New Orleans Function

August 2013

Wir fahren von Atlanta durch die Blue Ridge Mountains und als Teil davon durch die Smokie Mountains. Die Bezeichnung als smoky  geht auf den natürlichen Nebel zurück, Nebel, der in der Abendsonne aus der Ferne blau schimmert. Die Cherokee-Indianer gaben der Landschaft deswegen den Namen „Shalonage“ = „Ort des blauen Nebels“.

The Blue Ridge Mountains

Einen besseren Urlaubsanfang kann man sich kaum vorstellen, diese schöne, ruhige Berglandschaft mit Flüssen, Seen, Wasserfällen, hohen Felsenplateaus, von denen man all dies von oben sehen kann. Wir genießen diese Landschaft. Aber dann, da wir keinen festen Plan haben, entscheiden wir nach einer Woche in den Bergen aus der relativen Abgeschiedenheit zum Mississippi zu fahren, um den berühmten Blues Highway, die Route 61 zu erleben: von Nashville über Memphis, Clarksdale, Tunica und Natchez nach New Orleans, der Geburtsstadt des klassischen Jazz, der Stadt der Synthese aus Street Bands, Cotton Field work songs, Cajun music, Brass Bands, Soul , Gospel und Ragtime.

Und dies ohne zu ahnen, welche Überraschung dort auf uns wartete.

Es ist eine zunehmend berauschende Fahrt mit Musik in der Luft, die sich von Ort zu Ort flussaufwärts verändert, von den Gesängen in den Cotton Fields, vom Blues zum Rock’n Roll. Und immer begleitet von der passenden Landschaft des mächtigen Mississippi durch das Mississippi Delta mit Städten und Ortschaften mit den klingenden Namen der Wiege der amerikanischen Musik und mit den Namen für diese Straße: Route 61, Blues Highway, Delta Blues Road, Mississippi Blues Trail…

Es begann in den Baumwollplantagen in Natchez, auf denen Sklaven unter härtesten Bedingungen für die weißen Plantagenbesitzer der Südstaaten bei großer Hitze die Ernte einbrachten und schwere Baumwollsäcke schleppten. Rufe und Antworten, „Work Songs“, “ Field Hollers“ und Spirituals, um die Last der Arbeit erträglicher zu machen und den Tag zu überstehen. Im Kontrast dazu die prächtigen Anti Bellum Villen der Plantagenbesitzer als Ergebnis der inhumanen Ausbeutung der Sklaven, die sie auf einem der größten Sklavenmärkte „Forks of the Road“ kauften.

Daraus entwickelte sich der Blues, der sich nach dem Krieg und der Sklavenenbefreiung entlang der Route 61 nach Norden ausbreitete. Dabei veränderten sich die von Schmerz und Erschöpfung erzählenden Gesänge langsam in Gesänge zum Ausdruck von Sehnsucht und Mut – später dann Blues genannt.

Zuerst nach Clarksville, der Wiege des Blues mit dem berühmten Ground Zero Blues Club.

Ground Zero Blues Club in Clarksdale

Die Gitarren wurden elektrisch, als der Blues dann in Memphis ankam und sich weiter entwickelte in Richtung Soul und Rock` ’n Roll, jeden Abend in der Beale Street zu hören. Es war die Zeit für Elvis Presley in Memphis und Nashville, wo die Entwicklung sich später in Country Music veränderte.

Als wir bei unserer Ankunft in Memphis dann dieses Transparent sehen, haben wir auch noch das Glück, Jerry Lee Lewis live zu erleben.

Jerry Lee Lewis in Memphis live

Memphis Beale Street

Wir fahren weiter die Strecke von Nord nach Süd mit zahlreichen Stopps in den erwähnten Städten und kleineren für den Blues wichtigen Orten entlang des Mississippi,

Tunica – Gateway to the Blues

bis wir nach langen Nächten in Bars in New Orleans ankommen.

Die Überraschung an der Kathedrale, die die Tage in New Orleans zu einem einzigartigen Erlebnis werden ließen:

Machmal gibt es Träume, die nie geträumt wurden und dann durch ein Ereignis völlig überraschend und unerwartet Realität werden. Wir sind gerade in New Orleans angekommen, haben den ersten Abend im French Quarter verbracht und gehen am nächsten Morgen in Richtung der St. Louis Cathedral, als sich plötzlich die Türen der Kathedrale öffnen. Ein Bestattungswagen fährt vor, ein Sarg wird eingeladen, eine große Menschenmenge tritt ins Freie und folgt demWagen lachend, tanzend, singend. Und dann kommt der Moment, der mich erfasst und weit zurück führt bis in meine Kindheit. Eine Band folgt dem Sarg und beginnt zu spielen, und ich traue meinen Ohren nicht, aber es ist wahr und ist dem Anlass entsprechend: „New Orleans Function“ von Louis Armstrong. Die Überraschung an der Kathedrale.

St. Louis Cathedral

Wir reihen uns in den Zug ein, marschieren mit bis kurz vor dem Friedhof und biegen dann nach rechts ab, weil wir bei der Beerdigung einer berühmten Politikerin der Stadt, der Kongressabgeordneten Lindy Blogs, nichts zu suchen haben. Wie ein Blitz kommt meine Erinnerung an eine Zeit einige Jahre nach Kriegsende zu mir zurück. Eine Erinnerung daran, warum ich bis heute von dieser Art Jazz begeistert bin. Die damaligen Wohnverhältnisse waren eng, und ich teilte ein Zimmer zusammen mit meinem neun Jahre älteren Bruder Klaus. Ich weiß nicht, wie es für ihn war, aber für mich war es ein Privileg. Ich konnte abends länger lesen, als ich eigentlich schon schlafen sollte, und ich hörte seine Musik und eines dieser Musikstücke, diese New Orleans Function, sie hat mich von Anfang an ergriffen und ich hab sie immer wieder gehört.

Beerdigungsmarsch

Wir gehen weiter und hören in der Ferne schon die Musik eines Ereignisses, von dem wir – gerade erst in New Orleans angekommen – erfahren hatten – das jährlich zu dessen Geburtstag stattfindende „Satchmo Summerfest “ – Dedicated to the Life, Legacy and Music of Louis Satchmo Armstrong, New this year: Three Full Days.

Als wir dort ankommen, ist das Fest im vollen Gange, und wir genießen einige Stunden die Atmosphäre und die Musik und freuen uns auf die nächsten zwei Tage mit Musik und Tanz in New Orleans auf dem Festival und im French Quarter.

Das Festival wurde 2001 ins Leben gerufen, um an Satchmos 100. Geburtstag am 4. August 1901 zu erinnern.

Den ersten Abend genießen wir auf einem Mississippi Raddampfer, natürlich mit einer Jazzband an Bord.

Abend auf dem Mississippi

Währen der nächsten zwei Tagen erleben wir, wie Musik das ganze Leben einer Stadt umfängt. Überall in der Stadt spielen kleine Bands tollen Jazz, und auf dem Festival begeistern uns die berühmten Sänger und Bands.

Jazzsängerin Meschiya Lake

Wycliffe Gordon , Posauninst, Sänger und Komponist, einer der Headliner des Festivals 2013 -berühmt für seine Armstrong-Interpretationen

Es ist eine tolle Zeit mit der Musik des Festivals, dem bunten Treiben mit langen Nächten in Music Bars im French Quarter und besonders in der Basin Street „where all the Black and White People meet“ (Text: Basin Street Blues)

Irgendwann aber müssen wir weiter fahren entlang der Strände am Golf von Mexico, noch ein Besuch der Manatees an Floridas Küste, zurück nach Georgia. Ein paar Tage mit Freunden in einem Haus in St.Simons zum Erholen und Erzählen bis zum Abflug in Atlanta. Noch immer klingt der Blues in uns nach und zaubert ein glückliches Lächeln in unsere Gesichter.

Nachtrag

In New Orleans musste ich als „für viele Jahre Kölner“ nach dem ersten Erstaunen auf der Werbetafel einer Microbrewery um eine Korrektur bitten, was dankbar angenommen wurde.

Kölsch

My big fat Indian wedding

Für Jahel&Naman –  März/April 2026

Wie aus einem Märchen oder Traum komme ich nur langsam zurück ins Jetzt. Und es war kein Traum, es ist wirklich geschehen: eine Woche märchenhafter religiöser, ritueller, fernöstlicher Ereignisse, Gefühle, und auch Anspannung – eine Hochzeit in Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges.

 Etwas Besonderes fand dort statt, keine indische, sondern eine europäisch-indische Feier mit ca. 75 Erwachsenen und Kindern die „Berliner Gruppe“, der Freundeskreis von Jahel und Naman mit einigen Freunden aus Asien, Nord- und Südamerika sowie Australien. 

Ein Farbenmeer öffnet sich für uns. Tuch- und Seidenballen, leicht und flach nach vorne geworfen, rollen sich aus, werden begutachtet, verworfen, für gut befunden und zur Anprobe um den Körper gewickelt, ein Sari.
 Was wir vor der Abreise über die Festtage bei einer indischen Hochzeit -mehr oder weniger intensiv gelesen haben, wird unsere Tage in Delhi bestimmen.

Langsam formt sich das Bild, was für eine indische Hochzeit allein an Kleidung nötig ist. Uns nicht vertraute Wörter hören wir immer wieder wie: Sari, Kurta Pajama und andere.

Wir fahren mit Taxis und Tuk-Tuks in viele unterschiedliche Läden, nicht nur für Kleidung, sondern auch für den prachtvollen Hochzeitsschmuck. Schmuck, den man hier übrigens für die Hochzeit ausleihen kann. Bei diesen Einkäufen erfahren und erleben wir hautnah auch das Leben in dieser 30-Millionen-Stadt. Um nur über die Straße zu gehen, braucht man ein 360° Blick-Umfeld, um heil auf der anderen Seite anzukommen. Tuk-Tuks, Taxis, Fußgänger, Hunde und auch heilige Kühe bewegen sich in einem ständigen Strom, 

umgrenzt von kleinen Geschäften. Einmal gibt es sogar eine Verkaufsführerin, die uns durch ein bestimmtes Viertel von Laden zu Laden führt. 

Es waren spannende Tage mit unterschiedlichen Erfahrungen in der Stadt und auch bei den sich oft wiederholenden Anproben – einige indische Schneider hatten sichtlich Probleme, sich auf europäische Figuren und Körpergrößen einzustellen.

Voller Eindrücke, aber auch erschöpft, genossen wir abends das Hotel mit einer Dachterrasse, auf der man über die kühlende Luft des Poolwassers hinweg die ganze Stadt überblicken konnte. 

Und als Unterbrechung der Ankleidetouren erfreuten uns zwei Tagesausflüge. Zuerst eine Stadtrundfahrt in Delhi, um nicht nur Geschäfte gesehen zu haben. Indian Gate als All India War Memorial zum Gedenken an die britisch-indischen Armeen im ersten Weltkrieg, der Humayun-Tomb-Komplex mit dem Mausoleum, ein Mogulgrab von 1572 aus rotem Sandstein und Vorlage für das Taj Mahal und dem Isa Khan Grab , Chowk Area,  Raj Ghat Area, der Mahatma Gandhi Gedenkkomplex, Jamala Masjid, die größte Moschee Indiens, Mandir Marg Area mit dem  bedeutsamsten modernen Hindu Tempel in New Delhi von  Gandhi eingeweiht, u.v.m.

Und dann nach Agra zum beeindruckenden Taj Mahal und auf dem Rückweg zum Roten Fort, der imposanten Festungsanlage der Mogulherrscher vom späten 16. bis Mitte 17. Jahrhundert.

Am letzten Abend in Delhi fuhren wir dann mit einem Teil der Berliner Gruppe 10 Stunden mit dem Nachtzug nach Varanasi, dem Ort der Hochzeit und Geburtsort der Mutter Namans, wie wir bei dem Kennenlernabend im Haus der Familie in Alt Delhi erfahren hatten. Diese Einladung der Mutter bestand wesentlich aus einem von ihr zubereiteten besonderen indischen Essen, köstlich und gastfreundlich.

Varanasi – oft davon gehört und Bilder gesehen – sind wir jetzt gespannt auf diese wohl älteste dauerhaft bewohnte Stadt Indiens und vielleicht auch auf der Welt. Sie gilt als eine der heiligsten Städte im Hinduismus am Westufer des Ganges und ist ein zentraler Pilgerort, kulturelles und spirituelles Zentrum in der Altstadt. Ein Ausflug  nach Sarath zum Archäologischen Museum gibt uns einen Einblick in die Frühgeschichte der Stadt, die wir anschließend mit einer Führung entdecken.

Es wird ein Tag voller unterschiedlicher Erfahrungen, beginnend mit einem Spaziergang durch die engen Gassen, Märkte und zu einigen versteckten Tempeln in der Altstadt. Vorbei an dem „Goldenen Tempel“ Kashi Vishwanath, dem wichtigsten  Shiva-Tempel der Stadt, gehen wir  weiter zum Ganges, dem heiligen Fluss mit den Verbrennungsstätten. Mehrere Treppenanlagen (Ghats) führen hinunter zum Fluss, wo Pilger im Wasser zur Reinigung ihrer Sünden baden und  in das auch die Asche der Verstorbenen gestreut wird. Wer so die Welt verlässt, erlangt durch dieses heilige Ritual die sofortige Erlösung seiner Seele. 

Mehendi: der Segen steht für Glück, Liebe, einen neuen Lebensabschnitt und Schutz vor bösen Energien. Mit Henna werden die Hände und Füße des Paares und der Gäste mit kunstvollen Mustern bemalt, die mit kleinen Spritztüten in feinen Linien aufgetragen werden. Je dunkler die Farbe wird, desto glücksbringender soll sie sein.

Wir gehen am Wasser entlang und steigen nach einer Weile hoch zu den Häusern, um etwas zu trinken. Die Tür zum Restaurant öffnet sich und von einem Augenblick zum anderen tauchen wir in die Zeit des britischen Kolonialismus ein.  Gedämpftes Licht, früher 20.Jahrhundert- Stil des Interieurs und High Tea. Zurück zum Ganges, größer könnte der Kontrast nicht sein.

Langsam wird es dunkel, und wir freuen uns darauf, die Jahrtausende alte faszinierende  Feuerzeremonie Ganga Aarti  zu erleben. Ein allabendlich stattfindendes hinduistisches Lichtopfer zu Ehren der Göttin Ganga mit brennenden Lampen, Mantras, Gesang, Trommeln, Glocken, Weihrauch.  Blumen und Feuerlampen, als Dank an die Göttin der Reinigung, Dankbarkeit und Verbindung zwischen Menschen und Göttlichem. Am Ufer ist kaum noch ein Durchkommen durch die Menschenmasse. Wir besteigen ein Boot, um dieses Fest vom Wasser her zu erleben. Es ist der Beginn von Erlebnissen, die mehr und mehr meine Gefühle in den Bann ziehen.

Ein ständiges rein und raus, hin und her herrscht in der Suite des Hochzeitspaares. Erst langsam erschließt sich mir, was hier neben den letzten Schneiderterminen abläuft: die Vorbereitung auf Haldi&Mehendi und damit verbunden Freude, Farben, bunte Blumen, Musik, kulinarische Köstlichkeiten, eine durchgehend heitere, entspannte und anrührende Atmosphäre, neue Kontakte und wachsende Verbundenheit.

Kurkuma mit Sandelholz und Rosenwasser: mit dieser Paste (Haldi) wird das Hochzeitspaar im Beisein der Freunde und Familie eingesalbt – für Glück, Schutz, Strahlkraft und Energie.

Die Alabaster-Haut der Braut wird schichtweise aufgetragen aus feinsten Grundierungen, Crèmes und Pudern. Auch die Frisur mit langen blonden Locken wird kunstvoll hergestellt, so dass der Haar-und Gesichtsschmuck sich optimal entfalten und das herrliche Bild der schönen Braut ergeben.

Ein buntes, fröhliches, emotionales und symbolträchtiges Vergnügen im Freien mit gelbem Dresscode von Pastell bis kräftigem Safran. Dhol Trommler begleiten den Einzug des Brautpaares, das unter lautem Jubel mit Blüten und Rosenblättern überschüttet und mit Wasser bespritzt wird. So ist aus der traditionellen Haldi Zeremonie einer kleinen familiären Ritualrunde, ein buntes, farbenfrohes, fotogenes und fröhliches Fest geworden mit Live Musik und Tanz und einer heiteren Stimmung, der sich niemand entziehen kann. Es ist der Tag des Brautpaares und der ersten Begegnung der Familien und Freunde.

Und dann ein weiterer Höhepunkt am nächsten Abend – Sangeet : Ein  musikalischer Abend vor der eigentlichen Hochzeit, an dem Familien und Freunde  informeller  und geselliger zusammenkommen mit offenem Dresscode, Gesangs- und Tanzvorführungen  der Anwesenden, eine Endlosschleife mit Fotos der Freunde auf einem Großbildschirm und zum Essen ein reichhaltiges, importiertes Getränkeangebot. Bis  tief in die Nacht  entspanntes Feiern und Tanzen zu moderner Bollywood – traditioneller Punjab-und moderner westlicher, von  Berliner DJ’s aufgelegter Musk. Dies stellt sich als  der besondere Reiz gegenüber  einem rein indischen Sangeet heraus – die Begegnung zweier Traditionen und die Möglichkeit, die Hochzeitsvorbereitungen gelöst zu genießen und sich auf die eigentliche Hochzeit einzustimmen.

Spannung, Aufregung und hohe Konzentration trotz vieler vorangegangener Erklärungen des Ablaufs umfangen mich beim Shaadi der eigentlichen Hochzeitszeremonie.

 Freudige Zurufe begleiten das Brautpaar, Marga und mich unter einem Baldachin auf dem Weg zum Ort der Hochzeits-Zeremonie. Vorneweg blumenstreuend Anton, Jahels Neffe aus Taiwan.

Anton streut die Blumen

Es ist der heiligste, symbolisch dichteste Moment einer indischen Hochzeit

In einem carréförmig gestalteten Platz sitzt das Brautpaar an der Rückseite, die Brauteltern links mit dem Priestergehilfen und rechts der Priester. In der Mitte eine Feuerstelle.  Es ist eine Abfolge ritueller Stationen  zur Vereinigung zweier Menschen, zweier Familien und zweier Lebenswege . Drei Stunden lang rezitierte der Priester und gibt Anweisungen an mich für viele auszuführende kleine Rituale- davon das wichtigste, den Hennapunkt auf Namens Stirn zu drücken.

Es folgt eine 5000 Jahre alte Tradition – Sindoor Daan. Der Bräutigam trägt ein orangerotes Pulver am Haaransatz der Braut auf. Dies symbolisiert den Beginn des gemeinsamen Ehelebens, Treue und Verantwortung. Das Feuer wird in der Mitte des Carrés entzündet. Jahel und Naman gehen sieben Schritte um das Feuer herum für die sieben 

Lebensversprechen (Nahrung, Stärke, Wohlstand, Glück, Gesundheit, Freundschaft u dTreue). Dieses Ritual besiegelt die Ehe. Es folgen sieben gemeinsame Schritte als Symbol für den gemeinsame Lebensweg.

Für uns als direkt Beteiligte lösen sich Anspannung und Konzentration auf zugunsten großer Freude.

Anders als bei christlichen Hochzeiten sind die Gäste hier während der Zeremonie in Bewegung, unterhalten sich und versorgen sich mit Tee und kleinen Speisen. Geschenke in roten Umschlägen werden verteilt, Viele Umarmungen und Gratulationen beenden die   Zeremonie. Schon bald trifft man sich wieder zum abschließenden Empfang in einem anderen Hotel, einem letzten gemeinsamen Dinner, und im europäischen Stil werden noch einige Reden zum Brautpaar und den Freundschaften gehalten, auch von mir zu Jahel und meinem neuen Sohn Naman. 

Schön auch, dass hier in Varanasi ein kleines Familientreffen stattfand: Xenia&Dan&Anton aus Taiwan, Götz und Julie aus London, Daniela& Philip aus Kalifornien und wir aus Berlin. Eine weit verzweigte Familie, und manchmal muss man weit reisen und lange warten, um sich zu sehen.

Am nächsten Morgen der Abschied in alle Richtungen nach Sikkim, Nepal, Malediven, Singapur, Sydney,  Pune, Kerala,  Australien, Berlin…….auch wir nutzen die folgende Woche für eine Fahrt in den Norden Indiens  nach Darjeeling und Sikkim mit Blick auf den Himalaya.

Mit undserem Fahrer Mr Rumba

Was bleibt, ist ein Erlebnis, das unvergesslich sein wird.  Zu Hause angekommen, braucht es ein paar Tage, um aus diesem Erleben und der Spiritualität der Hochzeitsrituale wieder in den Berliner Alltag einzutauchen.

Zwischen Hutong und Hard Rock Café

Oktober1998

Ein Tag im Oktober 1998, morgens 7.30 Uhr. Die aufgehende Sonne beginnt ihren Kampf gegen die Mischung aus Morgennebel und Smog. Nur schemenhaft ist ein roter Ball hinter den Dunstschleiern zu erkennen.

Sonnenaufgang in Beijing

Rote Fahnen und Musik.. An uns vorbei marschieren ca.3000 Schülerinnen und Schüler, um sich dann auf dem Sportplatz in Riegen aufzustellen. Musik ertönt, und vor uns am Mikrofon gibt ein Sportlehrer Anweisungen für die gemeinsame Gymnastik. Zwei Tage wird dieses Sportfest dauern.

Wir sind die Ehrengäste und werden hier der ganzen Schule vorgestellt. Auf der Tribüne sitzen wir zusammen mit der Schulleiterin und ihren Vertretern an einem langen Tisch und nehmen die Parade ab, hören die Reden, sehen die ersten Wettkämpfe. Ein imponierendes Schauspiel, das einem unter die Haut geht. Eigentlich mögen wir ja solche Aufmärsche nicht, und dennoch üben sie einen merkwürdigen Reiz auf uns aus.. Hier sind sie Normalität.

Hier, das ist die Bayi Highschool in Beijing (Peking), Schule des Ersten August, dem Gründungsdatum der Volksbefreiungsarmee. Weniger martialisch präsentieren sich dann unsere Gastgeber. Frau Li, die Schulleiterin, herzlich und kompetent, organisiert für uns 7 Tage in Beijing, die uns unvergessen bleiben werden.. Alle Ängste auf Schüler-und Lehrerseite vor dem Unbekannten sind schon kurz nach der Ankunft vergessen.

Wir, das sind 4 Lehrer, eine Mutter als Vertreterin der Schulpflegschaft, sechs Schülerinnen und Schüler und einige „Touristen“ – Bekannte, die mitgeflogen sind, um u.a. den Flugpreis günstiger zu machen.

Besonders für die Schülerinnen und Schüler bedeutet dieser Austausch ein intensives Programm. Sie besuchen die Schule, leben drei Tage in einer chinesischen Familie, essen in der Schulkantine, verbringen gemeinsam die Freizeit mit den gastgebenden Schülern – ohne Aufpasser zwischen Hutongs und Hard Rock Café, in entspannter und ungezwungener Atmosphäre und zaghaften Versuchen chinesisch zu sprechen. Man freut sich auf ein Wiedersehen, die Begleiter hier sind die Austauschchüler für das nächste Jahr.

Eine Woche später. Aus der Ferne dringt Musik an mein Ohr. Ich erwache im Nebengebäude der Nanyang Highschool in Shanghai. Die Musik kommt aus den überall im Schulgebäude angebrachten Lautsprechern. So beginnt hier der Tag. Weiter ist nichts zu hören, und ich bin völlig allein. Unter mir in weiteren vier Etagen die Turnhallen und Musikräume. Ich trete vor das Gebäude. Blau-rot leuchten von überall die Schuluniformen. Klassenweise treten die Schüler an und laufen in einem verzögerten Trab auf ein Kommando hin zum Sportplatz zur gemeinsamen Frühgymnastik. Hier treffe ich den Rest meiner Gruppe. Sie wohnen am Eingang der Schule in einem an Privatbetreiber verpachteten Gästehaus der Schule. Fast 2500 Schülerinnen und Schüler sind angetreten und bewegen sich einstudiert zur Musik und zu den Anweisungen. Ein Chor auf der Balustrade über uns, ein riesiges rotes Banner mit „Welcome“ und dem Namen unserer Schule. Am Fahnenmast die deutsche Flagge. Der geniale Physiklehrer der Schule begrüßt uns auf chinesisch und deutsch auf einer von ihm selbst gebauten elektronischen Tafel. Der Schulleiter, Herr Zhang, stellt uns vor und heißt uns willkommen. Auch ich habe die Ehre, vor dieser Versammlung sprechen zu dürfen. Etwas für beide Seiten Wichtiges hat begonnen, nämlich der erste Besuch einer deutschen Schuldelegation in einer der größten und bekanntesten Schulen Shanghais, die eine über hundertjährige Tradition hat.

Wie alles anfing

Frau Bijun Chen-Derichsweiler (links) beim ersten von ihr vermittelten Kontakt

Wenn die Mutter mit dem Pferd schimpft, Mamā ma mâ wiederholen die Schülerinnen und Schüler der Chinesisch Arbeitsgemeinschaft der Geschwister Scholl Gesamtschule in Moers, um an diesem Beispiel die Töne der chinesischen Sprache zu üben. Freiwillig am Freitag Nachmittag sind sie gekommen, um bei Frau Bijun Chen-Derichsweiler Mandarin zu lernen. Qualifikation heißt das Zauberwort. Wer mehr kann, hat mehr Chancen. Die Bedeutung der Sprachen in einer globalisierten Weltwirtschaft ist klar, die Bedeutung des asiatischen Wirtschaftsraumes im nächsten Jahrtausend auch. Ein Fachstudium und exzellente Kenntnisse einer asiatischen Sprache bedeuten Vorteile auf der Suche nach qualifizieren Arbeitsplätzen.

So fing alles an.Frau Chen, Industriedolmetscherin und Lehrerin an der Volkshochschule, hat die Idee zu einem Sprachkurs an der Schule begeistert aufgegriffen. Chinesischunterricht bei einer Chinesin, welch ein interessantes Angebot! Aber reicht es, die Sprache zu lernen? Sind nicht die Begegnung mit den Menschen und der Kultur der Zielsprache, der Erwerb von Wissen, die Verwandlung von Vorurteilen in Urteile sowie eine emotionale Begegnung Jungendlicher auf gleicher Ebene genauso wichtig? Frau Chen nahm die Angelegenheit in die Hand und aktivierte ihre familiären Kontakte nach Shanghai, ihrer Geburtsstadt, und nach Peking.

Erfolgreiche Verhandlungen

Herbst 1997. Mr.Yu als Vertreter des Internationalen Kulturbüros der Stadt Shanghai begrüßt uns am Flughafen von Shanghai. Frau Chen, ihr Mann und ich sind hier auf Einladung des Kulturbüros eingetroffen. Eine Woche verhandeln wir mit dem Kulturbüro und der Schule einen Vertrag für eine Schulpartnerschaft. Die Verhandlungen sind eingebettet in ein ausführliches Kultur- und Besichtigungsprogramm. Mit dem ausgefeilten Text in Englisch, Chinesisch und Deutsch fliegen wir weiter nach Beijing. Noch ist unklar, ob diese Vereinbarung Realität wird.

Schulleiter der Nanyang Model High School in Shanghai Zhang Jian

Schulleiterin der Bayi Highschool in Beijing Frau Li

Das gleiche Prozedere in Beijing. Unter Vorsitz eines Mitgliedes des Volkskongresses schließen wir auch hier einen Vertrag ab. An einem Ort werden wir hoffentlich Erfolg haben. Man hatte uns gewarnt, wie schwierig Verhandlungen mit Chinesen seien und wie ungewiss der Ausgang. Anstrengend und lang war es, aber auch höchst interessant.

Die Realität 1998: Zwei Schulpartnerschaften, eine mit Beijing, eine weitere mit Shanghai. Beide Seiten wollten den Erfolg.

Mai 1998: Am Flughafen Düsseldorf begrüßen wir die erste Delegation aus Shanghai. Zwei Schulleiter, der Vertreter des Kulturbüros, ein Lehrer, je zwei Schülerinnen und Schüler. Die Erwachsenen wohnen im Gästehaus der Firma Thyssen, die Jugendlichen in Familien. Ein Erlebnis! Endlose Essen, interessante Gespräche. Die Stadt Moers nimmt in zunehmenden Maße zur Kenntnis, dass es so etwas gibt: Schüleraustausch mit China. Man wird neugierig, kommt hinzu, lädt ein und sponsert. Die Zeit vergeht allen viel zu schnell zwischen Landtag, Schule, Stadt und Exkursionen.

Der Abschied hier fällt schwer. Aber man wird sich ja wiedersehen, im Herbst 1998 in China.