essen mit Sekt und Kaviar, als Ersatz für ein wegen Regens ausgefallenen Picknicks in der Taiga.
Abends beginnt dann die dritte und letzte Etappe vom Baikal See in den Fernen Osten nach Chabarowsk, an Bord des Zuges Rossija, Wagen 1, direkt hinter der Lok. Vor uns liegt die längste der 3 Strecken mit 58 Stunden. Kurz nach Abfahrt holt uns die verwandelte Irina in ein anderes Abteil, in dem wir die meisten Stunden dieser Tage mit einem General aus Wladiwostok , einem Radaringenieur eines Flugzeugträgers und unseren beiden Wagonbegleitern Sascha und Grenadin verbringen. Sie fragen uns, ob wir Wodka haben und wir leeren gemeinsam unsere Bestände. Einer der Gruppe steht auf und kommt mit schwarzen Unterarmen mit im Tender versteckten Wodkaflaschen ohne Etikett zurück. Deren Flaschen werden in unsere leeren Flaschen umgefüllt und sind so bei einer der Kontrollen uns Touristen zuzuordnen. Irina verkündet den Beginn des russischen Freundschaftsabend und übersetzt ausdauernd die Gespräche, Geschichten und auch Witze, besonders über die Tschuden, die „Ostfriesen“ Sibiriens. Nur manchmal geht sie raus, weil sie etwas nicht übersetzen will.
Es regnet ununterbrochen in Strömen. Wir fahren durch ein riesiges Überschwemmungsgebiet mit unterspülten Brücken und Sicherungsarbeiten entlang der Strecke für die Städte und Dämme, zum Schutz der Bahngleise. Evakuierte Familien in Zeltlagern zeugen von den extrem harten Lebensbedingungen. Je weiter östlich wir kommen, desto härter wird das Leben in den Dörfern. In nur drei Monaten Sommer wachsen in den Gärten nur noch Kartoffeln und vor den Häusern stapeln sich Mengen von Holz für das Heizen.

Wasser wird noch aus alten Ziehbrunnen geschöpft. Es geht nur ums Überleben. Und überall, bis in die kleinsten Dörfer Miliz.
Bei einem kurzen Bahnhofsstop , mitten in der Nacht, stellen wir fest, dass es sehr viel wärmer geworden ist. Wir nähern uns einer anderen Klimazone.Der Regen hat aufgehört, und je näher wir dem Ozean kommen, desto besser wird das Wetter
Jetzt geht es entlang der mongolischen und chinesischen An Bahnhöfen dürfen wir nicht die Türen öffnen, als wir entlang der chinesischen Grenze. Wir halten kurz in Ulan Ude, wo eine weitere Transsibstrecke durch die Mongolei nach Peking führt. Der Wunsch kommt auf, auch dieses Teilstück .einmal zu fahren.
Und jetzt wird’s wieder ernst, Kameras dürfen noch nicht einmal auf dem Tisch liegen und auf Bahnhöfen dürfen wir nicht die Türen öffnen, als wir entlang der chinesischen Grenze fahren, dort wo am Ussuri und Amur militärische Kampfhandlungen über die Grenzziehung 19 61 fast zum großen Krieg geführt hätten. 50 Divisionen sind hier stationiert, und entlang der ganzen Strecke immer wieder alte Dampfloks und Kohlenhalden, falls es im Falle von Auseinandersetzungen zum Stromausfall kommt. Warum dies nach so vielen Jahren immer noch so ist, erfahren wir erst im Nachhinein: Der eigentliche Friedensschluss kam erst 1991 zustande. Es ging immer darum, der Sowjetunion den Zugang zu dem eisfreien Hafen in Wladiwostok zu sichern.
Wir fahren weiter in die Nacht hinein, und mehr und mehr geht uns jegliches Zeitgefühl verloren. Am nächsten Morgen fahren wir bei strahlendem Sonnenschein durch den jüdischen autonomen Oblast, ein gescheitertes 1928 gegründetes Experiment, halten aber nur kurz in der Hauptstadt Birobidschan rund 180 km vor Chabarowsk. Es geht weiter entlang des Amur, über die Amur- Brücke, und unsere Zugfahrt ist nach 8531 Kilometern, 142,5 Stunden im Zug und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 57,9 kmh/h beendet. Spassiba, Doswidanje, ein letztes Winken zu unseren Wagonbegleitern. Es sind jetzt 7 Stunden Zeitunterschied zur Moskau Zeit, und 32 Grad. Und ich gehe trotz aller Warnungen über Wasserverschmutzung im Amur schwimmen.
Und dann, als wirklich toller Abschluss, eine Bootsfahrt auf dem Amur mit Sängerinnen, Folklore und Balalaika.Zwei der Sängerinnen begleiten uns noch bis zum Flughafen und fragen, ob wir nicht dableiben wollen.

























