My big fat Indian wedding

Für Jahel&Naman –  März/April 2026

Wie aus einem Märchen oder Traum kam ich nur langsam zurück ins Jetzt. Und es war kein Traum, es ist wirklich geschehen: eine Woche märchenhafter religiöser, ritueller, fernöstlicher Ereignisse, Gefühle, und auch Anspannung – eine Hochzeit in Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges.

 Etwas Besonderes fand dort statt, keine indische, sondern eine europäisch-indische Feier mit ca. 75 Erwachsenen und Kindern die „Berliner Gruppe“, der Freundeskreis von Jahel und Naman mit einigen Tupfern aus Asien, Nord- und Südamerika sowie Australien. 

Ein Farbenmeer öffnet sich für uns. Tuch- und Seidenballenballen, leicht und flach nach vorne geworfen, rollen sich aus, werden begutachtet, verworfen, für gut gefunden und zur Anprobe um den Körper gewickelt,ein Sari.
Was wir vor der Abreise über die Festtage bei einer indischen Hochzeit -mehr oder weniger intensiv gelesen haben, wird unsere Tage in Delhi bestimmen.

Langsam formt sich das Bild, was für eine indische Hochzeit allein an Kleidung nötig ist. Uns nicht vertraute Wörter hören wir immer wieder wie: Sari, Kurta Pajama und andere.

Wir fahren mit Taxis und Tuk-Tuks in viele unterschiedliche Läden, nicht nur für Kleidung, sondern auch für den prachtvollen Hochzeitsschmuck. Schmuck, den man hier übrigens für die Hochzeit ausleihen kann. Bei diesen Einkäufen erfahren und erleben wir hautnah auch das Leben in dieser 30-Millionen-Stadt. Um nur über die Straße zu gehen, braucht man ein 360° Blick-Umfeld, um heil auf der anderen Seite anzukommen. Tuk-Tuks, Taxis, Fußgänger, Hunde und auch heilige Kühe bewegen sich in einem ständigen Strom, 

umgrenzt von kleinen Geschäften. Einmal gibt es sogar eine Verkaufsführerin, die uns durch ein bestimmtes Viertel von Laden zu Laden führt. 

Es waren spannende Tage mit unterschiedlichen Erfahrungen in der Stadt und auch bei den sich oft wiederholenden Anproben – einige indische Schneider hatten sichtlich Probleme, sich auf europäische Figuren einzustellen.

Voller Eindrücke, aber auch erschöpft, genossen wir abends das Hotel mit einer Dachterrasse, auf der man über die kühlende Luft des Poolwassers hinweg die ganze Stadt überblicken konnte. 

Und als Unterbrechung der Ankleidetouren erfreuten uns zwei Tagesausflüge. Zuerst eine Stadtrundfahrt in Delhi, um nicht nur Geschäfte gesehen zu haben. Indian Gate als All India War Memorial zum Gedenken an die britisch-indischen Armeen im ersten Weltkrieg, der Humayun-Tomb-Komplex mit dem Mausoleum, ein Mogulgrab von 1572 aus rotem Sandstein und Vorlage für das Taj Mahal und dem Isa Khan Grab , Chowk Area,  Raj Ghat Area, der Mahatma Gandhi Gedenkkomplex, Jamala Masjid, die größte Moschee Indiens, Mandir Marg Area mit dem  bedeutsamsten modernen Hindu Tempel in New Delhi von  Gandhi eingeweiht, u.v.m.

Und dann nach Agra zum beeindruckenden Taj Mahal und auf dem Rückweg zum Roten Fort, der imposanten Festungsanlage der Mogulherrscher vom späten 16. bis Mitte 17. Jahrhundert.

Am letzten Abend in Delhi fuhren wir dann mit einem Teil der Berliner Gruppe 10 Stunden mit dem 

Nachtzug nach Varanasi, dem Ort der Hochzeit und Geburtsort der Mutter Namans, wie wir bei dem Kennenlernabend im Haus der Familie in Alt Delhi erfahren hatten. Diese Einladung der Mutter bestand wesentlich aus einem von ihr zubereiteten besonderen indischen Essen: köstlich und gastfreundlich.

Varanasi – oft davon gehört und Bilder gesehen – sind wir jetzt gespannt auf diese wohl älteste dauerhaft bewohnte Stadt Indiens und vielleicht auch auch der Welt. Sie gilt als eine der heiligsten Städte im Hinduismus am Westufer des Ganges und ist ein zentraler Pilgerort und kulturelles und spirituelles Zentrum in der Altstadt. Ein Ausflug  nach Sarath zum Archäologischen Museum gibt uns einen Einblick in die Frühgeschichte der Stadt, die wir anschließend mit einer Führung entdecken.

Es wird ein Tag voller unterschiedlicher Erfahrungen, beginnend mit einem Spaziergang durch die engen Gassen, Märkte und zu einigen versteckten Tempeln in der Altstadt. Vorbei an dem „Goldenen Tempel“ Kashi Vishwanath, dem wichtigsten  Shiva-Tempel der Stadt, gehen wir  weiter zum Ganges, dem heiligen Fluss mit den Verbrennunsstätten. Mehrere Treppenanlagen (Ghats) führen hinunter zum Fluss, wo Pilger im Wasser zur Reinigung ihrer Sünden baden und  in das auch die Asche der Verstorbenen gestreut wird. Wer so die Welt verlässt, erlangt durch dieses heilige Ritual die sofortige Erlösung seiner Seele. 

Wir gehen am Wasser entlang und steigen nach einer Weile hoch zu den Häusern, um etwas zu trinken. Die Tür zum Restaurant öffnet sich,, und von einem Augenblick zum anderen tauchen wir in die Zeit des britischen Kolonialismus ein.  Gedämpftes Licht, früher 20.Jahrhundert- Stil des Interieurs und High Tea.

Zurück zum Ganges, größer könnte der Kontrast nicht sein.

Langsam wird es dunkel, und wir freuen uns darauf, die Jahrtausende alte faszinierende  Feuerzeremonie Ganga Aarti  zu erleben. Ein allabendlich stattfindendes hinduistisches Lichtopfer zu Ehren der Göttin Ganga mit brennenden Lampen, Mantras, Gesang, Trommeln, Glocken, Weihrauch.  Blumen und Feuerlampen, als Dank an die Göttin der Reinigung, Dankbarkeit und Verbindung zwischen Menschen und Göttlichem. Am Ufer ist kaum noch ein Durchkommen durch die Menschenmasse. Wir besteigen ein Boot, um dieses Fest vom Wasser her zu erleben. Es ist der Beginn von Erlebnissen, die mehr und mehr meine Gefühle in den Bann ziehen.

Ein ständiges rein und raus, hin und her herrscht in der Suite des Hochzeitspaares. Erst langsam erschloss sich mir, was hier neben den letzten Schneiderterminen ablief: die Vorbereitung auf Haldi&Mehendi und damit verbunden Freude, Farben, bunte Blumen, Musik, kulinarische Köstlichkeiten, eine durchgehend heitere, entspannte und anrührende Atmosphäre, neue Kontakte und wachsende Verbundenheit.

Kurkuma mit Sandelholz und Rosenwasser: mit dieser Paste (Haldi) wird das Hochzeitspaar im Beisein der Freunde und Familie eingesalbt – für Glück, Schutz, Strahlkraft und Energie.

Mehendi :der Segen steht für Glück, Liebe, einen neuen Lebensabschnitt und Schutz vor bösen Energien. Mit Henna werden die Hände und Füße des Paares und der Gäste mit kunstvollen Mustern bemalt, die mit kleinen Spritztüten in feinen Linien aufgetragen werden. Je dunkler die Farbe wird, desto glücksbringender soll sie sein.

Die Alabaster-Haut der Braut wird schichtweise aufgetragen aus feinsten Grundierungen, Crèmes und Pudern. Auch die Frisur mit langen blonden Locken wird kunstvoll hergestellt, so dass der Haar-und Gesichtsschmuck sich optimal entfalten und das herrliche Bild der schönen Braut ergeben.

Ein buntes, fröhliches, emotionales und symbolträchtiges Vergnügen im Freien mit gelbem Dresscode von Pastell bis kräftigem Safran. Dhol Trommler begleiten den Einzug des Brautpaares, das unter lautem Jubel mit Blüten und Rosenblättern überschüttet und mit Wasser bespritzt wird. So ist aus der traditionellen Haldi Zeremonie einer kleinen familiären Ritualrunde, ein buntes, farbenfrohes, fotogenes und fröhliches Fest geworden mit Live Musik und Tanz und einer heiteren Stimmung, der sich niemand entziehen kann. Es ist der Tag des Brautpaares und der ersten Begegnung der Familien und Freunde.

Und dann ein weiterer Höhepunkt am nächsten Abend – Sangeet : Ein  musikalischer Abend vor der eigentlichen Hochzeit, an dem Familien und Freunde  informeller  und geselliger zusammenkommen mit offenem Dresscode, Gesangs- und Tanzvorführungen  der Anwesenden, eine Endlosschleife mit Fotos der Freunde auf einem Großbildschirm und zum Essen ein reichhaltiges, importiertes Getränkeangebot. Bis  tief in die Nacht  entspanntes Feiern und Tanzen zu moderner Bollywood – traditioneller Punjab-und moderner westlicher, von  Berliner DJ’s aufgelegter Musk. Dies stellt sich als  der besondere Reiz gegenüber  einem rein indischen Sangeet heraus – die Begegnung zweier Traditionen und die Möglichkeit, die Hochzeitsvorbereitungen gelöst zu genießen und sich auf die eigentliche Hochzeit einzustimmen.

Spannung, Aufregung und hohe Konzentration trotz vieler vorangegangener Erklärungen des Ablaufs umfingen mich beim Shaadi der eigentlichen Hochzeitszeremonie.

 Freudige Zurufe begleiten das Brautpaar, Marga und mich unter einem Baldachin auf dem Weg zum Ort der Hochzeits-Zeremonie. Vorneweg blumenstreuend Anton, Jahels Neffe aus Taiwan.

Es ist der heiligste, symbolisch dichteste Moment einer indischen Hochzeit

In einem carréförmig gestalteten Platz sitzt das Brautpaar an der Rückseite, die Brauteltern links mit dem Priestergehilfen und rechts der Priester. In der Mitte eine Feuerstelle.  Es ist eine Abfolge ritueller Stationen  zur Vereinigung zweier Menschen, zweier Familien und zweier Lebenswege . Drei Stunden lang rezitierte der Priester und gab Anweisungen an mich für viele auszuführende kleine Rituale- davon das wichtigste, den Henna Punkt auf Namens Stirn zu drücken.

Es folgt eine 5000 Jahre alte Tradition – Sindoor Daan. Der Bräutigam trägt ein orangerotes Pulver am Haaransatz der Braut auf. Dies symbolisiert den Beginn des gemeinsamen Ehelebens, Treue und Verantwortung. Das Feuer wird in der Mitte des Carrés entzündet. Jahel und Naman gehen sieben Schritte um das Feuer herum für die sieben 

Lebensversprechen (Nahrung, Stärke, Wohlstand, Glück, Kinder, Gesundheit, Freundschaft u dTreue). Dieses Ritual besiegelt die Ehe. Es folgen sieben gemeinsame Schritte als Symbol für den gemeinsame Lebensweg.

Für uns als direkt Beteiligte lösen sich Anspannung und Konzentration auf zugunsten großer Freude.

Anders als bei christlichen Hochzeiten sind die Gäste hier während der Zeremonie in Bewegung, unterhalten sich und versorgen sich mit Tee und kleinen Speisen. Geschenke in roten Umschlägen werden verteilt, Viele Umarmungen und Gratulationen beenden die   Zeremonie. Schon bald trifft man sich wieder zum abschließenden Empfang in einem anderen Hotel, einem letzen gemeinsamen Dinner, und im europäischen Stil werden noch einige Reden zum Brautpaar und den Freundschaften gehalten, auch von mir zu Jahel und meinem neuen Sohn Naman. 

Schön auch, dass hier in Varanasi ein kleines Familientreffen stattfand: Xenia&Dan&Anton aus Taiwan, Götz und Julie aus London, Daniela& Philip aus Kalifornien und wir aus Berlin. Eine weit verzweigte Familie, und manchmal muss man weit reisen und lange warten, um sich zu sehen.

Am nächsten Morgen der Abschied in alle Richtungen nach Sikkim, Nepal, Malediven, Singapur, Sydney,  Pune, Kerala,  Australien, Berlin…….auch wir nutzen die folgende Woche für eine Fahrt in den Norden Indiens  nach Sikkim mit Blick auf den Himalaya.

Was bleibt, ist ein Erlebnis, das unvergesslich sein wird.  Zu Hause angekommen, braucht es ein paar Tage, um aus diesem Erleben und der Spiritualität der Hochzeitsrituale wieder in den Berliner Alltag einzutauchen

Veröffentlicht von

Dr.Mielke Burkhard

Autor: Dr. Burkhard Mielke Berlin ist meine Stadt – Geburtsort und seit Jahren wieder die Stadt, in der ich lebe. Geprägt hat mich am meisten mein Studium der Romanistik und des Sports an der Sporthochschule und Universität zu Köln. Begeistert hat mich jedoch meine Promotion zum Dr. phil. Diese ermöglichte mit dem Thema „Tourismus oder Völkerverständigung? Die internationalen Begegnungen der Schulen“ , eine Verbindung herzustellen zwischen der Faszination des Reisens und der Begegnung von Jugendlichen, Kulturen und Lebensorten. Als junger Lehrer waren es Schüler-Austauschfahrten mit Tunesien, als Schulleiter die Schulpartnerschaften mit Upstate New York, Beijing und Shanghai, als Präsident der Europäischen Schulleitungsvereinigung (ESHA) und Board Member der Internationalen Schulleitungsorganisation (ICP) viele internationale Tagungen zur Bildung der Jugend an unterschiedlichsten Orten der Welt. Immer war es mein Bestreben, andere mitzunehmen in diese Faszination des einen Augenblick lang Fremden, des Austausches und der neuen Erfahrungen, die uns auf immer andere Weise sagen: Ja, dies ist unsere Welt.

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