Xiao San Via – Yang Tse Kiang 2

Die drei kleinen Schluchten

Die drei goßen und die drei kleinen Schluchten haben heute ihren Zauber verloren. Ich hatte das Glück auf einer der letzten Fahrten durch diese Schluchten zu sein, bevor der neue Staudamm aus den weltberühmten tiefen Schlichten ein breites Gewässer ohne den alten Reiz machte

Heute nach Fertigstellung des Staudamm liegt Fengdu als Geisterstadt 37 Meter unter Wasser, der Tempel mit dem Eingang des Hades ist eine Insel, der Jangtse hat an Breite gewonnen und seine Wildheit verloren. Die Jangtse Schiffe haben die Größe der Aida Flotte.

Von den 3 kleinen Schluchten am Daning Fluß ist nur noch die oberste übrig geblieben. Der Zauber der tiefen Schluchten ist dem Staudamm geopfert worden.

Der Danang Fluss mit den drei kleinen Schluchten

Teil der Yangtsefahrt war auch ein Tagesabstecher zu den nun verlorenen kleinen Schluchten. Ein irreparabler Verlust, der die ganze Region veränderte. An diese kleinen Schluchten soll hier erinnert werden.

Nach der ersten Schlucht wird der Strom wieder breit und wir kommen nach Wuxia (Wushan), dem Ort wo, die zweite Schlucht, die Wu Schlucht beginnt Hier mündet der Daning Fluss in den Yangtze, der sich seinen Weg durch die so genannten „drei kleinen Schluchten“ Xiao San Xia bahnt. Diese drei kleinen Schluchten gehören auch zu den 40 Haupttouristenattraktionen Chinas. Wir zwängen uns in einen alten klapprigen Bus und fahren bis in eine kleine Stadt. Hier sehen wir, wie China in der Provinz noch aussieht Ein ungeheurer Lärm aus Geschrei und Autogehupe umgibt uns, die Straße ist so voller Löcher, dass man meint, der Bus hätte keine Stoßdämpfer. Überall herrscht geschäftiges Treiben. Lastenträger laufen mit ihrem Bambusstangen und transportieren alles, was irgendwo gebraucht wird. Es ist unwahrscheinlich dreckig und mitten drin sitzen die Leute: die Garküchen dampfen und sie sitzen in diesem Gewusel und essen. Die kleinen Kinder mit ihren vorn und hinten offenen Hosen laufen dazwischen herum. Haare werden geschnitten, alles spielt sich in der Öffentlichkeit ab. Solche Szenen sind hier nichts außergewöhnliches und wir haben sie auch schon woanders gesehen. Aber hier ist alles viel enger , primitiver und irgendwie rücksichtsloser. Die Leute stehen seelenruhig auf der Straße, obwohl die Wagen vorbei müssen, die Fahrer ihrerseits sind rücksichtslos und meinen, wer hupt, kann weiter fahren. Die Straßen sind so eng dass man kaum durchkommt. Dann müssen wir aussteigen und den Berg hinunter zum Flussufer gehen. Hier liegen an die 100 kleine, verrostete Boote für die Fahrt durch die kleinen Schluchten. Der übliche Kampf um die Boote beginnt mit dem Einsteigen über kleine Planken und hemmungslosem Schieben und Vordrängen. Schließlich haben wir nach längerer Zeit alle unseren Platz in einem Boot und es könnte losgehen. Die Boote müssen in die Mitte des kleinen flachen Flusses und von dort durch eine sehr enge, flache Stelle fahren, ein schwieriges Unternehmen. Wenn dieses organisiert abliefe, wären wir schon längst weg. Nach welchen Spielregeln es abläuft, ist für uns nicht zu erkennen. Wir haben über eine Stunde gebraucht, ehe es richtig losgeht. Aber dafür werden wir belohnt. Unter der Brücke hindurch, die die Grand Dragon Gate Gorge überspannt, führt die erste Schlucht 12,3 km den Fluss hinauf nach Dongpingba. Die Sicht hier ist besser als in den Yangtze Schluchten und das Wasser ist klar im Gegensatz zu dem gelb des Yangtze. Es ist faszinierend auf diesem schmalen Fluss zwischen den steil aufragenden Bergen zu fahren. Wenn sich über uns Felsbrocken lösen würden, würden sie direkt auf uns fallen. Bergziegen „kleben“ an den Steilhängen. Wenn auf einer Seite etwas mehr Platz ist, sehen wir Bauern, die mit Ochsen die kleinen Felder an steilen Hängen bearbeiten. Unsere Führerin erklärt uns

etwas über die kleinen Schluchten. Über merkwürdige viereckige Löcher hoch oben in den Felswänden, die in Kriegszeiten als Orientierung dienten. Man kommt sich sehr klein vor in diesem Boot zwischen den Steilhängen. Die Fahrt mit dem Boot ist ein Abenteuer. Der Fluss ist an vielen Stellen sehr eng und manchmal sind nur wenige Zentimeter Wasser unter uns. Inseln, Stromschnellen und die natürlichen Windung des Flusses fordern den vollen Einsatz des Steuermanns und der Männer vorne im Boot, die mit langen Bambusstangen mit einer Eisenspitze das Boot von den Felswänden wegdrücken oder mit großem Kraftaufwand diese in den Boden des Flusses stemmen um dem Boot eine andere Richtung zu geben. Oft kommt das Boot auf dem Kies auf und es knirscht gewaltig. Wir dürfen vorne sitzen und werden von der Besatzung gleich auf Geld für diesen Sonderservice angesprochen. Nach einer Stunde Fahrt müssen wir alle aussteigen und über eine Treppe den Berg hinauf an einer langen Reihe von Ständen vorbei, an denen Unmengen von Kitsch und Essen angeboten wird. Angeblich ist es an dieser Stelle der Schluchten zu gefährlich, voll beladen zu fahren. In Wirklichkeit eher ein Abkommen, um die einheimische Bevölkerung am Tourismus teilhaben zu lassen. Ein Gutes hat dieser Stopp: wir haben von oben einen sehr guten Blick auf den Fluss und die in einer langen Reihe fahrenden Boote. Dann steigen wir etwas weiter Flussabwärts wieder ein und es geht noch eine Stunde so weiter, durch diese herrliche Landschaft. Beim nächsten Stopp werden die Boote wenden. Wir steigen wieder den Berg zu dem kleinen Ort hinauf. Dort ist ein Museum mit Exponaten aus der Gegend. Was dieses Museum interessant macht, sind zwei Särge. Das Volk, das hier früher lebte bestattete, die Leichen hoch oben in Nischen steiler Felswände, „die hängenden Gräber“ aus der Han Dynastie. Und niemand weiß, wie man dorthin gelangte und wer diese Bestattungen vorgenommen hat. Zwei Särge aus dieser Zeit mit Knochen sind hier ausgestellt. In einem Sarg ist auch ein 14-jähriges Mädchen als „Begleiterin“ mitgegeben worden. Auf der Rückfahrt werden wir zwei dieser Sargnischen in den Felsen sehen, in denen die Särge noch vorhanden sein sollen. Wir gehen auf der anderen Seite wieder über Treppen zum Fluss hinunter zurück aufs Boot. Auf der Rückfahrt werden uns alle möglichen Felsformationen erklärt und die Chinesen sind mit Begeisterung dabei, sie zu erkennen. Zurück an Bord unseres Yangtze Schiffes geht die Fahrt weiter hinein in die zweite Schlucht, die wir von der Kapitänsbrückeeaus erleben.

Rezension meines Buchs: Orte und Momente

Reisen für ein reiches Leben                                           15. Juni 2025


Burkhard Mielke hat ein neues Buch geschrieben. Es macht Spaß, es zu lesen, und es macht gleichzeitig nachdenklich.
Das Buch handelt von seinen jüngsten Reisen seit 1991 (mit Ausnahme einer Reise im Jahre 1968 nach Prag) in die Antarktis nach China, nach Nepal, New Mexico, Palau, St Pierre (bei Neufundland), Tansania, Taiwan, Tibet, Uganda, Vietnam und nach Mustang (am Himalaya). Es ist in feiner Sprache geschrieben und mit vielen selbstgefertigten Fotos und Grafiken versehen. Die Fotos vermitteln bisher zum Teil unbekanntes Wissen über die Reiseländer, aber auch etwas über die Emotionen, die Burkhard bei seinen Reisen begleiteten.
Es waren keine gewöhnlichen, keine nur touristischen Reisen, sondern belangreiche Reisen auf dem Wege (im doppelten Sinne) zur Anreicherung seiner eigenen Biografie – durch neue Erfahrungen und durch Reflektion. 
Beispielsweise schreibt Burkhard anlässlich einer Bergtour am Rande des Himalaya: „Die physische Anstrengung geht einher mit der Auseinandersetzung mit mir selbst als ständigem inneren Dialog. Mehr und mehr ist nichts außer mir selbst wichtig, ich habe ein Ziel, eine Herausforderung, und ich darf und will nicht aufgeben.“ (S. 70). Das hält ihn aber selbst auf Reisen nicht ab vom sozialen Engagement:
So unterstützte und unterstütz er eine Schulpartnerschaft in Nepal und organisierte Schüleraustauschprogramme mit Schulen in Tunesien, New York, Beijing und Sanghai. 
Burkard fühlte sich nicht von atemberaubenden Locations angezogen, wie sie der Zeitgeist prägt, sondern er hat eigentümliche Orte aufgesucht, zu denen ihn seine Neugier führte, hat dort verweilt, hat sie studiert und vieles davon nicht vergessen. Menschen prägen Orte, aber auch Orte prägen Menschen. Jeder Ort ist anders, Menschen sind es ebenso. Letztlich lernt man sich selbst auch durch Andere kennen. Und bei Reisen in die entlegensten Orte der Welt sogar durch ganz Andere.
Burkard reflektiert auf seinen langen Reisen auch sein Verhältnis zur Natur. Angesichts der von ihm beobachteten globalen Umweltprobleme und der zunehmenden Zerstörung natürlicher Lebensräume gewinnt das Konzept der Nachhaltigkeit an offensichtlicher Bedeutung. Es impliziert, die natürlichen Ressourcen zu bewahren, ökologische Gleichgewichte zu erhalten und zukünftigen Generationen eine intakte Umwelt zu hinterlassen. Viele der von ihm besuchten Kulturen und Traditionen betonen die Wertschätzung und den Respekt vor der Natur als Ausdruck von Dankbarkeit, Demut und Achtsamkeit. Dies spiegelt sich in verschiedenen Formen von Burkhards Fotos wider. Sein Verhältnis zur Natur ist geprägt von einer Vielzahl von Perspektiven und Ansätzen, die die Relevanz, aber auch die Ambivalenz und Komplexität dieser Beziehung verdeutlichen.
Zum Schluss zieht Burkhard ein Fazit. Auch das lohnt, zitiert zu werden: „Doch was bleibt ist das Erlebnis des ´zu sich selbst Kommens´ in der Stille dieser vorbeiziehenden einzigartigen Natur und des unerwarteten Glücks, all dies bei schönem Wetter und ruhiger See erleben zu dürfen“. (S. 133)
Dieses Buch erweckt den Wunsch, selber gleich aufbrechen zu wollen, auch über die eigenen Reisen neu zu denken, die eigene Biografie zu reflektieren und über den Sinn des Lebens nach zu denken.


Prof.em Dr.Hans-Günter Rolff


Burkhard Mielke: Orte und Momente. Bernau bei Berlin 2025

https://www.drburkhardmielke.de/wp-content/uploads/2025/08/Rezension-2.docx

Zwischen Gestern und Morgen

„Ich glaube er war gedopt“, so Jens zu Marie über mich an einem unerwartet lebendigen Geburtstagsabend mit Familie und Freunden. Es war mein 80. Geburtstag, und ich soll bis auf Essenspausen ununterbrochen auf der Tanzfläche gewesen sein. Üblicher bei einem 80. Geburtstag: man sitzt zusammen, freut sich, spricht viel miteinander, isst gut, trinkt gut und verbringt einen „altersgemäß“ netten Abend zusammen.  Doch es kam anders. 

Gudrun Binger aus Duisburg, mit der ich vor einiger Zeit mit einer Kleingruppe im Himalaya zum Trekking in Mustang gewesen war, sang als Solistin mit ihrer wunderschönen Stimme nach dem Essen.

Und dann, nach einer kurzen Pause, setzte „Der Letzte infantile Gedanke“ ein – meine Lieblingsband, die mir schon zu meinem 70. Geburtstag versprochen hatten, zu meinem 80. Geburtstag wiederzukommen.

Noch in Düsseldorf und damals ohne Sängerin hatte diese Verbindung mit der jungen Band aus Berlin begonnen.  Meine Töchter Xenia und Jahel schenkten mir damals den Auftritt dieser Band zu meiner Geburtstagsfeier. Sie kamen aus Berlin, und es war einfach die Art und Weise wie sie auftraten, uns begeisterten und animierten, so dass ich morgens gegen 4:30 Uhr mit diesen Jungs an unserer Bar stand und sie zu einem Single Malt einlud. „Kennen wir gar nicht“ stellten sie fest, „haben wir noch nie getrunken“. Sie mochten ihn, und dabei kam mir die Idee, sie zu ermuntern, ihre erste CD aufzunehmen. Und so sollte es werden. Es dauerte eine Weile. Ich brauchte etwas Zeit für das Crowd-Funding, und die Band, diesmal mit Sängerin, für Training und Technik im Studio der Landesmusikakademie Berlin. Einmal durften wir bei den Proben dabei sein, auch für uns neu und interessant. Schließlich war die CD fertig. Welch eine Freude!

Die erst C

Wir sahen uns wieder. Als wir 2016 nach Berlin zogen, rockten sie bei unserer Einzugsfête Wilmersdorf von unserem Dachgarten aus die ganze Nacht hindurch. Es war wunderschön und eine tolle Erfahrung, auch für die Wilmersdorfer, die zwischen Verwunderung, sauren Bemerkungen auf dem Anrufbeantworter oder auf dem Balkon sitzend einfach die Musik miterlebten, und unterschiedlich reagierten. Zu meinem 80. Geburtstag waren sie wieder da und brachten unmittelbar den ganzen Saal in Stimmung bis in die frühen Morgenstunden, durch ihre Musik und die heitere Zwischenmoderation des Bandleaders voller netter und lustiger regionaler, politischer und persönlicher Anmerkungen, gespeist aus den jetzt schon 10 Jahren Freundschaft. Um den Bann des Anfangs zu brechen ging ich mit Marga zum ersten Tanz auf die Tanzfläche, und dann passierte etwas Unerwartetes in dieser sehr gemischten Altersklasse, dass fast alle aufstanden, in diese Stimmung eintraten und fortan die Tanzfläche immer voll war.

Es war eine tolle Fête, die schon so besonders anfing. Die Gäste wurden nicht nur mit Champagner im Hof begrüßt und dann in den Saal geführt, sondern konnten erst einem Event beiwohnen, das von unserem mexikanisch geprägten

Familienstrang seinerzeit eingeführt worden war, die Geburtstags- Piñata.

Ich musste zum Gaudi aller mit verbundenen Augen einen an einer Leine baumelnden Stier (mein Sternzeichen) aus Pappmaschee mit einem Stock treffen, so dass die Glückwunschzettel herausfielen, was unter dem Jubel aller schließlich gelang. Damit war der Grundstein für die Stimmung an diesem unvergessenen Abend gelegt.

 So wie ein kühler Atlantikwind an einem sonnenüberfluteten Strand, so schleicht sich in diese schönen unbeschwerten Erinnerungen doch immer mal wieder auch das Wissen um unsere Endlichkeit in die Gegenwart, gerade jetzt, wo ich dies schreibe, da einer meiner auf der Feier anwesenden Freunde gestorben ist.

COVID und die Isolation waren voran gegangen. 

Kein Sport, keine Reisen, keine Kontakte, keine Feiern – das widersprach so sehr meinem Naturell und der Art, wie ich eigentlich leben will. Doch es gab einen Ausweg.

Durch die Idee, ich könnte doch ein Buch über meine Reisen schreiben anstatt nur trübe herumzusitzen richtete mir mein Freund Jörg einen Blog mit dem Titel „Unterwegs“ ein und zeigte mir, wie man darin schreibt. So gelang es mir einer möglichen Depression zu entkommen, und es brachte mich über die Zeit und das Schreiben wurde zu meiner neuen Faszination. Ich habe schon immer Texte und Reden geschrieben, aber diesmal wurde es ein Schreiben in der Auseinandersetzung mit mir selbst, das Projekt eines Buches als Reflektion über einen großen Teil meines Lebens. Marga und meine Freunde wurden dann zu einem wichtigen Teil dieses Projektes als ständige Lektoren, und sie berieten mich, was Lay-out und Druck anging.

Das Manuskript meines Buches „Orte und Begegnungen“ wird bald fertig sein. Ich warte auf die Auslieferung, wissend, dass diese Art der literarischen Auseinandersetzung mit meinem Leben, meinen Wünschen und Träumen über dieses Buch hinausgehen und ich weiterschreiben werde.

 Es ist anders als Tagebuch zu schreiben oder nachträglich aus Tagebüchern sein Leben zu rekonstruieren. Ich schreibe jetzt wie von einem Berg aus zurückschauend in ein langes weites Tal, mit Abstand, und glaube, dass dies helfen wird, auf das Wesentliche zu fokussieren und so in der Rückschau, ähnlich wie bei der Beschreibung meiner Reisen in diesem späten Zeitpunkt meines Lebens doch etwas mehr Gewissheit über mich selbst zu finden. Es ist anders als das punktuelle zu sich selbst finden während der Reisen. Es ist jetzt ein Rückblick auf das ganze Zurückliegende und dann als nächste Herausforderung der furchtlose Blick nach vorne in eine noch ungewisse Zukunft, wie dies in dem Gemälde von Caspar David Friedrich „Der Wanderer über dem Nebelfeld“ dargestellt ist.

Ein Bild, dem ich schon einmal an einer früheren Schnittstelle in meinem Leben begegnet bin, als kurz vor meiner Pensionierung als Schulleiter dieses Bild aus dem Kollegium neben die Tür zu meinem Büro gehängt worden war. 

Dies ist Dein Frieden

Prag 1968

Vier Jahre nach der Zerschlagung des „Prager Frühlings“ kam ich 1972 mit einer Schülergruppe nach Prag, und die Bilder der Panzer in Prag und die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach als Protest gegen das Moskauer Diktat waren noch unvergessen. Der „Prager Frühling“ 1968 – eine Hoffnung, die allzu schnell dem Imperialismus der Sowjetunion zum Opfer fiel. Ein weiteres Mal nach Berlin, Warschau, Sofia und Budapest.

Die Sowjetunion löste sich auf – Russlands Politik änderte sich mit der Machtübernahme Putins nicht. Die Liste der Militärinterventionen ist länger geworden, und die Brutalität führt damals und heute bis zur Vernichtung ganzer Städte und Länder: Georgien, Armenien,Aleppo, Libyen, Krim, Ukraine…?

Plakate an der Prager Universität

Text : Dies ist Dein Frieden
Text: Das ist der Imperialismus

Heute rollen wieder einmal Panzer in eine europäische Hauptstadt ein, um die Sehnsucht der Menschen nach einem würdigen Leben in Freiheit und Demokratie mit Panzern niederzuwalzen. Die Steigerung der imperialistischen sowjetischen Besetzungen der Sowjetunion innerhalb des Warschauer Paktes bis hin zu Putins Revisionswahn ist die kalte, völkerrechtswidrige, mörderische Kriegsführung, sind Kriegsverbrechen, die vorsätzlich Zivilisten töten und humanitäre Einrichtungen wie Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten angreift, Lebensmittellager und Wasserleitungen zerstört, um die Menschen zu zermürben.

Text : Die beste Methode der Verwendung

1972 hatte sich das Leben in Prag zwangsläufig normalisiert, unter der Firnis die Trauer und Hoffnungslosigkeit bedeckend.

Damals im „kalten Krieg“ wie heute in Zeiten der Globalisierung hatte der Rest der Welt der sowjetischen Aggression wenig entgegenzusetzen. Es war diese Stimmung, die immer noch überall zu spüren war.

Doch in allen Krisen haben Menschen der sich nach und nach einschleichenden Resignation Widerstand entgegengestellt. Ein Zeichen hierfür sah ich, als ich in meinem Hotelzimmer beim Einräumen meiner Sachen die Schranktür öffnete. Groß eingeritzt in die Innenseite der Schranktür stand 3:2 ohne weiteren Kommentar. Mein Gedächtnis brauchte nicht lange, um die Bedeutung zu verstehen. Es war ein Ausdruck der Freude und Revanche. Mit 3:2 besiegte das Team der Tschechoslowakei die Sowjetunion und wurde 1972 Eishockeyweltmeister durch diesen Triumph gegen die Unterdrücker. Ein verstecktes Zeichen und ein Schritt zu wieder aufkommender Hoffnung und Selbstbewußtseins.Vor allem wegen der großen Bedeutung dieser Sportart in beiden Ländern.

Prag war voller Touristen und konnte in seiner Schönheit wieder besucht werden. Die Schäden der Besetzung waren weitestgehend beseitigt, die Infrastruktur, auch die touristische, funktionierte. Meine Warnungen über die Gefahr Geld schwarz umzutauschen wurden aufgenommen. Was ich nicht wußte, die Busfahrer beider Länder hatten den Umtausch des Geldes, um die offizielle grosse Spanne zu umgehen, und den Export des begehrten Krimsektes untereinander organisiert. Und trotzdem blieben ein gewisses Unbehagen und latente Angst wegen der ständigen Überwachung. Das hatte schon beim Grenzübergang begonnen mit penibler Passkontrolle, Durchsuchung des Busses. Schlimm war, dass einigen Schülern die Haare abgeschnitten wurden, da die langen Haare einiger nicht mit ihren Passbildern übereinstimmte. Eine Schikane und bewusste Demütigung der ja so dekadenten Westler. Schlimm auch besonders deshalb, weil sie ihrer „langen Haare“ wegen schon zu Hause oft Druck und Diskussionen ausgesetzt waren und sich davon nicht haben beeinflussen lassen. Hier, der kalten Macht ausgeliefert, half kein Protest gegen diese Schikane, weil im Falle der Weigerung die Einreise verhindert wurde. Als begleitender Lehrer war ich nicht in der Lage, ihnen diese Erfahrung zu ersparen. Ein Lehrstück über staatliche Willkür war es allemal, besser als jeder Unterricht dies hätte vermitteln können

Strahlendes Wetter in dieser wunderschönen Stadt ließ uns die Tage dennoch genießen. Auf der Karlsbrücke über die Moldau mit dem Blick auf die Prager Burg kam dann die politische Realität für mich zurück. Ein älterer Herr hatte unsere Gruppe beobachtet, sprach mich an und fragte, ob ich etwas Zeit hätte, um miteinander zu sprechen. Er habe 1968 an der Universität Poster und Handzettel gesammelt und bat mich, diese mit in den Westen zu nehmen als Dokumentation dieser Zeit. Wir trafen uns abends bei Luka zu Hause und verbrachten einen schönen und spannenden Abend. Zum Abschied gab er mir eine Tüte mit den Dokumenten, und wir umarmten uns lange, wissend um die geringe Wahrscheinlichkeit eines Wiedersehens.


Lukà hatte seine Form des Widerstandes gefunden und für sich zu einem Abschluss gebracht.

Mir wurde wohl durch die Euphorie dieser Begegnung erst kurz vor der Grenze klar, welches Risiko ich eingegangen war. Kurz vor der Grenze mussten doch, trotz aller Warnungen, einige der Gruppe austreten – Folge zu vieler Flaschen Pilsener Urquells vor der Rückfahrt. Damit war klar, dass unser Bus besonders genau durchsucht werden würde. Man suchte immer sogenannte Übertritte Einheimischer in den Westen zu verhindern.

Ich versteckte alleDokumente unter Pullover und Mantel um den Körpermitte verteilt und hatte Glück. Wir mußten aussteigen, und der Bus wurde gründlichst gefilzt, nicht aber wir. Nur langsam beruhigte sich mein Puls und niemand hatte etwas von meiner Nervosität bemerkt.

Damals konnte ich die Zeitdokumente nur herumreichen und zeigen. Anläßlich der Kriegsverbrechen in der Ukraine und um die Kontinuität der sowjetisch-russischen imperialistischen Angriffe auf Freiheit und Demokratie zu dokumentieren, sowie als Aufruf, sich nicht einer trügerischen Ruhe hinzugeben, sind in der Galerie „Prager Frühling 1968 „ die Aushänge an der Universität, Zeitungsausrisse, Flugblätter und Plakate, die Luka mir 1972 anvertraut hat. Sie sollten als Erinnerung und Mahnung in den Westen gelangen und nicht vergessen werden. Diese Dokumente sind im Internet unter drburkhardmielke.de in meinem Blog„Unterwegs“ unter „Dies ist Dein Frieden“zu sehen.

Gliederung Buch

Verzeichnis der Texte

  1. Widmung, Dank,
  2. St.Pierre et Miquelon -Wie alles anfing
  3. Dies ist dein Frieden – Prag 1968
  4. Die Kunst des anderen Reisens
  5. Verloren am Yang Tse Kiang  1997
  6. Antarktis 1 – Sturm bei Kap Hoorn- Auf dem Weg in die Antarktis mit der Hanseatic Nature  
  7. Antarktis 2 – Im Südpolarmeer
  8. Längs der Stille – Das Königreich Lo in Mustang
  9. Irgendwo in Nepal  –   Hoffnung im Chaos nach der Abschaffung der Monarchie  – eine Eliteschule öffnet sich für die armen Kinder der Regio
  10. Tibet
  11. .Palau – eine Insel voller Wunder  
  12. Grenzgänge
  13. Die große Migration –  Safari in Tansania
  14. Ost-WestNord-Süd  Deutschland und Vietnam – eine Reise mit Thomas Billhardt
  15. Gorilla Begegnungen – Uganda
  16. Vietnam in Trippstadt . Wie der Kaffee aus Vietnam in die Pfalz kam
  17. Von fröhlicher Ignoranz zu einem   Hauch von Orwell – Eine Reise nach Taiwan zu Zeiten der Covid Quarantäne
  18. Der Weg in die Stille – Von Bergen nach Kirkenes und zurück an Bord der Polarlys (Hurtigruten)

Rückseite auf farbigem Hintergrund

Autor: Dr. Burkhard Mielke

Berlin ist meine Stadt – Geburtsort und seit Jahren wieder die Stadt, in der ich lebe. Geprägt hat mich am meisten mein Studium der Romanistik und des Sports an der Sporthochschule Köln und der Universität zu Köln. Begeistert hat mich jedoch meine Promotion zum Dr. phil. Diese ermöglichte mit dem Thema „Tourismus oder Völkerverständigung? Die internationalen Begegnungen der Schulen“ , eine Verbindung herzustellen zwischen der Faszination des Reisens und der Begegnung von Jugendlichen, Kulturen und Lebensorten. Als junger Lehrer waren es Schüler-austauschfahrten mit Tunesien, als Schulleiter die Schulpartnerschaften mit Burnt Hills- Ballston Lake in Upstate New York, Beijing und Shanghai. Als Präsident der Europäischen Schulleitungsvereinigung (ESHA) und Board Member der Internationalen Schulleitungsorganisation (ICP), als Professor an der Normal University in Shanghai waren es viele internationale Tagungen zur Bildung der Jugend an unterschiedlichsten Orten der Welt. Immer war es mein Bestreben, andere mitzunehmen in diese Faszination des einen Augenblick lang Fremden, des Austausches und der neuen Erfahrungen, die uns auf immer andere Weise sagen: Ja, dies ist unsere Welt.

Der Weg in die Stille

Von Bergen nach Kirkenes und zurück an Bord der „Polarlys“ (Hurtigruten)

Mai/Juni 2024

„Die schönste Seereise der Welt“ – mit diesem selbstbewussten Slogan tauchen die Hurtigruten in der Werbung auf. Vor 130 Jahren begann die klassische Postschiffslinie entlang der norwegischen Küste von Bergen nach Kirkenes und zurück mit Stopps in 34 Häfen. Ein Mythos entstand und bei vielen der Wunsch, einmal dabei zu sein. Auch ich hatte diese Hurtigrutenfahrt immer irgendwo in einer Schublade meines Gedächtnisses. Bis ich am 28.Mai 2024 in Bergen an Bord der Polarlys ging und dieser lang gehegte Wunsch sich erfüllen sollte. Voller Informationen und Erwartungen wusste ich auch, dass nun vieles vom Wetter im Norden abhing, wo es Gegenden gibt, in denen alle Jahreszeiten an einem Tag erlebbar sein können. Und die Berichte von Sturm und Kälte, dem Erreichen des Nordkapps ohne Sicht bei dichtem Nebel, den Lofoten in strömendem Regen, die Unmöglichkeit bei hoher See in den berühmten Trollfjord zu fahren und…

Die Route

Bei grauem Himmel mit tiefhängenden dunklen Wolken ertönen um 20 Uhr die Signale zum Auslaufen. Und dann kurz nach Mitternacht und bei der Wetterlage völlig unerwartet, verwandelt sich innerhalb vo 20 Minuten der graue Himmel in ein flammendes Rot der untergehenden Sonne, die auch das Meer rot leuchten lässt. Was für ein Beginn dieser Reise und Lohn für langes an Deck bleiben.

‎⁨Bøvågen⁩, ⁨Vestland⁩, ⁨Norwegen⁩

12 Tage geht die Fahrt nun, nur unterbrochen von einigen Landgängen und Exkursionen, entlang dieser so stillen und ruhigen Küste mit Leuchttürmen, kleinen Häfen und noch kleineren Orten mit den bunten Hozhäusern. Ich sitze am Fenster oder bin an Deck und kann den Blick von dieser Landschaft nicht lösen. Wann immer ich dieses emotionale Eingetauchtsein verlassen muss, habe ich den Eindruck etwas von dieser Landschaft zu verpassen , die von anderen vielleicht als gleichförmig empfunden werden kann.

Mitternachtssonne

Trollfjord

‎⁨Storøya⁩, ⁨Svolvær⁩, ⁨Lofoten⁩

Lofoten

Zauber von Licht und Schatten

Sym

Abendstimmung

Letzter Abend an Bord

Die Bilder sind Momentaufnahmen der Landschaft, wechselnd von grün zu felsig karg, von hügelig zu steilen Klippen, hohen Bergen und bewegten Wolkenformationen. Wir gleiten vorbei an dieser Szenerie, mal in Gedanken, mal intensiv und präsent, mal ein Gang an Deck an die Luft und in die Sonne für ein paar Fotos….

Die Tage unter der Mitternachtssonne kann man wenig beschreiben, nur intensiv erleben, ebenso wie die rotstrahlenden Himmel und Meer verzaubernden Sonnenuntergänge. Das ist das wesentliche Erleben mit diesem Schiff dies-und jenseits des Polarkreises. 

Natürlich gibt es lebendige Highlights wie die Polartaufen, das Nordkap und verschiedene Exkursionen durch wunderschöne Landschaften, die wichtigen Städte und kurze Begegnungen mit Menschen auf dem Schiff und an Land.

Doch was bleibt ist das Erlebnis des „zu sich selbst Kommens“ in der Stille dieser vorbeiziehenden einzigartigen Natur und des unerwarteten Glücks, all dies bei schönem Wetter und ruhiger See erleben zu dürfen.

Cover

Vorderseite

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Für Anton

Danksagung an:

Marie, Marga, Parthena, Jörg, Jürgen und Jahel für ihre Anregungen, Lektorate und Unterstützung, so dass aus einer Idee dieses Projekt werden konnte.

Gedanken

Entsprechend Plato gab es auf dem Vorplatz des Apollotempels in Delphi eine Redewendung: „Gnothi safton“ – „Erkenne Dich selbst“. Wenn man die großen Epen der Menschheit betrachtet, scheint es, dass man auf eine Reise gehen muss, um sich selbst zu erkennen und die Reife der Wahrheit zu erreichen. Reisen als Prozess, sich selbst zu erkennen. Das erfordert eine intensive Arbeit und eine lange Zeit.     (Parthena Solidou)

Um beim obigen Zitat anzuknüpfen: Es hat sich bewahrheitet, hat eine lange Zeit gedauert, bis die Erfahrung vieler Reisen dazu geführt hat, die folgenden Essays zu schreiben. Erst die durch Covid erzwungene Pause für Reisen öffnete das Fenster, um vieles Revue passieren zu lassen und das Wesentliche einiger Reisen und damit auch sich selbst zu erkennen. Schon als Kind und Jugendlicher faszinierte mich die Welt außerhalb meines eigenen Lebenskreises. Ich verschlang alle Bücher mit Reiseberichten, kannte schon bald alle Länder und Hauptstädte der Welt, sammelte Briefmarken und später Münzen, um diese zu entschlüsseln in einer Zeit ohne Internet.

Ich hatte das Glück , eine Mutter zu haben, die mit ihren Kinder jede Ferien unterwegs war mit VW und Zelten auf dem Dach, unterwegs über die Niederlande und Belgien bis später dann nach Nord- und Süditalien. Als Student jobbte ich in den Ferien, um erste Reisen in andere Länder zu finanzieren. Und dann war es wie ein Rausch, USA und Nordamerika wurden mit Familie intensiv bereist und später Asien, Afrika und… und… und… so oft wie möglich. 

Was blieb, waren die Eindrücke dieser Reisen, Fotos und Erinnerungen an besondere Ereignisse. Wohl zu viele, um das Einmalige und Prägende zu erkennen. Erst in dieser Zeit der Ruhe wurde schemenhaft Erinnertes sortiert und fokussiert, klärten sich Erlebnisse an verschieden Orten, oft in Verbindung mit zufälligen Begegnungen. Dadurch werden diese kurzen Momente einer längeren Reise zu den  wichtigen Erlebnissen, die zu dem „Erkenne Dich selbst“ beitragen und das weitere Reisen wesentlich beeinflussen.

Covergestaltung: Bärbel Sulzbacher

Copyright für alle Beiträge und Fotos bei : Dr.Burkhard Mielke. All rights reserved. All pictures © by Burkhard Mielke, all rights reserved, commercial and private use prohibited

Längs der Stille

Das Königreich Lo in Mustang

Oktober 2013

Nepalkarte mit dem Distrikt Mustang an der chinesischen Grenze

Ein Königreich im Himalaya an der chinesischen Grenze? Noch nie davon gehört. . Ein Jahr später sollte es Wirklichkeit werden.

Der Annapurna erhebt sich hoch in strahlendem Weiß unter blauem, wolkenlosem Himmel als Hintergrund zum Flughafen Pokhara, wo wir zu Viert, nervös, aber hoffnungsfroh, auf die Entscheidung warten  nach Jomsom, dem Gateway für Mustang in 2700 Meter Höhe fliegen zu können. Diese Flüge sind nur frühmorgens und bei wenig Wind möglich, da die Flugroute durch ein enges Tal an der Annapurna Range mit nur wenigen hundert Metern Abstand von den Felsen geht und als eine der unfallträchtigsten Strecken in Nepal gilt. Endlich wird der Flug freigegeben.  Für 30 Minuten erleben wir eine faszinierende, relativ windfreie Passage  und landen sicher in  Jomson. Erste Eindrücke vom Leben in diesem Teil der Welt sammeln wir hier in diesem Startpunkt für Trekking in das entlegene, weithin unbekannte und somit geheimnisvoll bleibende Königreich Lo.

Erst seit 1992 ist Lo für Reisende geöffnet.  Durch die lange Abgeschiedenheit hat sich die Ursprünglichkeit der Region mit dem stark tibetisch geprägten dörflichen Leben im trockenen Hochgebirgsklima erhalten..   

Schnell wird unser Gepäck in einem Bus verstaut, und wir wandern vier Stunden bis Kagbeni, unserer ersten Unterkunft. Hier gibt es kaum noch natürliches Grün. Bis auf eine Spezialität: hinter hohen Steinmauern, als Schutz vor den starken und kalten Winden, wachsen Apfelbäume, aus denen, wie man uns sagt, köstlicher Apfelschnaps gegoren wird. Mit Blick auf zukünftige Anforderungen verzichten wir und verschieben den Genuss auf den Tag unserer Rückkehr. 

Die Kälte der Nacht ist vorbei, und wir wagen uns vor die Tür in die Wärme der ersten Sonnenstrahlen. Um uns herum reges Treiben, und auf dem Weg zur Visumsstelle kommen wir nur langsam voran, da die Ziegenherden durch den Ort in die Umgebung getrieben werden. Für das Königreich Lo braucht man ein „Entry Permit“ zusätzlich zum Pass. Mit dem Stempel in der Tasche brechen wir auf, um nach Lo Manthang und zurück zu trekken.

Den ersten Pass hinauf müssen wir noch geduldig hinter einer Ziegenherde aufsteigen, bis sie sich auf der Passhöhe in die Weite der kargen Landschaft verteilt. Letzte Order von unseren Sherpas, und es geht los. Ein Sherpa vorne und einer als Nachhut, beginnen wir erwartungsvoll unsere Wanderung zum nächsten Tagesziel nach Tsarang in 3700 m Höhe. Schon bald merken wir, dass Wandern in dieser Höhe und mit steilen Ab- und Aufstiegen in den Bergen viel Kraft, Ausdauer und Kondition abverlangt, und realisieren, wie wichtig die Anweisung unserer Sherpas war: jeder bewegt sich in seinem Tempo und macht individuelle Pausen. Unsere kleine Vierergruppe ist teilweise bis zu zwei Kilometern auseinander. Der Atem wird flacher, vor allem, wenn es bergauf geht, der Puls schlägt schneller, und immer öfter bleibe ich stehen oder warte im Sitzen auf die Beruhigung des Pulses. Das Panorama scheint wie aus einer andern Welt, das Gestein in allen Gelb- und Brauntönen und immer wieder unglaubliche Ausblicke auf die strahlend weißen Achttausender des Himalaya. Nichts wächst hier, und dann diese Stille, kein Laut außer unseren eigenen Geräuschen dringt an unser Gehör. Nur selten sieht man einen Raubvogel kreisen, es gibt nur Sand, Staub und Felsen. Der Fluß Kali Gandaki schlängelt sich durch die tiefste Schlucht der Welt; der Weg, oft nah an Abgründen, ist schmal und anstrengend zu gehen. Nur selten begegnen wir Einheimischen, die einzeln mit Kiepen auf dem Rücken in beide Richtungen gehen. Mit zunehmender Zeit und der gleichbleibenden Landschaft reduziert sich für mich fast alles auf das Gehen, ohne nach rechts und links zu blicken.

Die physische Anstrengung geht einher mit der Auseinandersetzung mit mir selbst als ständigem innerem Dialog. Mehr und mehr ist nichts außer mir selbst wichtig, ich habe ein Ziel, eine Herausforderung, und ich darf und will nicht aufgeben. Und dann fällt beim Erreichen des Tageszieles in der Erholung all das von mir ab und löst sich auf in ein Glücksgefühl über das Erreichte. Tagsüber allein, immer an der körperlichen Grenze, und auch in nötigen Pausen die Auseinandersetzung mit sich selbst in der Grenzerfahrung der Höhenluft und den Anforderungen der Strecke. Abends kehren wir aus der Alleinigkeit des Tages zurück in die Gemeinschaft. Wir wenden uns mit gelöstem Lächeln im Gesicht wieder einander zu und sind stolz es geschafft und einen zwar kurzen, aber schönen Abend gemeinsam in einer unserer Himalaya Lodges vor uns zu haben. Wir tauschen unsere Emotionen, unsere Gedanken aus und sind gespannt auf das Morgen. Beim Essen ist auch das Gespräch mit den Gastgebern möglich, eine wertvolle Erfahrung. Unsere Gastgeber in dieser ersten Lodge haben eine kleine Tochter, die sich interessiert in unserer Nähe aufhält. Ich schenke ihr Buntstifte und werde mit einem glücklich-strahlenden Lächeln bedankt – und es wird ein Wiedersehen auf unserem Rückweg geben.

Unterwegs mit meinem Sherpa

Wir wissen jetzt genauer, was in den nächsten Tagen an Anstrengungen vor uns liegt. Belohnt dafür werden wir, wenn wir den Blick und den Kopf vom Trekking lösen und uns einmaligen menschlichen, kulturellen und historischen Begegnungen öffnen können. Nach einem längeren Marsch taucht im gleißenden Gegenlicht ein Stupa auf, und vom Kamm aus öffnet sich der Blick auf eine hoch gelegene große Tempelanlage, die alte Gompa von Tsarang.

Die absolute Stille wird plötzlich von einer Stimme unterbrochen. Ein Mönch begrüßt uns. Er ist der Einzige, der noch hier oben geblieben ist. Es ist Oktober, und der eisige Winter im Himalaya rückt näher. Alle anderen Mönche sind schon ins Tal abgestiegen. Nur einer bleibt hier zur Sicherung des Tempels und der alten, nicht transportfähigen Menschen. Die Stille und Einsamkeit am diesem Ort fügt sich ein in meine Gedanken.

Die alte Gompa von Tsarang 1395 errichtet

Der Mönch freut sich über unseren Besuch, führt uns durch den Tempel und zu unserer großen Überraschung auch zu einem besonderen Schatz in der zugehörigen Bibliothek.

Die Atmosphäre in diesem Raum nimmt mich gefangen, während ich seinen Erklärungen über die Zahl 108 lausche, die heilige Zahl des Buddhismus, über Pustak, ein heiliges Buch mit je 108 Pergamenten mit 54.000 Sutren. Genau 108 dieser Pustaks liegen hier zwischen geschnitzten Holzrücken in den Regalen, in ein Tuch eingeschlagen, mit einem Band umwickelt. Still und in mich gekehrt verlasse ich diesen Raum.

Die Kanpur und Tanjur Originalabschriften in Tsarang

Für die letzte Etappe von Tsarang nach Lo Manthang konnten unsere Sherpas einen der wenigen Jeeps besorgen. Über eine abermals abenteuerliche Steinpiste durch diese wilde, raue und lebensfeindliche Landschaft, am Horizont die weißen Gipfel des Himalaya, fahren wir in Richtung Lo Manthang, der Hauptstadt Mustangs.

Unser Fahrer kurbelt und dreht ständig das Lenkrad herum um durch die engen Kurven zu kommen. Man kann schon Anspannung bei uns erleben, wenn die schmal in den Berg gehauene Piste nur knapp am Abgrund vorbei führt und es neben uns hunderte von Metern in die Tiefe geht. In diesen Momenten kann auch die chinesische Lieblingsmusik unseres jungen Fahrers uns nicht beruhigen. Bei den steilen Steigungen wundern wir uns immer wieder, wie es der Jeep mit 7 Personen und diesem Untergrund über die tiefen Rillen nach oben schafft. Glück haben wir aber auch hier, bei trockenem Wetter, blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein zu fahren. Nur der gleißende Sonnenschein, der sich in den staubüberzogenen Scheiben bricht, blendet oft nicht ungefährlich.

Auf der Etappe nach Lo Manthang überholen wir vereinzelt Menschen mit schweren Lasten, Maultiere oder Pferdekarawanen, fahren vorbei an kleinen, verstreuten Hütten und Stupas mit Gebetsfahnen, die auch überall auf den Passhöhen wehen. Erleichtert verlassen wir den Jeep, erleichtert auch, weil wir wir diese letzte schwierige Etappe nicht hatten laufen müssen.

Vor  unserem Hotel „Lotus“ in der Nähe des Königspalastes angekommen, wundern  wir uns, denn nichts deutet auf eine Hauptstadt hin. Ein größeres Dorf als die anderen, ja, mehr Leben auf den Strassen und eine Sammelstelle für die wenigen Jeeps, die es in Mustang gibt. Auffallend nur der bescheidene Königspalast des 2008 von der nepalesischen Regierung abgesetzten Königs. Heute ohne Fahne. Der König von Lo ist heute nicht in der Stadt. Nahbei die Lo Manthang Art Gallery des berühmten Künstlers und Restaurators der Tempelgemälde, Padang Gurung. Durch den Ort fließt in einem schmalen Kanal Gebirgswasser, wo sich Frauen ihre Haare waschen.

Ich gerate in eine kleine Gasse und sehe mir die alten Hausfassaden an, als ein Stück entfernt auf der anderen Seite ein älterer Mann mir plötzlich zuwinkt. Ich erwidere seinen Gruß, und wir kommen ins Gespräch. Er nimmt mich mit in sein Haus bis nach oben zum Dach, wo sich ein wunderschöner Blick über die Hauptstadt und die Hochebene bis zu den Bergen ergibt. Aus seinem Munde erfahre ich viel über die Stadt und Mustang, was in keinem Reiseführer zu finden ist. Zum Abschluss unserer intensiven Begegnung schenkt er mir eine sehr alte Maske aus seinem Haus, die die bösen Geister von mir fernhalten soll. Wir trennen uns mit einer herzlichen Umarmung. Eine zufällige Begegnung, und wir wissen beide, dass es bei dieser einen bleiben wird.

Begegnung

Lo Manthang ist der Wendepunkt unseres Trekkings. Ein ruhiger Tag, an dem wir Teil des normalen Haupstadtlebens sind, mit Besichtigungen und Einkäufen, typischen Gerichten in kleinen Restaurants, aufgenommen von den Geräuschen dieser entlegenen Stadt hoch im Himalaya. Die gute und saubere Luft genießen wir nun ohne die Anstrengung des Trekkens, und unsere Sherpas öffnen uns Türen zu den Menschen, wodurch wir erleben, wie anstrengend es aus unserer Sicht wäre, die Grundbedürfnisse des Lebens auf diese Weise zu sichern – vom Getreidemahlen in einem kleinen Gebäude, in dem man durch den beim Mahlen entstehenden Staub kaum etwas sehen kann – bis in die Küchen der Häuser. Und immer treffen wir auf freundliche und nette Menschen, die sich über unseren Besuch freuen, die hier ihr Lebensglück finden durch Familienstrukturen, Gemeinschaft und Zufriedenheit mit ihrer Welt. Auch auf mich wirkt dies ein und mischt sich mit meiner bisherigen Vorstellung von Glück.

Früh am nächsten Morgen geht die Fahrt mit einem engen, durch spontan im Jeep und auf dem Dach Mitfahrende total überladenen Jeep los in Richtung Samar. Die Passstrasse wird enger, und ich merke, wie bei unserer Gruppe Angst aufsteigt. Ich sitze links vom Fahrer, immer mit freiem Blick in die tiefe Schlucht neben uns. In einer engen Kurve befinde ich mich schon fast jenseits der Strasse über der Schlucht. Unberührt von allem sind unsere einheimischen Mitfahrer. Ich aber spüre die Stimmung hinter mir und bedeute den Sherpas die Fahrt für uns schnell zu beenden. Während einer längeren Phase der Ungewissheit stehen wir auf einem Hochplateau, die wir unruhig, unsere Sherpas aber in stoischer Gelassenheit verbringen. Dann werden wir erlöst und mit dem zugesagten Jeep sicher nach Samar gebracht, einem kleinen Dorf in der Wüstenlandschaft Mustangs, berühmt für die vielen es umgebenden Chörten.

Zu Fuß gehen wir weiter in Richtung Kagbeni. Dort freue ich mich sehr über das Wiedersehen mit dem kleinen Mädchen, dem ich die Buntstifte geschenkt hatte. Sie fängt an zu weinen, als ich sie nach Bildern frage und sagt schluchzend, dass sie kein Papier habe. Wir holen alles an Papier aus unseren Rucksäcken, und ich gebe den Sherpas Geld welches zu kaufen und bei ihrem nächsten Auftrag dort vorbeizubringen. Mit fröhlichem Gesicht beginnt sie sofort zu malen. Es wird dann ein kurzer letzter Abend. Der für hier aufgesparte Apfelschnaps hat eine unglaubliche Wirkung. Ziemlich schnell versinken wir in tiefen Schlaf .

Erholt wachen wir am nächsten Morgen mit dem Gefühl auf, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben: Eine große körperliche und geistige Herausforderung zu meistern in einer in ihrer Kargheit doch wunderschönen Natur, mit offenen und herzlichen Menschen, die glücklich und zufrieden in ihrem Glauben und ihrer Tradition leben, weit entfernt von unserem westlichen anspruchsvollen Lebensstil, in den wir allerdings nicht ohne Auswirkungen dieser Erfahrungen zurückkehren.