1988 Mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Sowjetunion

Den Text des Chansons Nathalie von Gibert Bécaud hatte ich im Gefühl, als ich den Roten Platz in Moskau zum ersten Mal betrat. La Place Rouge était vide /devant moi marchait Nathalie/ il avait un Joli nom, mon guide/ Nathalie- so beginnt es. …  mais je sais qu’un jour à Paris, c’est moi qui lui servirai de guide. so endet das Chanson von 1964 mitten im kalten Krieg als Text der Hoffnung auf Freiheit und Begegnung.

Als mein Freund Helmut und ich hier 1988 ankamen, schien sich diese Hoffnung zu erfüllen. Gorbatschow veränderte das Land in diese von Bécaud herbeigesehnte Richtung. 

Direkt nach dem Einchecken im Hotel ging es auf eigene Faust mit der Metro los. Unverhofft stehen wir auf einem dunklen, fast leeren Platz und sind falsch ausgestiegen. Ich sprach einen jungen Mann an: Dehala Gandaou aus dem französischsprachigen Tschad. Er führte uns zum Roten Platz, und wir verbrachten den ganzen Abend zusammen bis zum letzten Wachwechsel am Kreml um Mitternacht. Ähnlich wie bei Bécaud, nur ohne Romantik. 

Am nächsten Morgen, nach einer Stadtrundfahrt, stiegen wir in unseren Zug. Vor uns 8500 km von Moskau durch die Sowjetunion nach Chabarowsk.  Die eigentliche Endstation in Wladiwostok kann nicht erreicht werden. Dort war nach den Grenzzwischenfällen mit China militärisches Sperrgebiet.

 Es ist eine kleine Reisegruppe, und wir sind die einzigen Touristen an Bord. Viererabteile, eine Toilette mit Waschgelegenheit für den ganzen Wagon, wenig Platz fürs Gepäck, ein Samowar mit immer heißem Tee am Ende des Ganges und unsere Reiseleiterin Irina, die strikt auf das Fotografierverbot achtet, besonders auf Bahnhöfen.

„Sibiriak“ heißt unser erster Zug von Moskau nach Nowosibirsk. 50 Stunden Fahrt liegen vor uns. Es ist heiß, 28 Grad draußen, und die Klimaanlage funktioniert nicht. Die vorbeiziehende Landschaft ist immer gleich, Birkenwälder und Trabantenstädte. Die einzige Abwechslung sind die Bahnhöfe, wo zumeist Frauen Essen und Obst anbieten.Dort müssen wir immer die Zugtüren im Auge haben, denn die Züge fahren ohne Ankündigung einfach los. 

Wir gehen in den Speisewagen mit großen Fenstern und funktionierender Klimaanlage. Als wir uns dort freudig niederlassen, erfahren wir, dass die Verweildauer begrenzt ist. Nach dem Essen muss man den Platz frei machen. Aber wir hatten vorgesorgt und für das Zugpersonal Geschenke mitgebracht. Seidenstrümpfe, kleine Schminkpaletten und mehr wurden erfreut angenommen, und wir durften direkt hinter der Küche unbegrenzt sitzenbleiben und die Fahrt genießen. Zusätzlich bekommen wir ungefragt mit einem Augenzwinkern immer einen Schuss Wodka in den Tee und das, obwohl Gorbatschow die UDSSR trockenlegen wollte durch das Wodka -Verkaufsverbot . Besonders freute ich mich darüber, dass mir eine der Zugbegleiterinnen das Abzeichen des Zuges von ihrem Jackett schenkte.

Plötzlich kommt Unruhe im Zug auf. Wir nähern uns einem Höhepunkt der Fahrt, dem Grenzstein zwischen Europa und Asien längs des Ural  bei Kilometern 1777. Gegen Abend erreichen wir dann Novosibirsk nach 3343 Kilometern . 39% der Strecke liegen hinter uns. Die heute drittgrößte Stadt Russlands wurde beim Brückenbau für die Transsib über den Ob als Arbeitersiedlung gegründet.  Heute eine moderne, etwas monotone Stadt, mit breiten Strassen und großen Plätzen und ein strategischer Verkehrsknotenpunkt.„Die Stadt der grünen Tomaten“ wird sie auch genannt, weil die Sommer zu kurz sind und die Tomaten zu Hause weiter reifen müssen.   Nur knapp 30 km entfernt liegt Akadengorodok, die Stadt der Wissenschaft. Nach diesen Besichtigungen freuen wir uns auf die Bootstour auf dem Ob,  einem, fast einem Meer gleichenden,  riesigen Fluss. Es wird eine lustige Fahrt mit einer netten, neugierigen Mädchenklasse  der Verk Alegskaja Mittelschule an Bord.

Sie sind alle  ganz aufgeregt auf Ausländer zu treffen. Mit Hilfe der Lehrerin fragen sie uns viel und haben Spaß dabei. Natascha kann ein bißchen Deutsch,und ich schreibe ihr eine Widmung in ihr Lexikon

Am nächsten Morgen fliegen wir nach Abakan.

 Am Ende der fast 400 km langen Flugstrecke an Bord einer Antonov 24, fängt die linke Turbine an zu qualmen, und wir sind froh kurz danach noch sicher zu landen.

Schon im Anflug sahen wir, wie sich die Umgebung veränderte. Von drei Seiten durch Berge geschützt,  öffnet sich eine schöne, fast liebliche Landschaft, auch die Schweiz Ostsibiriens genannt. Der geschützte Talkessel wärmt sich stark auf, die Winter sind kürzer und wärmer und die Vegetation für Sibirien besonders.  Ein Spruch sagt:“Lieber mit 20% Sibirienzuschlag in Abakan leben als  mit 70% woanders“.

Wir sind in der Abakassischen Unionsrepublik. Hierhin wurde Lenin von 1897 bis 1900  verbannt. Eine Zeit, die er nutzte, um die russische Revolution theoretisch vorzubereiten. Hier wird die höchste Stufe des Leninkultes erreicht. Auf dem Weg zu den wichtigsten Schauplätzen südlich von Abakan geht es über Minusinsk vorbei an dem „Überlegungshügel“, wo Lenin auf dem Weg zu seinem  Verbannungsort  Schuschenskoje Rast machte, um nachzudenken. Jeder Atemzug Lenins und seiner Frau Kupskaja wird hier  im Museum, bestehend aus mehreren kleinen Holzhäusern, dokumentiert. Vor unserer Rückfahrt nach Abakan essen wir in einem Restaurant mit dem schönen Namen 

“ Lichter des Sajan Gebirges“, und überqueren dann den wilden, reißenden Fluss Jenissej, auf dem  Mengen von Baumstämmen geflößt werden. Zurück in Novosibirsk, und nach  einer kleinen Pause  im Vorraum der Etage mit Tee, wie immer von der Etagenfrau gereicht, müssen wir in den Bus zum Bahnhof. 

Unser zweiter Zug „Baikal“ fährt um 2.10 pünktlich ab. 1848 Kilometer sind es  bis zum Baikal See. Die Zuggeräusche und das gleichmäßige Schwingen der Wagen haben uns wieder, und wir fahren in die Nacht weitere  31 Stunden nach Osten. Zur Entspannung dieses langen Tages quetschen wir uns zu acht  in ein Abteil. Der Wodka aus dem Berioska Shop in Novosibirsk hält nicht lange vor, während wir von dem Ausflug nach Abakan schwärmen, die üblichen Abteilfotos machen, welche an die wodkaseligen Transsibzeiten vor 1983 erinnern. Draußen bleibt alles gleich. Die Landschaft verändert sich nicht: Wälder, Wiesen, sibirische Dörfer, Holzhaussiedlungen größerer Städte und im Anschluß die Datschengebiete und immer wieder große Flüsse. 

Abwechslung bieten nur die Wege zum Speisewagen und die Stops an den Bahnhöfen. Das Klacken der Hämmer gegen die Radlager als Sicherheitskontrolle gehört nun schon zum Geräuschprofil unserer Fahrt. Der Zug auf dieser Etappe ist sehr voll, so dass wir nicht im Speisewagen sitzen bleiben können. Dadurch, und das ist das Besondere an dieser 2.Etappe, ergeben sich nette Kontakte zu  unseren russischen Mitreisenden, z.B. zu der Familie im Nebenabteil. Unsere Geschenke für deren Kinder wurden dann mit einer leckeren Möhre  und russischen Bonbons entgegnet.  Inzwischen fahren wir  am Kilometerstein 4562 vorbei und haben die Hälfte unserer Strecke erreicht. Helmut ist im Zwischengang mit den dort rauchenden Männern  zusammen. Er verschenkte sein Feuerzeug , was mit einem russischen Messer und einer Angelschnur erwidert wird. Um 5.40 Moskauer Zeit und 10.40 Irkutsk Zeit kommen wir nach 5191 Kilometern und 60% der Gesamtstrecke bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein in Irkutsk an. Neben dem Hotel finden wir auch einen Berioska-Shop, füllen unsere Wodkabestände auf und sehen sehr schöne Polarfuchsmützen. Irina erklärt uns den Unterschied der Preise für Touristen und Einheimische (fast dreimal so hoch, mehr als ein Monatsgehalt für Akademiker). Ich frage sie, ob sie auch gerne eine hätte, und sie guckt mich an und sagt einfach ja. Wir kaufen ihr eine, und dies verändert schlagartig ihr Verhalten uns gegenüber. Die Auswirkungen davon erfahren wir auf der letzten Etappe der Fahrt.

Irkutsk ist eine schönere Stadt als Novosibirsk. Unsere Stadtrundfahrt führt uns zu einem großen Platz, wo wir zum ersten Mal Kwas trinken und dann den Ausblick  auf die Angara genießen,  den einzigen Fluss, der aus dem Baikal-See herausfließt. Hier ist ein großer Strand aufgeschüttet, und halb Irkutsk tummelt sich dort nach 17 Tagen Dauerregen. 

Die Gegend hier ist voller Legenden.

 Eine davon sagt, dass die wunderschöne Tochter des Baikal eines Nachts dem Willen ihres Vaters nach standesgemäßer Hochzeit entfloh, um sich mit dem wilden und schönen Jenissej zu vereinen.

Am See verliere ich die Wette dort zu baden. Bei acht Grad frieren mir fast die Beine ab, und ich gebe auf. Die Legende sagt, dass ein Bad hier 20 Jahre jünger macht, wenn man nicht erfriert. Der See ist riesig, und man glaubt am Ufer eines Meeres zu stehen, und hier erfahren wir von einer weiteren Legende. Wenn die Männer für längere Zeit auf Jagd gingen, setzten sie ihre Frauen auf einen Stein im See, um ihre Treue zu testen. Wenn diese es schafften, auf dem Stein, den wir vom Ufer aus sehen können, zu bleiben, war dies der Beweis für die Treue. Lächelnd ergänzt unsere Führerin, dass die Frauen damals alle gut schwimmen konnten. Von dort fahren wir in das Dorf Listwjanka, in ein kleines Hotel mit herrlichem Blick auf den See und verbringen  einen fröhlichen Abend  bis tief in die Nacht in der Rubelbar, zusammen mit Einheimischen. Wir verschenken wieder Lippenstifte und Schminkpaletten, und eine junge Künstlerin malt dafür ein Porträt von mir. Gegen meine Turnschuhe erhalten wir köstlichen aserbeidschanischen Kognak. Eine russische Nacht.

Der nächste Tag vergeht mit Besichtigungen und Besuch des Limnologischen Museums, wo wir alles über diesen einzigartigen See erfahren.

Mit dem Flugboot geht es dann zurück nach Irkutsk, wo nach einem „Gala“- Essen mit Sekt und Kaviar, als Ersatz für ein wegen Regens ausgefallenen Picknicks in der Taiga.

 Abends  beginnt  dann die dritte und letzte Etappe vom Baikal See in den Fernen Osten nach Chabarowsk, an Bord des Zuges Rossija, Wagen 1, direkt hinter der Lok. Vor uns liegt die längste der 3 Strecken mit 58 Stunden. Kurz nach Abfahrt holt uns die verwandelte Irina in ein anderes Abteil, in dem wir die meisten Stunden dieser Tage mit einem General aus Wladiwostok , einem Radaringenieur eines Flugzeugträgers und unseren beiden Wagonbegleitern Sascha und Grenadin verbringen. Sie fragen uns, ob wir Wodka haben und wir leeren gemeinsam unsere Bestände. Einer der Gruppe steht auf und kommt mit schwarzen Unterarmen mit im Tender versteckten Wodkaflaschen ohne Etikett zurück. Deren Flaschen werden in unsere leeren  Flaschen umgefüllt und sind so bei einer der Kontrollen uns Touristen zuzuordnen. Irina verkündet den Beginn des russischen Freundschaftsabend und übersetzt ausdauernd die Gespräche, Geschichten und auch Witze, besonders  über die Tschuden, die „Ostfriesen“ Sibiriens. Nur manchmal geht sie raus, weil sie etwas nicht übersetzen will.

 Es regnet ununterbrochen in Strömen. Wir fahren  durch ein riesiges Überschwemmungsgebiet mit unterspülten Brücken und Sicherungsarbeiten entlang der Strecke für die Städte und Dämme, zum Schutz der Bahngleise. Evakuierte Familien in Zeltlagern zeugen von den extrem harten Lebensbedingungen. Je weiter östlich wir kommen, desto  härter wird das Leben in den Dörfern. In nur drei Monaten Sommer wachsen in den Gärten nur noch Kartoffeln und vor den Häusern stapeln sich Mengen von Holz für das Heizen.

Wasser wird noch aus alten Ziehbrunnen geschöpft. Es geht nur ums Überleben. Und überall, bis in die kleinsten Dörfer Miliz.

Bei einem kurzen Bahnhofsstop , mitten in der Nacht, stellen wir fest, dass es sehr viel wärmer geworden ist. Wir nähern uns einer anderen Klimazone.Der Regen hat aufgehört, und je näher wir dem Ozean kommen, desto besser wird das Wetter

Jetzt geht es entlang der mongolischen und chinesischen An Bahnhöfen dürfen wir nicht die Türen öffnen, als wir entlang der chinesischen Grenze. Wir halten kurz in Ulan Ude, wo eine weitere Transsibstrecke durch die Mongolei nach Peking führt. Der Wunsch kommt auf, auch dieses Teilstück .einmal zu fahren.

Und jetzt wird’s wieder ernst, Kameras dürfen noch nicht einmal auf dem Tisch liegen und auf Bahnhöfen dürfen wir nicht die Türen öffnen, als wir entlang der chinesischen Grenze fahren, dort wo am Ussuri und Amur militärische Kampfhandlungen über die Grenzziehung 19 61 fast zum großen Krieg geführt hätten. 50 Divisionen sind hier stationiert, und entlang der ganzen Strecke immer wieder alte Dampfloks und Kohlenhalden, falls es im Falle von Auseinandersetzungen zum Stromausfall kommt. Warum dies nach so vielen Jahren immer noch so ist, erfahren wir erst im Nachhinein: Der eigentliche Friedensschluss kam erst 1991 zustande. Es ging immer darum, der Sowjetunion den Zugang zu dem eisfreien Hafen in Wladiwostok zu sichern.

Wir fahren weiter in die Nacht hinein, und mehr und mehr geht uns jegliches Zeitgefühl verloren. Am nächsten Morgen fahren wir bei strahlendem Sonnenschein durch den jüdischen autonomen Oblast, ein gescheitertes 1928 gegründetes Experiment, halten aber nur kurz in der Hauptstadt Birobidschan rund 180 km vor Chabarowsk.  Es geht weiter entlang des Amur, über die Amur- Brücke, und unsere Zugfahrt ist nach 8531 Kilometern, 142,5 Stunden im Zug und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 57,9 kmh/h beendet. Spassiba, Doswidanje, ein letztes Winken zu unseren Wagonbegleitern. Es sind jetzt 7 Stunden Zeitunterschied zur Moskau Zeit, und 32 Grad. Und ich gehe trotz aller Warnungen über Wasserverschmutzung im Amur schwimmen.

Und dann,  als wirklich toller Abschluss,  eine Bootsfahrt auf dem Amur mit Sängerinnen, Folklore und Balalaika.Zwei der Sängerinnen begleiten uns noch bis zum Flughafen und fragen, ob wir nicht dableiben wollen.

Taipei 2014

Die Zeit steht still im Longshan Tempel von 1783 im alten Viertel Wanhua zu Ehren der Göttin Guanyin. Es ist offensichtlich ein Festtag. Frauen, wie eine Art Nonnen gekleidet, sind im Inneren des Tempels und singen mit Musikbegleitung. Der Hof ist voller Menschen, die beten. Rauchschwaden von den Unmengen brennender Räucherstäbchen umhüllen alles .Von Zeit zu Zeit lodern in den goldenen Bronzekesseln neben den Räucherstäbchen kleineFeuer von verbranntem Papiergeld auf. Die Tische mit dem zu weihenden Obst und Essen sind randvoll. Das Gemurmel der leise leise gesprochenen Bitten an die Göttin oder andere auch hier noch vorhandene Götter, erfüllt den Innenhof. Die Ständer mit den Kerzen müssen ständig gereinigt werden und sind sofort wieder ein neues Bild leuchtender Lichter im Nebel der Räucherstäbchen. Es zieht einen in den Bann des Geschehens und es ist nicht leicht zu gehen wegen dieser Mischung aus monotoner Wiederholung und immer wieder faszinierender Blicke auf die Menschen im Tempel beim Vollzug der immer wiederkehrenden Rituale, plötzlicher Geräusche von Glocken oder das in der andächtigen Stille hart klackende Geräusch der auf dem Boden aufschlagenden Glückssteine.

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Iron Maiden – 30.Juni 2025

Run for Your Live

Wir freuten uns auf den Besuch von Jörg aus Nürnberg. Er kam zu uns nach Berlin, um dann ein Heavy Metal Konzert in der Waldbühne zu besuchen. Die Frage, ob ich mitkommen würde, konnte ich im Vorfeld nicht klar entscheiden. Ich hatte zwar von Heavy Metal gehört, aber es war nicht so mein Ding. Doch dann kam die Überlegung: Vielleicht doch, warum nicht? Und ich ließ es erstmals offen. Als Jörg ankam, hatte er doch schon eine Karte für mich und ich beschloss, zum ersten Mal in meinem Leben auf ein Heavy Metal Konzert zu gehen.

Heavy Metal in der Waldbühne!

Geübt suchte Jörg für uns im Innenraum einen zenral gelegenen Stehplatz nah der Bühne. Die riesigen schwarzen Lautsprecherboxen türmen sich bis in den Himmel. Und ich war gespannt, wie das auf mich wirken würde. Die Vorband beeindruckte mich gar nicht. Doch dann ging es richtig los. Iron Maiden eroberte die Bühne unter tosendem Beifall der ausverkauften Waldbühne. Wie wild sprangen die Musiker über die Bühne, fanden ihre Positionen, und es wurde laut:

Iron Maiden, die Eiserne Jungfrau. Der Name, Mythos eines angeblichen mittelalterlichen Folterinstrumentes (Ein sargähnlicher Schrank mit innen angebrachten scharfen Metallspitzen). Der Name sollte Härte, Dunkelheit und historische Mystik transportieren – so sah das Bühnenbild auch aus.

Bühnenbild mit Eddie, dem visuellen Symbol für Iron Maiden^

Die Fans begannen sich im Rhythmus zu bewegen. Neben mir zwei junge Männer mit sehr langen Haaren und beeindruckendem Tempo beim Headbanging, die immer wieder im Rhythmus ihre Haare und ihren Kopf extrem schüttelten, ohne sich klar zu sein, welchen anatomisch bedingten Gefahren sie sich dadurch aussetzen. An einigen Stellen begannen erste Gruppen zu mosten und die ersten „Circles oF Death“ starteten. Der gesamte Fanblock sprang immer wieder hoch, streckte energisch den Metal-Gruß (Faust mit ausgestrecktem Zeigefinger und kleinem Finger) nach vorne in Richtung Bühne und Band. Und dies zwei Stunden lang, ohne dass irgendjemand erschöpft aufgab. Und ich mittendrin.   

Bewegung macht durstig, und ich war nicht vorbereitet, musste aber irgendwie an etwas Trinkbares kommen. Seitwärts schob ich mich durch die bewegte Menge und gelangte zu der niedrigen Mauer, die den Platz vor der Bühne von den Sitzplätzen abtrennt. Dort kam von Zeit zu Zeit ein Bierverkäufer vorbei. Auf die Erlösung wartend, setzte ich mich auf die kleine Mauer. Dicht vor mir ein mittelalter Fan in voller Headbanging Ekstase. Plötzlich aber drehte er sich zu mir um und guckte verwundert mich dort sitzen zu sehen und fragte:„ Ist alles in Ordnung?“. Ich sagte ihm: „Ja, ich brauche nur was zu trinken, und in meinem Alter ist es auch ganz gut, zwischendurch mal kurz zu sitzen. Als er mich nach meinem Alter fragte und hörte, dass ich bereits die 80 überschritten habe, schaute er mich erstaunt an, nahm mich in den Arm und sagte: „Schön, dass du da bist!“ Welch ein Erlebnis!

Was macht Iron Maiden einzigartig

Ich blieb dort in dieser Ecke, denn durch die wogende Menge wäre ich mit dem großen Becher Bier nicht weit gekommen. Blieb dort in dieser Ecke, denn durch die wogende Menge wäre ich mit dem großen Becher Bier nicht weit gekommen. Ich fand mich immer mehr in diese Art Musik hinein. Es war ein außergewöhnliches Erlebnis durch die besondere instrumentale Zusammensetzung der Band und die rasante Schnelligkeit. Später erfuhr ich durch Internet-Recherche: „Typisch sind die Twin-Gitarren-Harmonien. Diese zweistimmigen Harmonielinien… verleihen den Songs einen hymnischen, fast orchestralen Charakter. Galoppierendes Bass Spiel…und…die kraftvolle, opernhafte Stimme des Sängers. Dazu die Verbindung der Musik mit epischen Themen, literarischen, historischen und mythologischen Stoffen, ist ein Spiegel kollektiver Erfahrung: Von der Angst vor dem Unbekannten über die Grausamkeit des Krieges bis hin zur Mahnung, das Leben bewußt zu leben. Diese Verbindung macht den Reiz dieser Musik aus.“ (Copilot)

 Ein unerwartetes Musikerlebnis

Für mich besonders erstaunlich war, dass es gegen Ende des Konzerts mit den Songs „Fear of the Dark“ und „Wasted Years“ etwas sanfter, langsamer, melodischer, fast schon poetisch wurde, und es gefiel mir sehr gut. Erst später erfuhr ich, dass diese Band für viele die Nummer eins im Heavy Metal ist. Der Gründer und Bandleader Steve Harris hat für Heavy Metal wohl den gleichen Stellenwert, wie für mich, als Jazzfan, Louis Armstrong im Jazz. 

Jörg und ich fanden uns wieder, und er guckte mich fragend an. Als ich sagte, super , strahlte er. Und ich wusste auch, dass es gut war, nicht die ganze Zeit an seiner Seite geblieben zu sein, denn ich ahnte, dass meine Anwesenheit in dieser Situation ihn etwas gedämpft hätte.

 Diese Heavy Metal Fan-Gruppen sind anders, als man vermuten könnte: Die Musik ist laut, schnell und brutal, die Fans aber freundlich, friedlich und zugewandt.( So zum Beispiel ist der Metality e.V. https.//metality.org, eine gemeinnützige Organisation, um diese Werte des Heavy Metal in die Gesellschaft zu tragen)

Nach dem Abend voller ununterbrochener heftiger Bewegung mit lauter Musik  verblüffte mich dann – nach der Erfahrung von Rockkonzerten oder Fußballspielen- das ruhige, geordnete Verlassen der Waldbühne

Als wir zu Hause waren und bei einem Glas Bier alles Revue passieren ließen, wusste ich, dass ich einen einmaligen Abend erlebt hatte – Once in a Lifetime – und ich bin dankbar dafür.

Xiao San Via – Yang Tse Kiang 2 – 1997

Die drei kleinen Schluchte

Die drei goßen und die drei kleinen Schluchten haben heute ihren Zauber verloren. Ich hatte das Glück auf einer der letzten Fahrten durch diese Schluchten zu sein, bevor der neue Staudamm aus den weltberühmten tiefen Schlichten ein breites Gewässer ohne den alten Reiz machte

Heute nach Fertigstellung des Staudamm liegt Fengdu als Geisterstadt 37 Meter unter Wasser, der Tempel mit dem Eingang des Hades ist eine Insel, der Jangtse hat an Breite gewonnen und seine Wildheit verloren. Die Jangtse Schiffe haben die Größe der Aida Flotte.

Von den 3 kleinen Schluchten am Daning Fluß ist nur noch die oberste übrig geblieben. Der Zauber der tiefen Schluchten ist dem Staudamm geopfert worden.

Der Daning Fluss mit den drei kleinen Schluchten

Teil der Yangtsefahrt war auch ein Tagesabstecher zu den nun verlorenen kleinen Schluchten. Ein irreparabler Verlust, der die ganze Region veränderte. An diese kleinen Schluchten soll hier erinnert werden.

Nach der ersten Schlucht wird der Strom wieder breit und wir kommen nach Wuxia (Wushan), dem Ort wo, die zweite Schlucht, die Wu Schlucht beginnt Hier mündet der Daning Fluss in den Yangtze, der sich seinen Weg durch die so genannten „drei kleinen Schluchten“ Xiao San Xia bahnt. Diese drei kleinen Schluchten gehören auch zu den 40 Haupttouristenattraktionen Chinas. Wir zwängen uns in einen alten klapprigen Bus und fahren bis in eine kleine Stadt. Hier sehen wir, wie China in der Provinz noch aussieht Ein ungeheurer Lärm aus Geschrei und Autogehupe umgibt uns, die Straße ist so voller Löcher, dass man meint, der Bus hätte keine Stoßdämpfer. Überall herrscht geschäftiges Treiben. Lastenträger laufen mit ihrem Bambusstangen und transportieren alles, was irgendwo gebraucht wird. Es ist unwahrscheinlich dreckig und mitten drin sitzen die Leute: die Garküchen dampfen und sie sitzen in diesem Gewusel und essen. Die kleinen Kinder mit ihren vorn und hinten offenen Hosen laufen dazwischen herum. Haare werden geschnitten, alles spielt sich in der Öffentlichkeit ab. Solche Szenen sind hier nichts außergewöhnliches und wir haben sie auch schon woanders gesehen. Aber hier ist alles viel enger , primitiver und irgendwie rücksichtsloser. Die Leute stehen seelenruhig auf der Straße, obwohl die Wagen vorbei müssen, die Fahrer ihrerseits sind rücksichtslos und meinen, wer hupt, kann weiter fahren. Die Straßen sind so eng dass man kaum durchkommt. Dann müssen wir aussteigen und den Berg hinunter zum Flussufer gehen. Hier liegen an die 100 kleine, verrostete Boote für die Fahrt durch die kleinen Schluchten. Der übliche Kampf um die Boote beginnt mit dem Einsteigen über kleine Planken und hemmungslosem Schieben und Vordrängen. Schließlich haben wir nach längerer Zeit alle unseren Platz in einem Boot und es könnte losgehen. Die Boote müssen in die Mitte des kleinen flachen Flusses und von dort durch eine sehr enge, flache Stelle fahren, ein schwieriges Unternehmen. Wenn dieses organisiert abliefe, wären wir schon längst weg. Nach welchen Spielregeln es abläuft, ist für uns nicht zu erkennen. Wir haben über eine Stunde gebraucht, ehe es richtig losgeht. Aber dafür werden wir belohnt. Unter der Brücke hindurch, die die Grand Dragon Gate Gorge überspannt, führt die erste Schlucht 12,3 km den Fluss hinauf nach Dongpingba. Die Sicht hier ist besser als in den Yangtze Schluchten und das Wasser ist klar im Gegensatz zu dem gelb des Yangtze. Es ist faszinierend auf diesem schmalen Fluss zwischen den steil aufragenden Bergen zu fahren. Wenn sich über uns Felsbrocken lösen würden, würden sie direkt auf uns fallen. Bergziegen „kleben“ an den Steilhängen. Wenn auf einer Seite etwas mehr Platz ist, sehen wir Bauern, die mit Ochsen die kleinen Felder an steilen Hängen bearbeiten. Unsere Führerin erklärt unsetwas über die kleinen Schluchten. Über merkwürdige viereckige Löcher hoch oben in den Felswänden, die in Kriegszeiten als Orientierung dienten. Man kommt sich sehr klein vor in diesem Boot zwischen den Steilhängen. Die Fahrt mit dem Boot ist ein Abenteuer. Der Fluss ist an vielen Stellen sehr eng und manchmal sind nur wenige Zentimeter Wasser unter uns. Inseln, Stromschnellen und die natürlichen Windung des Flusses fordern den vollen Einsatz des Steuermanns und der Männer vorne im Boot, die mit langen Bambusstangen mit einer Eisenspitze das Boot von den Felswänden wegdrücken oder mit großem Kraftaufwand diese in den Boden des Flusses stemmen um dem Boot eine andere Richtung zu geben. Oft kommt das Boot auf dem Kies auf und es knirscht gewaltig.

Wir dürfen vorne sitzen und werden von der Besatzung gleich auf Geld für diesen Sonderservice angesprochen. Nach einer Stunde Fahrt müssen wir alle aussteigen und über eine Treppe den Berg hinauf an einer langen Reihe von Ständen vorbei, an denen Unmengen von Kitsch und Essen angeboten wird. Angeblich ist es an dieser Stelle der Schluchten zu gefährlich, voll beladen zu fahren. In Wirklichkeit eher ein Abkommen, um die einheimische Bevölkerung am Tourismus teilhaben zu lassen. Ein Gutes hat dieser Stopp: wir haben von oben einen sehr guten Blick auf den Fluss und die in einer langen Reihe fahrenden Boote. Dann steigen wir etwas weiter Flussabwärts wieder ein und es geht noch eine Stunde so weiter, durch diese herrliche Landschaft

Auf dem Daning River

Beim nächsten Stopp werden die Boote wenden. Wir steigen wieder den Berg zu dem kleinen Ort hinauf. Dort ist ein Museum mit Exponaten aus der Gegend. Was dieses Museum interessant macht, sind zwei Särge. Das Volk, das hier früher lebte bestattete, die Leichen hoch oben in Nischen steiler Felswände, „die hängenden Gräber“ aus der Han Dynastie. Und niemand weiß, wie man dorthin gelangte und wer diese Bestattungen vorgenommen hat. Zwei Särge aus dieser Zeit mit Knochen sind hier ausgestellt. In einem Sarg ist auch ein 14-jähriges Mädchen als „Begleiterin“ mitgegeben worden. Auf der Rückfahrt werden wir zwei dieser Sargnischen in den Felsen sehen, in denen die Särge noch vorhanden sein sollen. Wir gehen auf der anderen Seite wieder über Treppen zum Fluss hinunter zurück aufs Boot. Auf der Rückfahrt werden uns alle möglichen Felsformationen erklärt und die Chinesen sind mit Begeisterung dabei, sie zu erkennen. Zurück an Bord unseres Yangtze Schiffes geht die Fahrt weiter hinein in die zweite Schlucht, die wir von der Kapitänsbrückeeaus erleben.

Rezension meines Buchs: Orte und Momente

Reisen für ein reiches Leben                                           15. Juni 2025


Burkhard Mielke hat ein neues Buch geschrieben. Es macht Spaß, es zu lesen, und es macht gleichzeitig nachdenklich.
Das Buch handelt von seinen jüngsten Reisen seit 1991 (mit Ausnahme einer Reise im Jahre 1968 nach Prag) in die Antarktis nach China, nach Nepal, New Mexico, Palau, St Pierre (bei Neufundland), Tansania, Taiwan, Tibet, Uganda, Vietnam und nach Mustang (am Himalaya). Es ist in feiner Sprache geschrieben und mit vielen selbstgefertigten Fotos und Grafiken versehen. Die Fotos vermitteln bisher zum Teil unbekanntes Wissen über die Reiseländer, aber auch etwas über die Emotionen, die Burkhard bei seinen Reisen begleiteten.
Es waren keine gewöhnlichen, keine nur touristischen Reisen, sondern belangreiche Reisen auf dem Wege (im doppelten Sinne) zur Anreicherung seiner eigenen Biografie – durch neue Erfahrungen und durch Reflektion. 
Beispielsweise schreibt Burkhard anlässlich einer Bergtour am Rande des Himalaya: „Die physische Anstrengung geht einher mit der Auseinandersetzung mit mir selbst als ständigem inneren Dialog. Mehr und mehr ist nichts außer mir selbst wichtig, ich habe ein Ziel, eine Herausforderung, und ich darf und will nicht aufgeben.“ (S. 70). Das hält ihn aber selbst auf Reisen nicht ab vom sozialen Engagement:
So unterstützte und unterstütz er eine Schulpartnerschaft in Nepal und organisierte Schüleraustauschprogramme mit Schulen in Tunesien, New York, Beijing und Sanghai. 
Burkard fühlte sich nicht von atemberaubenden Locations angezogen, wie sie der Zeitgeist prägt, sondern er hat eigentümliche Orte aufgesucht, zu denen ihn seine Neugier führte, hat dort verweilt, hat sie studiert und vieles davon nicht vergessen. Menschen prägen Orte, aber auch Orte prägen Menschen. Jeder Ort ist anders, Menschen sind es ebenso. Letztlich lernt man sich selbst auch durch Andere kennen. Und bei Reisen in die entlegensten Orte der Welt sogar durch ganz Andere.
Burkard reflektiert auf seinen langen Reisen auch sein Verhältnis zur Natur. Angesichts der von ihm beobachteten globalen Umweltprobleme und der zunehmenden Zerstörung natürlicher Lebensräume gewinnt das Konzept der Nachhaltigkeit an offensichtlicher Bedeutung. Es impliziert, die natürlichen Ressourcen zu bewahren, ökologische Gleichgewichte zu erhalten und zukünftigen Generationen eine intakte Umwelt zu hinterlassen. Viele der von ihm besuchten Kulturen und Traditionen betonen die Wertschätzung und den Respekt vor der Natur als Ausdruck von Dankbarkeit, Demut und Achtsamkeit. Dies spiegelt sich in verschiedenen Formen von Burkhards Fotos wider. Sein Verhältnis zur Natur ist geprägt von einer Vielzahl von Perspektiven und Ansätzen, die die Relevanz, aber auch die Ambivalenz und Komplexität dieser Beziehung verdeutlichen.
Zum Schluss zieht Burkhard ein Fazit. Auch das lohnt, zitiert zu werden: „Doch was bleibt ist das Erlebnis des ´zu sich selbst Kommens´ in der Stille dieser vorbeiziehenden einzigartigen Natur und des unerwarteten Glücks, all dies bei schönem Wetter und ruhiger See erleben zu dürfen“. (S. 133)
Dieses Buch erweckt den Wunsch, selber gleich aufbrechen zu wollen, auch über die eigenen Reisen neu zu denken, die eigene Biografie zu reflektieren und über den Sinn des Lebens nach zu denken.


Prof.em Dr.Hans-Günter Rolff


Burkhard Mielke: Orte und Momente. Bernau bei Berlin 2025

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Zwischen Gestern und Morgen

„Ich glaube er war gedopt“, so Jens zu Marie über mich an einem unerwartet lebendigen Geburtstagsabend mit Familie und Freunden. Es war mein 80. Geburtstag, und ich soll bis auf Essenspausen ununterbrochen auf der Tanzfläche gewesen sein. Üblicher bei einem 80. Geburtstag: man sitzt zusammen, freut sich, spricht viel miteinander, isst gut, trinkt gut und verbringt einen „altersgemäß“ netten Abend zusammen.  Doch es kam anders. 

Gudrun Binger aus Duisburg, mit der ich vor einiger Zeit mit einer Kleingruppe im Himalaya zum Trekking in Mustang gewesen war, sang als Solistin mit ihrer wunderschönen Stimme nach dem Essen.

Und dann, nach einer kurzen Pause, setzte „Der Letzte infantile Gedanke“ ein – meine Lieblingsband, die mir schon zu meinem 70. Geburtstag versprochen hatten, zu meinem 80. Geburtstag wiederzukommen.

Noch in Düsseldorf und damals ohne Sängerin hatte diese Verbindung mit der jungen Band aus Berlin begonnen.  Meine Töchter Xenia und Jahel schenkten mir damals den Auftritt dieser Band zu meiner Geburtstagsfeier. Sie kamen aus Berlin, und es war einfach die Art und Weise wie sie auftraten, uns begeisterten und animierten, so dass ich morgens gegen 4:30 Uhr mit diesen Jungs an unserer Bar stand und sie zu einem Single Malt einlud. „Kennen wir gar nicht“ stellten sie fest, „haben wir noch nie getrunken“. Sie mochten ihn, und dabei kam mir die Idee, sie zu ermuntern, ihre erste CD aufzunehmen. Und so sollte es werden. Es dauerte eine Weile. Ich brauchte etwas Zeit für das Crowd-Funding, und die Band, diesmal mit Sängerin, für Training und Technik im Studio der Landesmusikakademie Berlin. Einmal durften wir bei den Proben dabei sein, auch für uns neu und interessant. Schließlich war die CD fertig. Welch eine Freude!

Die erst C

Wir sahen uns wieder. Als wir 2016 nach Berlin zogen, rockten sie bei unserer Einzugsfête Wilmersdorf von unserem Dachgarten aus die ganze Nacht hindurch. Es war wunderschön und eine tolle Erfahrung, auch für die Wilmersdorfer, die zwischen Verwunderung, sauren Bemerkungen auf dem Anrufbeantworter oder auf dem Balkon sitzend einfach die Musik miterlebten, und unterschiedlich reagierten. Zu meinem 80. Geburtstag waren sie wieder da und brachten unmittelbar den ganzen Saal in Stimmung bis in die frühen Morgenstunden, durch ihre Musik und die heitere Zwischenmoderation des Bandleaders voller netter und lustiger regionaler, politischer und persönlicher Anmerkungen, gespeist aus den jetzt schon 10 Jahren Freundschaft. Um den Bann des Anfangs zu brechen ging ich mit Marga zum ersten Tanz auf die Tanzfläche, und dann passierte etwas Unerwartetes in dieser sehr gemischten Altersklasse, dass fast alle aufstanden, in diese Stimmung eintraten und fortan die Tanzfläche immer voll war.

Es war eine tolle Fête, die schon so besonders anfing. Die Gäste wurden nicht nur mit Champagner im Hof begrüßt und dann in den Saal geführt, sondern konnten erst einem Event beiwohnen, das von unserem mexikanisch geprägten

Familienstrang seinerzeit eingeführt worden war, die Geburtstags- Piñata.

Ich musste zum Gaudi aller mit verbundenen Augen einen an einer Leine baumelnden Stier (mein Sternzeichen) aus Pappmaschee mit einem Stock treffen, so dass die Glückwunschzettel herausfielen, was unter dem Jubel aller schließlich gelang. Damit war der Grundstein für die Stimmung an diesem unvergessenen Abend gelegt.

 So wie ein kühler Atlantikwind an einem sonnenüberfluteten Strand, so schleicht sich in diese schönen unbeschwerten Erinnerungen doch immer mal wieder auch das Wissen um unsere Endlichkeit in die Gegenwart, gerade jetzt, wo ich dies schreibe, da einer meiner auf der Feier anwesenden Freunde gestorben ist.

COVID und die Isolation waren voran gegangen. 

Kein Sport, keine Reisen, keine Kontakte, keine Feiern – das widersprach so sehr meinem Naturell und der Art, wie ich eigentlich leben will. Doch es gab einen Ausweg.

Durch die Idee, ich könnte doch ein Buch über meine Reisen schreiben anstatt nur trübe herumzusitzen richtete mir mein Freund Jörg einen Blog mit dem Titel „Unterwegs“ ein und zeigte mir, wie man darin schreibt. So gelang es mir einer möglichen Depression zu entkommen, und es brachte mich über die Zeit und das Schreiben wurde zu meiner neuen Faszination. Ich habe schon immer Texte und Reden geschrieben, aber diesmal wurde es ein Schreiben in der Auseinandersetzung mit mir selbst, das Projekt eines Buches als Reflektion über einen großen Teil meines Lebens. Marga und meine Freunde wurden dann zu einem wichtigen Teil dieses Projektes als ständige Lektoren, und sie berieten mich, was Lay-out und Druck anging.

Das Manuskript meines Buches „Orte und Begegnungen“ wird bald fertig sein. Ich warte auf die Auslieferung, wissend, dass diese Art der literarischen Auseinandersetzung mit meinem Leben, meinen Wünschen und Träumen über dieses Buch hinausgehen und ich weiterschreiben werde.

 Es ist anders als Tagebuch zu schreiben oder nachträglich aus Tagebüchern sein Leben zu rekonstruieren. Ich schreibe jetzt wie von einem Berg aus zurückschauend in ein langes weites Tal, mit Abstand, und glaube, dass dies helfen wird, auf das Wesentliche zu fokussieren und so in der Rückschau, ähnlich wie bei der Beschreibung meiner Reisen in diesem späten Zeitpunkt meines Lebens doch etwas mehr Gewissheit über mich selbst zu finden. Es ist anders als das punktuelle zu sich selbst finden während der Reisen. Es ist jetzt ein Rückblick auf das ganze Zurückliegende und dann als nächste Herausforderung der furchtlose Blick nach vorne in eine noch ungewisse Zukunft, wie dies in dem Gemälde von Caspar David Friedrich „Der Wanderer über dem Nebelfeld“ dargestellt ist.

Ein Bild, dem ich schon einmal an einer früheren Schnittstelle in meinem Leben begegnet bin, als kurz vor meiner Pensionierung als Schulleiter dieses Bild aus dem Kollegium neben die Tür zu meinem Büro gehängt worden war. 

Dies ist Dein Frieden

Prag 1968

Vier Jahre nach der Zerschlagung des „Prager Frühlings“ kam ich 1972 mit einer Schülergruppe nach Prag, und die Bilder der Panzer in Prag und die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach als Protest gegen das Moskauer Diktat waren noch unvergessen. Der „Prager Frühling“ 1968 – eine Hoffnung, die allzu schnell dem Imperialismus der Sowjetunion zum Opfer fiel. Ein weiteres Mal nach Berlin, Warschau, Sofia und Budapest.

Die Sowjetunion löste sich auf – Russlands Politik änderte sich mit der Machtübernahme Putins nicht. Die Liste der Militärinterventionen ist länger geworden, und die Brutalität führt damals und heute bis zur Vernichtung ganzer Städte und Länder: Georgien, Armenien,Aleppo, Libyen, Krim, Ukraine…?

Plakate an der Prager Universität

Text : Dies ist Dein Frieden
Text: Das ist der Imperialismus

Heute rollen wieder einmal Panzer in eine europäische Hauptstadt ein, um die Sehnsucht der Menschen nach einem würdigen Leben in Freiheit und Demokratie mit Panzern niederzuwalzen. Die Steigerung der imperialistischen sowjetischen Besetzungen der Sowjetunion innerhalb des Warschauer Paktes bis hin zu Putins Revisionswahn ist die kalte, völkerrechtswidrige, mörderische Kriegsführung, sind Kriegsverbrechen, die vorsätzlich Zivilisten töten und humanitäre Einrichtungen wie Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten angreift, Lebensmittellager und Wasserleitungen zerstört, um die Menschen zu zermürben.

Text : Die beste Methode der Verwendung

1972 hatte sich das Leben in Prag zwangsläufig normalisiert, unter der Firnis die Trauer und Hoffnungslosigkeit bedeckend.

Damals im „kalten Krieg“ wie heute in Zeiten der Globalisierung hatte der Rest der Welt der sowjetischen Aggression wenig entgegenzusetzen. Es war diese Stimmung, die immer noch überall zu spüren war.

Doch in allen Krisen haben Menschen der sich nach und nach einschleichenden Resignation Widerstand entgegengestellt. Ein Zeichen hierfür sah ich, als ich in meinem Hotelzimmer beim Einräumen meiner Sachen die Schranktür öffnete. Groß eingeritzt in die Innenseite der Schranktür stand 3:2 ohne weiteren Kommentar. Mein Gedächtnis brauchte nicht lange, um die Bedeutung zu verstehen. Es war ein Ausdruck der Freude und Revanche. Mit 3:2 besiegte das Team der Tschechoslowakei die Sowjetunion und wurde 1972 Eishockeyweltmeister durch diesen Triumph gegen die Unterdrücker. Ein verstecktes Zeichen und ein Schritt zu wieder aufkommender Hoffnung und Selbstbewußtseins.Vor allem wegen der großen Bedeutung dieser Sportart in beiden Ländern.

Prag war voller Touristen und konnte in seiner Schönheit wieder besucht werden. Die Schäden der Besetzung waren weitestgehend beseitigt, die Infrastruktur, auch die touristische, funktionierte. Meine Warnungen über die Gefahr Geld schwarz umzutauschen wurden aufgenommen. Was ich nicht wußte, die Busfahrer beider Länder hatten den Umtausch des Geldes, um die offizielle grosse Spanne zu umgehen, und den Export des begehrten Krimsektes untereinander organisiert. Und trotzdem blieben ein gewisses Unbehagen und latente Angst wegen der ständigen Überwachung. Das hatte schon beim Grenzübergang begonnen mit penibler Passkontrolle, Durchsuchung des Busses. Schlimm war, dass einigen Schülern die Haare abgeschnitten wurden, da die langen Haare einiger nicht mit ihren Passbildern übereinstimmte. Eine Schikane und bewusste Demütigung der ja so dekadenten Westler. Schlimm auch besonders deshalb, weil sie ihrer „langen Haare“ wegen schon zu Hause oft Druck und Diskussionen ausgesetzt waren und sich davon nicht haben beeinflussen lassen. Hier, der kalten Macht ausgeliefert, half kein Protest gegen diese Schikane, weil im Falle der Weigerung die Einreise verhindert wurde. Als begleitender Lehrer war ich nicht in der Lage, ihnen diese Erfahrung zu ersparen. Ein Lehrstück über staatliche Willkür war es allemal, besser als jeder Unterricht dies hätte vermitteln können

Strahlendes Wetter in dieser wunderschönen Stadt ließ uns die Tage dennoch genießen. Auf der Karlsbrücke über die Moldau mit dem Blick auf die Prager Burg kam dann die politische Realität für mich zurück. Ein älterer Herr hatte unsere Gruppe beobachtet, sprach mich an und fragte, ob ich etwas Zeit hätte, um miteinander zu sprechen. Er habe 1968 an der Universität Poster und Handzettel gesammelt und bat mich, diese mit in den Westen zu nehmen als Dokumentation dieser Zeit. Wir trafen uns abends bei Luka zu Hause und verbrachten einen schönen und spannenden Abend. Zum Abschied gab er mir eine Tüte mit den Dokumenten, und wir umarmten uns lange, wissend um die geringe Wahrscheinlichkeit eines Wiedersehens.


Lukà hatte seine Form des Widerstandes gefunden und für sich zu einem Abschluss gebracht.

Mir wurde wohl durch die Euphorie dieser Begegnung erst kurz vor der Grenze klar, welches Risiko ich eingegangen war. Kurz vor der Grenze mussten doch, trotz aller Warnungen, einige der Gruppe austreten – Folge zu vieler Flaschen Pilsener Urquells vor der Rückfahrt. Damit war klar, dass unser Bus besonders genau durchsucht werden würde. Man suchte immer sogenannte Übertritte Einheimischer in den Westen zu verhindern.

Ich versteckte alleDokumente unter Pullover und Mantel um den Körpermitte verteilt und hatte Glück. Wir mußten aussteigen, und der Bus wurde gründlichst gefilzt, nicht aber wir. Nur langsam beruhigte sich mein Puls und niemand hatte etwas von meiner Nervosität bemerkt.

Damals konnte ich die Zeitdokumente nur herumreichen und zeigen. Anläßlich der Kriegsverbrechen in der Ukraine und um die Kontinuität der sowjetisch-russischen imperialistischen Angriffe auf Freiheit und Demokratie zu dokumentieren, sowie als Aufruf, sich nicht einer trügerischen Ruhe hinzugeben, sind in der Galerie „Prager Frühling 1968 „ die Aushänge an der Universität, Zeitungsausrisse, Flugblätter und Plakate, die Luka mir 1972 anvertraut hat. Sie sollten als Erinnerung und Mahnung in den Westen gelangen und nicht vergessen werden. Diese Dokumente sind im Internet unter drburkhardmielke.de in meinem Blog„Unterwegs“ unter „Dies ist Dein Frieden“zu sehen.

Gliederung Buch

Verzeichnis der Texte

  1. Widmung, Dank,
  2. St.Pierre et Miquelon -Wie alles anfing
  3. Dies ist dein Frieden – Prag 1968
  4. Die Kunst des anderen Reisens
  5. Verloren am Yang Tse Kiang  1997
  6. Antarktis 1 – Sturm bei Kap Hoorn- Auf dem Weg in die Antarktis mit der Hanseatic Nature  
  7. Antarktis 2 – Im Südpolarmeer
  8. Längs der Stille – Das Königreich Lo in Mustang
  9. Irgendwo in Nepal  –   Hoffnung im Chaos nach der Abschaffung der Monarchie  – eine Eliteschule öffnet sich für die armen Kinder der Regio
  10. Tibet
  11. .Palau – eine Insel voller Wunder  
  12. Grenzgänge
  13. Die große Migration –  Safari in Tansania
  14. Ost-WestNord-Süd  Deutschland und Vietnam – eine Reise mit Thomas Billhardt
  15. Gorilla Begegnungen – Uganda
  16. Vietnam in Trippstadt . Wie der Kaffee aus Vietnam in die Pfalz kam
  17. Von fröhlicher Ignoranz zu einem   Hauch von Orwell – Eine Reise nach Taiwan zu Zeiten der Covid Quarantäne
  18. Der Weg in die Stille – Von Bergen nach Kirkenes und zurück an Bord der Polarlys (Hurtigruten)

Rückseite auf farbigem Hintergrund

Autor: Dr. Burkhard Mielke

Berlin ist meine Stadt – Geburtsort und seit Jahren wieder die Stadt, in der ich lebe. Geprägt hat mich am meisten mein Studium der Romanistik und des Sports an der Sporthochschule Köln und der Universität zu Köln. Begeistert hat mich jedoch meine Promotion zum Dr. phil. Diese ermöglichte mit dem Thema „Tourismus oder Völkerverständigung? Die internationalen Begegnungen der Schulen“ , eine Verbindung herzustellen zwischen der Faszination des Reisens und der Begegnung von Jugendlichen, Kulturen und Lebensorten. Als junger Lehrer waren es Schüler-austauschfahrten mit Tunesien, als Schulleiter die Schulpartnerschaften mit Burnt Hills- Ballston Lake in Upstate New York, Beijing und Shanghai. Als Präsident der Europäischen Schulleitungsvereinigung (ESHA) und Board Member der Internationalen Schulleitungsorganisation (ICP), als Professor an der Normal University in Shanghai waren es viele internationale Tagungen zur Bildung der Jugend an unterschiedlichsten Orten der Welt. Immer war es mein Bestreben, andere mitzunehmen in diese Faszination des einen Augenblick lang Fremden, des Austausches und der neuen Erfahrungen, die uns auf immer andere Weise sagen: Ja, dies ist unsere Welt.

Der Weg in die Stille

Von Bergen nach Kirkenes und zurück an Bord der „Polarlys“ (Hurtigruten)

Mai/Juni 2024

„Die schönste Seereise der Welt“ – mit diesem selbstbewussten Slogan tauchen die Hurtigruten in der Werbung auf. Vor 130 Jahren begann die klassische Postschiffslinie entlang der norwegischen Küste von Bergen nach Kirkenes und zurück mit Stopps in 34 Häfen. Ein Mythos entstand und bei vielen der Wunsch, einmal dabei zu sein. Auch ich hatte diese Hurtigrutenfahrt immer irgendwo in einer Schublade meines Gedächtnisses. Bis ich am 28.Mai 2024 in Bergen an Bord der Polarlys ging und dieser lang gehegte Wunsch sich erfüllen sollte. Voller Informationen und Erwartungen wusste ich auch, dass nun vieles vom Wetter im Norden abhing, wo es Gegenden gibt, in denen alle Jahreszeiten an einem Tag erlebbar sein können. Und die Berichte von Sturm und Kälte, dem Erreichen des Nordkapps ohne Sicht bei dichtem Nebel, den Lofoten in strömendem Regen, die Unmöglichkeit bei hoher See in den berühmten Trollfjord zu fahren und…

Die Route

Bei grauem Himmel mit tiefhängenden dunklen Wolken ertönen um 20 Uhr die Signale zum Auslaufen. Und dann kurz nach Mitternacht und bei der Wetterlage völlig unerwartet, verwandelt sich innerhalb vo 20 Minuten der graue Himmel in ein flammendes Rot der untergehenden Sonne, die auch das Meer rot leuchten lässt. Was für ein Beginn dieser Reise und Lohn für langes an Deck bleiben.

‎⁨Bøvågen⁩, ⁨Vestland⁩, ⁨Norwegen⁩

12 Tage geht die Fahrt nun, nur unterbrochen von einigen Landgängen und Exkursionen, entlang dieser so stillen und ruhigen Küste mit Leuchttürmen, kleinen Häfen und noch kleineren Orten mit den bunten Hozhäusern. Ich sitze am Fenster oder bin an Deck und kann den Blick von dieser Landschaft nicht lösen. Wann immer ich dieses emotionale Eingetauchtsein verlassen muss, habe ich den Eindruck etwas von dieser Landschaft zu verpassen , die von anderen vielleicht als gleichförmig empfunden werden kann.

Mitternachtssonne

Trollfjord

‎⁨Storøya⁩, ⁨Svolvær⁩, ⁨Lofoten⁩

Lofoten

Zauber von Licht und Schatten

Sym

Abendstimmung

Letzter Abend an Bord

Die Bilder sind Momentaufnahmen der Landschaft, wechselnd von grün zu felsig karg, von hügelig zu steilen Klippen, hohen Bergen und bewegten Wolkenformationen. Wir gleiten vorbei an dieser Szenerie, mal in Gedanken, mal intensiv und präsent, mal ein Gang an Deck an die Luft und in die Sonne für ein paar Fotos….

Die Tage unter der Mitternachtssonne kann man wenig beschreiben, nur intensiv erleben, ebenso wie die rotstrahlenden Himmel und Meer verzaubernden Sonnenuntergänge. Das ist das wesentliche Erleben mit diesem Schiff dies-und jenseits des Polarkreises. 

Natürlich gibt es lebendige Highlights wie die Polartaufen, das Nordkap und verschiedene Exkursionen durch wunderschöne Landschaften, die wichtigen Städte und kurze Begegnungen mit Menschen auf dem Schiff und an Land.

Doch was bleibt ist das Erlebnis des „zu sich selbst Kommens“ in der Stille dieser vorbeiziehenden einzigartigen Natur und des unerwarteten Glücks, all dies bei schönem Wetter und ruhiger See erleben zu dürfen.