Ubuntu

Ich bin, weil ihr seid

Kapstadt 2005 – Von der Convention weiter durch Südafrika nach Swasiland Botswana, Zambia, Zimbabwe und Namibia

Ubuntu . Völlig unerwartet in diesem kleinen westfälischen Ort taucht dieses Schild auf einer Hauswand auf. Total überrascht, gehe ich über die Straße auf das Schild zu. Es ist ein Geschäft: „World Marktplatz für afrikanische Produkte““ in Dülmen. Ich bin augenblicklich zurück in einem Versammlungsraum in Kapstadt, im Sommer 2005.

Dülmen – Ubuntu World Online -Marktplatz für afrikanische Produkte

Es ist die 7. Weltkonferenz der International Confederation of Principals“ICP“. Nach einigen Tagen intensiver Arbeit – auch schwierig für uns als Vertretung Deutschlands bei der ersten Veröffentlichung der neuesten Pisa-Studie zu erfahren, dass das Bild von dem „besten Schulsystem der Welt “ nicht stimmt und wohl auch nie gestimmt hat. Die Schulleitungsvereinigung – Vereinigung Nordrhein-Westfalens SLV NRW – vertritt zusammen mit Partnership International aus Köln als Board Mitglieder Deutschland als Mitglied in dieser Organisation.

Heute aber ist ein anderer Tag. Der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu spricht zum Abschluss der Convention in seiner besonderen und zugewandten Art zu 1800 Schulleiterinnen und Schulleitern aus 35 Ländern.

Eine inspirierende und stark emotionale Rede, eine Rede, durch die die meisten von uns das Wort Ubuntu zum ersten Mal hören, eine Rede, die noch lange nachhallen wird. Kein Laut ist zu hören, bis Tutu erwärmend und lächelnd vom Rednerpult absteigt und tänzelnd den Saal verlässt, wir alle ihm in gleicher Weise folgend. Die Stille ist aufgelöst, aber die Wirkung dieser Rede ist allen anzusehen.

Heute, 26 Jahre später, haben die Worte Tutus nichts an Bedeutung und Wegweisung verloren, denn „Ich bin, weil ihr seid“ wird nur von wenigen Menschen realisiert.

Deshalb wird die Rede hier in einer KI-gestützten Rekonstruktion wiedergegeben, da ein wortgetreuer Transkript-Text nicht öffentlich zugänglich ist:

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Schulleiterinnen und Schulleiter aus aller Welt,

ich begrüße Sie von ganzem Herzen hier in Kapstadt, in unserer wunderschönen Regenbogennation! Wenn ich in Gesichter wie die Ihren blicke, dann erfüllt mich das mit einer tiefen, unbändigen Hoffnung.

Wissen Sie, man fragt mich oft: „Erzbischof, wie können Sie nach allem, was wir durchgemacht haben – nach den dunklen Jahren der Apartheid, nach all dem Schmerz – immer noch so viel lachen? Warum sind Sie ein ewiger Optimist?“ Und ich antworte dann immer: Ich bin kein Optimist, ich bin ein Mensch der Hoffnung! Optimismus ist eine Frage der Umstände. Hoffnung dagegen gründet auf dem Glauben an das zutiefst Gute im Menschen, und an Gott, der uns zueinander führt.

Sie alle, die Sie Schulen leiten, stehen tagtäglich an der vordersten Front dieser Hoffnung. Sie verwalten keine Gebäude, Sie formen die Seelen unserer Zukunft.

In Afrika haben wir ein wunderbares Konzept, das ich mit Ihnen teilen möchte. Es heißt Ubuntu. Es ist die Essenz unseres Menschseins. Ubuntu besagt: „Ich bin, weil wir sind.“ Ein Mensch ist nur durch andere Menschen ein Mensch. Niemand von uns kommt als fertiges Wesen auf diese Welt. Wir sind für die Gemeinschaft geschaffen, für die Verbundenheit, für die gegenseitige Abhängigkeit.Ich kann nur ich sein, wenn Ihr vollkommen ihr selbst seid. Wir können nur zusammen überleben.

Die Logik dieser Welt will uns oft das Gegenteil einreden. Sie sagt: „Ich bin, weil ich konsumiere. Ich bin, weil ich mächtiger bin als du. Ich bin, weil ich dich ausschließen kann.“ Doch das ist eine Lüge. Wenn ich dich herabwürdige, würdige ich mich selbst herab. Wenn wir unseren Kindern in den Schulen nur beibringen, im Wettbewerb die Ersten zu sein, ohne ihnen beizubringen, wie man füreinander sorgt, dann haben wir als Lehrer und Führer versagt.

Bildung darf kein Werkzeug der Trennung sein. In der Vergangenheit wurde Bildung in diesem Land missbraucht, um Menschen klein zu halten, um Mauern zu errichten. Ihre Aufgabe als Schulleiter im 21. Jahrhundert ist es, diese Mauern einzureißen und Brücken zu bauen. Zeigen Sie den jungen Menschen, dass Vielfalt kein Mangel ist, sondern ein großartiges Geschenk Gottes! Gott ist kein Christ, Gott ist keine Hautfarbe, Gott ist reine Liebe, die uns alle umschließt. 

Wenn Sie nach dieser Konferenz in Ihre Heimatländer zurückkehren, nehmen Sie ein Stück dieses afrikanischen Feuers mit. Seien Sie sanftmütig zu den Schwachen, aber seien Sie mutig und laut gegen die Ungerechtigkeit. Sagen Sie Ihren Schülern jeden Tag: „Du bist kostbar. Du bist einzigartig. Du wirst geliebt.“

Vielen Dank, dass Sie hier sind. Gott segne Sie, Gott segne Ihre Schulen und Gott segne unsere gemeinsame Welt.“

Es waren Tage der Begegnung und des Austausches, vor allem mit unseren afrikanischen Kolleginnen und Kollegen. Es war die Freude an der Buntheit , der Aufgeschlossenheit, des Lernens und der gemeinsamen Zeit während der Sitzungen und vor allem persönlich- informell am Abend. Wir sahen SchuleiterInnen, die Materialien sammelten für ihre Schülerinnen, für Schulen ohne Räume mit Unterricht im Schutz der ausladenden Schirmakazien, nicht jammernd, sondern die Chance nutzend dieser von der neuen südafrikanischen Regierung durch Einladungen bis in die fernsten Winkel ihres Landes ermöglichten Teilnahme als regionale Vertreter, die bei Rückkehr nach Hause sich verpflichtet hatten und dies leidenschaftlich auch selbst wollten, in ihrer Region die Erfahrungen und Ergebnisse den zu Hause verbliebenen KollegInnen zu vermitteln.

Zu schell verging die Zeit – wohl alle wären gerne in diesem Rahmen noch länger geblieben.

Wir hatten das Glück, dass diese Covention zu Beginn unserer Sommerferien stattfand und die Konferenz -Organisation ein Reisebüro für die Konterenzteilnehmer engagiert hatte, um uns die Möglichkeit zu bieten anschließend auch noch die Kultur und das Land in seiner Schönheit zu erleben. Eine besondere Tour, extra für die Teilnehmenden der Convention ausgearbeitet.

Von Capetown fliegen wir in den Südosten nach Durban in der Provinz Kwazulu-Natal für einen Tag am Meer der Sonnenküste. Vor uns die Tage inmitten der wunderschönen Tierwelt des Südens.

Thula Thula (Peace and Tranquillity), das älteste private Wildreservat in Zulu (KwaZulu-Natal) 2 Stunden östlich von Durban, gegründet von dem berühmten „Elefantenflüsterer „und Naturschützer Lawrence Anthony.

Weiter ging es durch Swasiland, seit 2018 in Eswatini umbenannt, die letzte absolute Monarchie in Afrika. Ein kleines Land, umgeben von Südafrika, in dem die Königsclique das Volk totalitär unterdrückt und hemmungslos die Ressourcen des Landes verprasst. Die Bevölkerung lebt in krasser Armut ohne medizinische Versorgung und Bildungsmöglichkeiten. Die Opposition wird ermordet oder flüchtet. Man sieht bei der Durchfahrt die extreme Einfachheit der Lebensweise – obwohl im Royal Sai Sun Hotel, unserer einzigen Übernachtung dort, wo mit viel indigenem Dekor und Folklore versucht wird einen anderen Eindruck zu vermitteln.

Dorf in Swasiland

Die folgenden Erlebnisse, auf Exkursionen im Krüger Nationalpark die „Big Five“ in freier Wildbahn zu erleben, bestimmen mehr und mehr unsere Gefühle und Stimmung. Die erfüllte Erwartung, diese Big five und viele andere exotischenTiere auf game Safaris aus offenen Landrovern nahebei zu sehen, in dieser Natur vom Morgengrauen und Sonnenaufgang bis zur Dämmerung und einsetzenden Dunkelheit zu sein und auch noch der nächtlichen Kommunikation der Tierwelt zu lauschen. On Top unvergessen wird der Moment bleiben, als beim Überqueren einer Anhöhe der Blick sich öffnet auf einen gedeckten Tisch im Sand für einen überraschenden “ True Africa sipping Sundowner“.

Sundowner

Am selben Abend sitzen wir im Dunkeln in unserer Lodge und beobachten die Löwen, die um uns herum durch die Nacht streifen. Es ist die Lions Sands River Lodge am Sabie River, Luxus Lodge. Wir haben nie erfahren, warum man uns hier upgegradet hat. Der Bus stoppte und setzte uns beide hier ab und nicht, wie die Gruppe, im Hotel am Flussufer.

Auf einem Plateau mit Blick auf den Fluss, zu dem ununterbrochen Herden von Tieren vor unseren Augen zur Tränke kommen, wie in einer Loge sitzen wir hier in einem kleinen Pool zwischen zwei Flügeln des Hauses. Zwei Tage lang genießen wir dieses Ambiente. Tagsüber können wir uns frei bewegen, abends, wenn wir zum Dinner ins Haupthaus wollen, müssen wir anrufen und werden von einem bewaffneten Wildhüter abgeholt, um nicht Opfer der Löwen zu werden.

Am letzten Nachmittag passiert uns dann noch ein kleines Malheur. Wir hatten in einem der Räume das Fenster aus Versehen offen gelassen, und als wir vom Fluss zurück kamen, sahen wir die Bescherung. Die Affen der Umgebung waren eingedrungen und hatten alles Essbare geklaut und etwas unzivilisiert eine große und nicht mehr ganz saubere Umgebung hinterlassen. Auch das konnte unser Glück dieser Tage in an diesem Ort nicht schmälern.

Und hier endet der erste Teil unserer Ausflüge.Wir fliegen am nächsten Tag vom Airport Mala Mala zurück nach Johannesburg, hinein in ein Programm, das uns auf die Konferenz zurückblicken lässt. Die Ubuntu Tour bringt uns zu einem Tagesausflug nach Soweto , dem von der Apartheid für die schwarze Bevölkerung eingerichteten Stadtteil von Johannesburg.

Hier treffen wir unsere Freundin Irmgard, die sich dort in einem Projekt engagierte und uns den Rest der Tour begleiten wird.

Blick über Soweto

In Soweto wurde 1976 der historische Schüleraufstand gegen die Einführung des Afrikaans als Unterrichtssprache brutal niedergeschlagen. Er gilt bis heute als Symbol des Widerstandes gegen die Apartheid. Ubuntu zeigt eine der rassistischen Trennung diametral entgegengesetzte Lebensphilosophie. Und die Ubuntu Tour hat zum Mittelpunkt: das Miteinander, die Gemeinschaft, und so, ohne Sinngebung, soll man Soweto nicht besichtigen, sondern soll es erleben. Ein Höhepunkt neben dem Besuch einer Schule und den vielen kleinen Gemeinschafts -Werkstätten ist das Haus Nelson Mandelas.

Und mit dieser letzten Anknüpfung an den Kongress und dem Beispiel für das Zusammenleben gemäß Ubuntu fliegen wir nach Botswana am Chobe River zur Chobe River Marina Lodge Villa, zum Beginn des zweiten Teils unserer Rundreise

2. Rundreise

Nilpferd Angriff

Traumhaftes Wetter. Wir fahren mit einem kleinen Motorboot langsam am Ufer des Chobe Rivers entlang. Wie in einem Film treiben wir vorbei an Elefantenherden, die mit ihren jungen, geschützt in der Mitte der Herde, zum Wasser drängen, um den Durst zu löschen. Die Bilder wechseln mit immer anderen Tieren der Region. Man könnte stundenlang so fahren und diese Szene genießen. Doch dann kommt plötzlich Unruhe auf. In gebührender Entfernung sehen wir eine Gruppe Nilpferde mit ihren Jungen im Wasser, die wir vom Boot aus wunderbar beobachten können. Bis zu dem Moment, in dem sich wohl eine der Nilpferdmütter bedroht fühlte, sich zu uns umdrehte und anfing zu laufen. Nilpferde sind schnell und laufen im Wasser über dem Boden. Unser Führer zog an dem Starterkabel um den Motor anzustellen. Beim ersten Mal klappte es nicht, aber dann sprang der Motor an und wir schafften es gerade noch wegzukommen. Nilpferde sind Vegetarier, aber wenn sie uns riechen und bedroht fühlen, hat man keine Chance, sie zerfetzen ihr Ziel um ihren Nachwuchs zu schützen. Die Angst wich, Entspannung setzte ein und selbst unserem Führer sah man an, das dies eine ernste Situation gewesen war.

Nillpferd Attacke

Guter südafrikanischer Wein und ein hervorragendes afrikanisches Dinner brachten alles wieder ins Lot.

Zwei Flüsse, vier Länder am Caprivi-Zipfel : Zambesi und Chobe River – Namibia, Zambia, Zimbabwe und Botswana. Mit dem Boot fahren wir zum Impalila Island.

Der Caprivi Strip entstand durch koloniale Grenzvereinbarungen des 19. Jahrhunderts. Es war die Zeit der Aufteilung Afrikas und dabei die jeweiligen Machtsphären der Kolonialnationen zu sichern. Sansibar wurde gegen Helgoland eingetauscht. England suchte den durchgehenden britischen Weg “ from Cape to Cairo“, und Deutschland eine durchgehende Verbindung von Deutschsüdwestafrika über den Zambesi-Fluss zu Deutschostafrika. So entstand ein 500 km langer Ausläufer Namibias nach Osten. Verhandelt am grünen Tisch in Europa vom Reichskanzler Leo von Caprivi in geographischer Unkenntnis, dass diesenTraum eines direkten Wasserweges die Victoria Falls verhinderten..

Per Boot und nach neuer Passkontrolle erreichten wir dann die Impalila Island Lodge – 8 Chalets zwischen 2 riesigen 2000 Jahre alten Baobab Bäumen, eine einzigartige Lage zwischen den Flüssen Chobe und Zambesi im nördlichen Teil des Caprivi Zipfels.

Welch ein Glück und welche Freude, zwei Tage auf dieser Insel zu verbringen, bei abendlichen Sunset Bootstouren auf dem Zambezi, und tagsüber diese einzigartige Natur mit den Baobab-Bäumen zu erleben.

Es war nicht leicht, von dort abzureisen, dem einzigen Ort der Welt, wo sich vier Länder treffen – aber schon mit der Erwartung eines weiteren Naturspektakels, mit einem Boot auf dem Zambezi in 40 Minuten (80 km) zu den Victoria Falls zu fahren. Drei Tage mit dem Hintergrundgeräsch der Falls verbringen wir im Royal Linsten Hotel in Zambia relaxend und immer wieder zu den Falls zu fahren auf zambischer und der Zimbabwe-Seite. Viele Regenbögen gleichzeitig über den Victoria Falls zu erleben, da steht man still ergriffen in dieser Natur.

Victoria Falls Zimbabwe

Victoria Falls Zambia

Es klingt nach in uns, als wir uns aus dieser überwältigenden Natur im Flugzeug zurück nach Johannisburg befinden. Ein kurzer Stopp, und ein weiterer Flug zu der berühmten Garden Route entlang der Küste Südafrikas nach George als letztem Highlight für uns in Südafrika. George liegt auf halber Strecke nach Gqeberha (Former Port Elizabeth) zum Petula Resort auf einem 10 km großen Plateau zwischen den Outeniqua Mountains und der Knysna Lagos am Indischen Ozean.

Den letzten Tag in Capetown vor unserem Weiterflug nach Windhoek nutzen wir für einen Besuch bei Susan Gie, die für ein Auslandsjahr als Lehrerin in meiner Schule in Moers gewesen war.

Und damit nicht genug, konnten wir unseren Rückflug mit Air Namibia in Windhoek unterbrechen um Jahel dort zu treffen. Auch ein Auslandsjahr, erst im Kindergarten der deutschen Schule. Bei einer kleinen Theatervorführung waren auch einheimische Kinder auf de Bühne.! Ein deutscher Farmer, der in ihrer Nähe stand sagte „wer hat denn die Hunde auf die Bühne gelassen?“ Dies war für sie der letzte Anstoss die Schule und den Kindergarten zu verlassen und die Möglichkeit als angehende Journalistin zu nutzen, und zur“ Allgemeinen Zeitung,“ der ältesten und einzigen deutschsprachigen Zeitung in Namibia zu wechseln.

Jahel mit dem Chefredakteur der „Allgemeinen Zeitung“ in Windhoek

Wir treffen sie und ihre Freundin, besichtigen Windhuk und feiern dann in der Sundowner Lodge bei Windhuk Margas Geburtstag mit einer Grillparty mit der Spezialität des Hauses, gegrillten Austern, die am selben Tag von der Küste aus der kalten Belugaströmung hier hingebracht waren. EineDelikatesse in diesem Ambiente.

Die nächsten Tage nutzen wir um einige besondere Orte in Namibia zu entdecken.

Unser erster Stop ist die Leopard Lodge, mit der Chance ganz nah an diese schönen Tiere heranzukommen.

Leopard im Gelände der Lodge

360 km auf der B1 sind es von Windhuk über Okahandja nach Swakopmund.

Okahanja ist die Garden City mit einem großen Schnitzmarkt am Okahandja River, dem Zusammenfluss der beiden Flüsse Okahango und Okamita. Hier im Herero Land steht auch das Herero Heroes Memorial mit dem Grab des ehemaligen Oberhäuptlings der Herero, Samuel Maharero , die in Folge des Herero- Aufstandes am 12. Januar 1904 von der deutschen Schutzmacht in der Schlacht am Waterberg im August 1904 fast vollständig vernichtet wurden. Der damalige Völkermord an Hereros und Nama (Historiker nennen ihn den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts) wurde durch den Vernichtungsbefehl des Oberbefehlshabers der Kaiserlichen Schutztruppe General Lothar von Trotta vollendet, durch den die Überlebenden ohne Wasser und Verpflegung in die Omaheke-Wüste getrieben wurden. Zehntausende Herero starben dort, da auch die bekannten Wasserstellen abgeriegelt wurden. Überlebende durften sich nicht mehr in Deutsch -Südwest aufhalten, sondern wurden beim Versuch der Rückkehr erschossen.

Wir fahren weiter durch die sandige Ebene in verschiedensten Brauntönen, vorbei an einzelnen entlegenen Farmen . Eine gerade Strasse. Ab und zu kommen uns Autos entgegen. Und dann passiert es, was fast zu unserem Ende geführt hätte. Auf der falschen Seite kommt mit großer Geschwindigkeit ein riesiger Lastwagen auf uns zu gerast, und nur Jahels Reaktionschnelligkeit und die Tatsache, dass uns beim Ausweichen nichts im Wege stand, retteten unser Leben. Der Fahrer des Lastwagens fuhr einfach weiter.

Der Unfallort auf der B1

Mit dem leicht beschädigten Wagen erreichen wir Swakopmund, eine kleine Stadt, von Wüste umgeben, wo die Namib am Atlantik endet, wo der kalte Benguelastrom durch die hohen Temperaturunterschiede diese Küste morgens lange im Nebel verhüllt, wo, wenn die Sonne endlich den Nebel vertreibt, die Reste gesunkener Schiffe erscheinen und in der Wüste die Erdmännchen ihre Sandlöcher verlassen und sich stehend in der Sonne aufwärmen. Und die Wüste lebt, Pflanzungen erkämpfen sich ihren Lebensraum, besonders die außergewöhnlichen Welwitchias Mirabilis, Cape Cross mit den riesigen Kap-Pelzrobbenkolonien, Sousousvleij die Dünen und etwas weiter entfernt die Spitzkoppe, ein 1728 Meter steil sich aus der Wüste erhebender Granitfelsen, das „Matterhorn Namibias“ mit uralten Felszeichnungen.

Swakopmund ist der ideale Ausgangspunkt für unsere Touren und das Erlebnis deutscher Kolonialvergangenheit. Hier wie auch in anderen Orten der Küste zeigt diese sich durch deutsche Namen für Hotels, Restaurants, Geschäfte und die Kolonialbauten.

Cape Cross mit den riesigen Kap-Pelzrobbenkolonien

Spitzkoppe – das „Matterhorn Namibias“

Felszeichnungen an der Spitzkoppe.

Sousousvleij -Dünen

Erdmännchen in der Morgensonne

Welwitchias Mirabili

Und dann endet diese Reise mit einem letzten Tag vor unserem Rückflug in der 30 km von Swakopmund entfernten Stadt Walfish Bay auf einem Katamaran in der Pelican Bay mit frischen Austern an Deck.

Zwischen Adelshaus und Revolution: Die Spur eines Möbels

Ein Geburtstag wird in Münster gefeiert in dem Traditionsgasthaus Leve von 1607. Bei hervorragendem Essen und guten Weinen verbringen wir einen familiären Geburtstagsabend. Neben mir sitzt Michael, der für seine Schwester den heutigen Abend organisiert hat. Der Bedarf an Getränken steigt wegen der großen Hitze des Tages. Und dann passiert beim Nachfüllen der Gläser etwas, was mich vom Essen plötzlich völlig ablenkt. „Bad Driburg “ sagt Michael und zeigt überrascht auf eine elegante Wasserflasche mit einem Wappen, das sich auch auf dem kleinen Wasserglas daneben befindet. Ich komme kaum dazu mich über die etwas emphatische Beachtung eines Mineralwassers zu wundern, da sprudelt es schon aus ihm heraus. Seine Geschichte mit dieser Quelle, aus der das Wasser stammt. Ein Bischof, die vernachlässigte Quelle, später verkauft an einen Adeligen, der sich um die Wiederherstellung bemühte, dessen Villa, ein altes Möbelstück…

Interesse entwickelt sich bei mir, und ich versuche in meine Gedanken Ordnung zu bringen. Wie fügen sich die einzelnen Aspekte des Gesagten zusammen?

Die Quelle im Eschbachtal hat eine lange Geschichte. Die Wald-Quell- und Wasserrechte waren kirchliche Regalien (Hoheitsrechte) – also kein normaler Grundbesitz. Über Jahrhunderte Eigentum der Bischöfe von Paderborn, war sie heruntergekommen, nicht mehr für Trinkwasser geeignet, 1781 von der Bischöflichen Kanzlei umsichtig und geschäftstüchtig an einen Interessenten, den wohlhabenden Freiherrn Kaspar Heinrich von Sierstorstorpff, verpachtet.

Durch ein ansehnliches Gelderbe völlig frei, nicht aber durch ein Adelsgut gebunden, war dieser an Kunst und Wissenschaft interessierte junge Herr nach Studien in Erfurt und Leipzig einige Jahre durch Europa gereist, seinem Interesse an Kunst und Wissenschaft, speziell auch Heilquellen folgend. Seit 1776 verheiratet, gewillt sich irgendwo niederzulassen um eine Existenz zu gründen, war er 1782 in Dienste des Braunschweiger Hofs getreten, wo er noch eine glänzende Karriere als Hofbeamter machen sollte. Die Wintermonate verbrachte er fortan in Braunschweig, die Sommerzeit in Driburg wo er die Quelle zu einem ständig expandierenden Kurbetrieb ausbaute, der bis heute existiert. Neben einigen neuen Gebäuden entstand 1803 das herrschaftliche Wohnhaus, bis heute bewohnt von Nachkommen des noch mit 90 Jahren aus Anerkennung seiner Verdienste in den Grafenstand erhobenen Erbauers, geschmackvoll eingerichtet mit ausgesuchten Möbeln, die sich bis heute aus der Erstausstattung erhalten haben.

Was aber war der Anstoß für Michael, beim Lesen des Namens der Quelle so viele Erinnerungen und Verbindungen zurückzugewinnen?

Es war die Geschichte des anspruchsvollen Schreibmöbels Kaspar Heinrichs, das ihn in dessen Wohnhaus in Bad Driburg führte, ein sogenanntes Zylinderbureau.

Gräfliches Wohnhaus Bad Driburg, Zylinderbureau Christian Härder

und ein ähnliches bei ihm zu Hause.

Zylinderbureau Christian Härder, Michael Sulzbacher

Michael zog nach dem Abitur mit seiner Band monatelang durch Spanien, später eröffnete er Kneipen und eine Diskothek in Münster und heute Spezialist für antike Möbel?

Es sind schillernde Viten, die am Ende etwas Besonderes erreichen. Schon seit er als Junge seinen Vater begleitete, der mit Antiquitäten handelte, interessierten ihn alte Möbel.

Heute zählt er zu den ausgewiesenen Kennern der europäischen Möbelkunst des 18. Jahrhunderts. Er ist kein Antiquitätenhändler im Alltagsverständnis, sondern ein Kenner der höfischen und bürgerlichen Luxuskultur, Autor und Mitautor zum Thema Möbelkunst und in Ausstellungskatalogen. Er lebt in Laer (Nordrhein-Westfalen), wo er sich zudem in der Erhaltung historischer Bausubstanz engagiert. Seine Arbeit steht exemplarisch für eine Verbindung von Forschung, Handel und Denkmalspflege, die den Blick auf historische Möbel erweitert und vertieft.

Er selbst hatte vor Jahren ein besonders qualitätvolles Zylinderbureau erworben und war durch seine Forschung zu dem Ergebnis gelangt, das es aus der Werkstatt des berühmten Tischlers Christian Härder in Braunschweig stammen muss. Ohne entsprechende Vergleichsstücke oder Archivalien konnte er das allerdings nicht eindeutig nachweisen.
Die Kenntnis von einem ähnlichen Exemplar erhielt er durch Zufall. Ein Freund schenkte ihm das auf einem Grabbeltisch gefundene Buch über Bad Driburg mit den Worten:“ das ist vielleicht was für dich, da sind schöne Möbel drin.“ Und dort fand er ein Foto des vergleichbaren Zylinderbüros im Salon der gräflichen Familie. Offensichtlich in derselben Werkstatt wie Michaels Exemplar gefertigt, wurde es im Buch jedoch dem weitaus berühmteren Tischler und Lehrmeister Härders David Roentgen aus Neuwied zugeschrieben. Diese falsche Zuschreibung verwundert nicht, wenn man einen Blick auf die Verbindung zwischen Roentgen, Härder und die bewegte Zeit zwischen dem Ende des Ancien Regime und den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wirft. David Roentgen betrieb in den 1780er Jahren in Neuwied am Rhein eine große Möbelmanufaktur von Europäischem Ruhm. Ludwig der XVI., Katharina die Große, Friedrich Wilhelm II. von Preußen und zahlreiche Angehörige des europäischen Adels zählten zu seinen Kunden. Die Möbelkunst stand in höchster Blüte. Es gelang Roentgen, das teuerste Möbel des 18. Jahrhunderts direkt an den französischen König zu verkaufen, in Europa eine Sensation, die durch die Presse ging. Ein monumentaler Schreibschrank mit Spieluhr und Geheimfächern, die, ausgelöst durch verborgene Mechanismen, aufsprangen. Ein Tresor, der wie durch Zauberhand aus dem Inneren fährt. Ein Lesepult und Tablare, die sich mehrfach auf Knopfdruck entfalten, musikalisch begleitet von mechanisch erzeugten Flöten-und Saitenklängen, die Möbelflächen geschmückt mit feinster „Malerey in Holtz“, wie Roentgen seine gemäldegleichen Marketerien, die aus unzähligen farbigen Furnieren zusammengesetzten und in die Flächen des Möbels eingelassene Genreszenen, nannte.     

Um auch in Paris, dem Zentrum der europäischen Luxusindustrie seine Waren verkaufen zu dürfen, musste Roentgen Mitglied der Pariser Schreinerzunft werden, in der auch die Ebenisten, eine französische Gilde und Eliteorganisation, ursprünglich auf die Verarbeitung von Ebenholz und anderen exotischen Materialien spezialisierte Kunstschreiner, organisiert waren. Durch Zahlung einer hohen Summe konnte er diese Voraussetzungen 1780 erfüllen, wodurch er auch das Pariser Bürgerrecht erhielt und ein Geschäft eröffnen durfte. 

Aufgrund der sich 1784 bereits abzeichnenden Rezession verkaufte er dieses wieder, blieb aber noch Mitglied der Zunft und damit Pariser Bürger. Dieses Bürgerrecht sollte noch fatale Auswirkung auf sein persönliches Schicksal und das seiner Werkstatt haben.                            

Als die französische Revolutionsarmee 1792 auf der linken Rheinseite auftauchte und drohte Neuwied zu besetzen, musste Roentgen seine Produktion weitestgehend einstellen und fluchtartig die Stadt verlassen. Alle im Ausland lebenden Franzosen wurden aus Angst vor einer Konterrevolution zurückgerufen. Wer nicht kam, galt als Verräter. Als Pariser Bürger war auch Roentgen von dieser Maßnahme betroffen und musste mit härtester Bestrafung rechnen, falls er aufgegriffen würde. 

In weiser Voraussicht hatte er schon zuvor seinen Vorrat an fertigen Möbeln aus der Stadt schaffen lassen, den er in den folgenden Jahren nach und nach in den noch nicht durch Frankreich besetzten deutschen Staaten veräußerte. Die besten seiner Mitarbeiter vermittelte er an verschiedene deutsche Höfe, wo diese noch Jahre in seinem Stil weiterarbeiteten. Christian Härder, der schon seine Lehre bei Roentgen absolviert hatte und seine besondere Wertschätzung genoss, verließ als letzter Mitarbeiter Neuwied. Roentgen hatte für Ihn beim Herzog von Braunschweig im Jahr 1800 ein Fabrikprivileg ausgehandelt. Darin wurde ihm Zunft-und Abgabenfreiheit, Zollfreiheit auf ein-und ausgehende Waren sowie die Überlassung eines herrschaftlichen Hauses gewährt. Die Werkstatt wurde nach Braunschweig verlegt, wo die Produktion mit denselben Werkszeugen, Maschinen und dem Neuwieder Erfahrungsschatz in kleinerem Umfang fortgesetzt wurde.   

Das Sierstorppfsche Familienarchiv befindet sich im „Westfälischen Adelsarchiv“ in Münster. Der nächste Schritt war die Sichtung der glücklicherweise erhaltenen Driburger Kassenbücher der Jahre um 1800. Tatsächlich war dort der Ankauf des Zylinderbureaus und zahlreicher weiterer Möbel von Christian Härder eingetragen. 

Eine Überraschung erwartete Michael noch beim Besuch des Sierstorpffschen Hauses in Driburg. Mit dem befreundeten Möbelkurator des Berliner Kunstgewerbemuseums Achim Stiegel, der ihn schon bei der Recherche und Archivarbeit unterstützt hatte, war er nach Bad Driburg gereist um das Möbel in Natura in Augenschein zu nehmen. Als der Graf die Tür öffnete hatte Michael gleich das Gefühl diesem schon einmal begegnet zu sein, konnte sich aber nicht daran erinnern. Das Rätsel löste sich als er den Salon betrat und dort das beeindruckende, über 200 Jahre alte Portrait Kaspar Heinrichs von Sierstorpff erblickte das er bereits aus dem Buch über Bad Driburg kannte.
Die verblüffende Ähnlichkeit zwischen dem Grafen und seinem Urahn hatte er nicht erwartet.

Kaspar Heinrich von Sierstorpff

Michaels Härder-Zylinderbüro war am nächsten Morgen beim Familienbrunch in seinem von ihm selbst renovierten historischen „Haus Terfloth“ in Laer zu besichtigen.

Und so endete die Geburtstagsfeier bei strahlendem Sonnenschein im Garten dieses Hauses mit dem Erlebnis, einen Ausschnitt zu erfahren aus dem Leben Michael Sulzbachers und der Geschichte zwischen Frankreich und Westfalen zur Zeit der französischen Revolution, am Übergang des Barock und Rokoko in die Zeit der Klassik und damit verbunden das Ende des royalen Prunks, der die hohe Tischlerkunst der Ebenisten hervorgebracht hatte. 

All dies in Erinnerung gerufen durch einen Blick auf eine Flasche Bad Driburger Mineralwasser bei einer Geburtstagsfeier. Glück oder Zufall, dass das Traditionsgasthaus Leve aus regionaler Verbundenheit und wegen der hohen Qualität nur dieses Mineralwasser aus Bad Driburg anbietet.

Dem schönen Schreibschrank, den David Roentgen an den französischen König verkaufte, war übrigens kein langes Leben beschieden. Schon 1789 wurde er von plündernden Revolutionären zerstört und in Einzelteilen an verschiedene Pariser Schreiner als Material verkauft.

New Orleans Function

August 2013

Wir fahren von Atlanta durch die Blue Ridge Mountains und als Teil davon durch die Smokie Mountains. Die Bezeichnung als smoky  geht auf den natürlichen Nebel zurück, Nebel, der in der Abendsonne aus der Ferne blau schimmert. Die Cherokee-Indianer gaben der Landschaft deswegen den Namen „Shalonage“ = „Ort des blauen Nebels“.

The Blue Ridge Mountains

Einen besseren Urlaubsanfang kann man sich kaum vorstellen, diese schöne, ruhige Berglandschaft mit Flüssen, Seen, Wasserfällen, hohen Felsenplateaus, von denen man all dies von oben sehen kann. Wir genießen diese Landschaft. Aber dann, da wir keinen festen Plan haben, entscheiden wir nach einer Woche in den Bergen aus der relativen Abgeschiedenheit zum Mississippi zu fahren, um den berühmten Blues Highway, die Route 61 zu erleben: von Nashville über Memphis, Clarksdale, Tunica und Natchez nach New Orleans, der Geburtsstadt des klassischen Jazz, der Stadt der Synthese aus Street Bands, Cotton Field work songs, Cajun music, Brass Bands, Soul , Gospel und Ragtime.

Und dies ohne zu ahnen, welche Überraschung dort auf uns wartete.

Es ist eine zunehmend berauschende Fahrt mit Musik in der Luft, die sich von Ort zu Ort flussaufwärts verändert, von den Gesängen in den Cotton Fields, vom Blues zum Rock’n Roll. Und immer begleitet von der passenden Landschaft des mächtigen Mississippi durch das Mississippi Delta mit Städten und Ortschaften mit den klingenden Namen der Wiege der amerikanischen Musik und mit den Namen für diese Straße: Route 61, Blues Highway, Delta Blues Road, Mississippi Blues Trail…

Es begann in den Baumwollplantagen in Natchez, auf denen Sklaven unter härtesten Bedingungen für die weißen Plantagenbesitzer der Südstaaten bei großer Hitze die Ernte einbrachten und schwere Baumwollsäcke schleppten. Rufe und Antworten, „Work Songs“, “ Field Hollers“ und Spirituals, um die Last der Arbeit erträglicher zu machen und den Tag zu überstehen. Im Kontrast dazu die prächtigen Anti Bellum Villen der Plantagenbesitzer als Ergebnis der inhumanen Ausbeutung der Sklaven, die sie auf einem der größten Sklavenmärkte „Forks of the Road“ kauften.

Daraus entwickelte sich der Blues, der sich nach dem Krieg und der Sklavenenbefreiung entlang der Route 61 nach Norden ausbreitete. Dabei veränderten sich die von Schmerz und Erschöpfung erzählenden Gesänge langsam in Gesänge zum Ausdruck von Sehnsucht und Mut – später dann Blues genannt.

Zuerst nach Clarksville, der Wiege des Blues mit dem berühmten Ground Zero Blues Club.

Ground Zero Blues Club in Clarksdale

Die Gitarren wurden elektrisch, als der Blues dann in Memphis ankam und sich weiter entwickelte in Richtung Soul und Rock` ’n Roll, jeden Abend in der Beale Street zu hören. Es war die Zeit für Elvis Presley in Memphis und Nashville, wo die Entwicklung sich später in Country Music veränderte.

Als wir bei unserer Ankunft in Memphis dann dieses Transparent sehen, haben wir auch noch das Glück, Jerry Lee Lewis live zu erleben.

Jerry Lee Lewis in Memphis live

Memphis Beale Street

Wir fahren weiter die Strecke von Nord nach Süd mit zahlreichen Stopps in den erwähnten Städten und kleineren für den Blues wichtigen Orten entlang des Mississippi,

Tunica – Gateway to the Blues

bis wir nach langen Nächten in Bars in New Orleans ankommen.

Die Überraschung an der Kathedrale, die die Tage in New Orleans zu einem einzigartigen Erlebnis werden ließen:

Machmal gibt es Träume, die nie geträumt wurden und dann durch ein Ereignis völlig überraschend und unerwartet Realität werden. Wir sind gerade in New Orleans angekommen, haben den ersten Abend im French Quarter verbracht und gehen am nächsten Morgen in Richtung der St. Louis Cathedral, als sich plötzlich die Türen der Kathedrale öffnen. Ein Bestattungswagen fährt vor, ein Sarg wird eingeladen, eine große Menschenmenge tritt ins Freie und folgt demWagen lachend, tanzend, singend. Und dann kommt der Moment, der mich erfasst und weit zurück führt bis in meine Kindheit. Eine Band folgt dem Sarg und beginnt zu spielen, und ich traue meinen Ohren nicht, aber es ist wahr und ist dem Anlass entsprechend: „New Orleans Function“ von Louis Armstrong. Die Überraschung an der Kathedrale.

St. Louis Cathedral

Wir reihen uns in den Zug ein, marschieren mit bis kurz vor dem Friedhof und biegen dann nach rechts ab, weil wir bei der Beerdigung einer berühmten Politikerin der Stadt, der Kongressabgeordneten Lindy Blogs, nichts zu suchen haben. Wie ein Blitz kommt meine Erinnerung an eine Zeit einige Jahre nach Kriegsende zu mir zurück. Eine Erinnerung daran, warum ich bis heute von dieser Art Jazz begeistert bin. Die damaligen Wohnverhältnisse waren eng, und ich teilte ein Zimmer zusammen mit meinem neun Jahre älteren Bruder Klaus. Ich weiß nicht, wie es für ihn war, aber für mich war es ein Privileg. Ich konnte abends länger lesen, als ich eigentlich schon schlafen sollte, und ich hörte seine Musik und eines dieser Musikstücke, diese New Orleans Function, sie hat mich von Anfang an ergriffen und ich hab sie immer wieder gehört.

Beerdigungsmarsch

Wir gehen weiter und hören in der Ferne schon die Musik eines Ereignisses, von dem wir – gerade erst in New Orleans angekommen – erfahren hatten – das jährlich zu dessen Geburtstag stattfindende „Satchmo Summerfest “ – Dedicated to the Life, Legacy and Music of Louis Satchmo Armstrong, New this year: Three Full Days.

Als wir dort ankommen, ist das Fest im vollen Gange, und wir genießen einige Stunden die Atmosphäre und die Musik und freuen uns auf die nächsten zwei Tage mit Musik und Tanz in New Orleans auf dem Festival und im French Quarter.

Das Festival wurde 2001 ins Leben gerufen, um an Satchmos 100. Geburtstag am 4. August 1901 zu erinnern.

Den ersten Abend genießen wir auf einem Mississippi Raddampfer, natürlich mit einer Jazzband an Bord.

Abend auf dem Mississippi

Währen der nächsten zwei Tagen erleben wir, wie Musik das ganze Leben einer Stadt umfängt. Überall in der Stadt spielen kleine Bands tollen Jazz, und auf dem Festival begeistern uns die berühmten Sänger und Bands.

Jazzsängerin Meschiya Lake

Wycliffe Gordon , Posauninst, Sänger und Komponist, einer der Headliner des Festivals 2013 -berühmt für seine Armstrong-Interpretationen

Es ist eine tolle Zeit mit der Musik des Festivals, dem bunten Treiben mit langen Nächten in Music Bars im French Quarter und besonders in der Basin Street „where all the Black and White People meet“ (Text: Basin Street Blues)

Irgendwann aber müssen wir weiter fahren entlang der Strände am Golf von Mexico, noch ein Besuch der Manatees an Floridas Küste, zurück nach Georgia. Ein paar Tage mit Freunden in einem Haus in St.Simons zum Erholen und Erzählen bis zum Abflug in Atlanta. Noch immer klingt der Blues in uns nach und zaubert ein glückliches Lächeln in unsere Gesichter.

Nachtrag

In New Orleans musste ich als „für viele Jahre Kölner“ nach dem ersten Erstaunen auf der Werbetafel einer Microbrewery um eine Korrektur bitten, was dankbar angenommen wurde.

Kölsch

My big fat Indian wedding

Für Jahel&Naman –  März/April 2026

Wie aus einem Märchen oder Traum komme ich nur langsam zurück ins Jetzt. Und es war kein Traum, es ist wirklich geschehen: eine Woche märchenhafter religiöser, ritueller, fernöstlicher Ereignisse, Gefühle, und auch Anspannung – eine Hochzeit in Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges.

 Etwas Besonderes fand dort statt, keine indische, sondern eine europäisch-indische Feier mit ca. 75 Erwachsenen und Kindern die „Berliner Gruppe“, der Freundeskreis von Jahel und Naman mit einigen Freunden aus Asien, Nord- und Südamerika sowie Australien. 

Ein Farbenmeer öffnet sich für uns. Tuch- und Seidenballen, leicht und flach nach vorne geworfen, rollen sich aus, werden begutachtet, verworfen, für gut befunden und zur Anprobe um den Körper gewickelt, ein Sari.
 Was wir vor der Abreise über die Festtage bei einer indischen Hochzeit -mehr oder weniger intensiv gelesen haben, wird unsere Tage in Delhi bestimmen.

Langsam formt sich das Bild, was für eine indische Hochzeit allein an Kleidung nötig ist. Uns nicht vertraute Wörter hören wir immer wieder wie: Sari, Kurta Pajama und andere.

Wir fahren mit Taxis und Tuk-Tuks in viele unterschiedliche Läden, nicht nur für Kleidung, sondern auch für den prachtvollen Hochzeitsschmuck. Schmuck, den man hier übrigens für die Hochzeit ausleihen kann. Bei diesen Einkäufen erfahren und erleben wir hautnah auch das Leben in dieser 30-Millionen-Stadt. Um nur über die Straße zu gehen, braucht man ein 360° Blick-Umfeld, um heil auf der anderen Seite anzukommen. Tuk-Tuks, Taxis, Fußgänger, Hunde und auch heilige Kühe bewegen sich in einem ständigen Strom, 

umgrenzt von kleinen Geschäften. Einmal gibt es sogar eine Verkaufsführerin, die uns durch ein bestimmtes Viertel von Laden zu Laden führt. 

Es waren spannende Tage mit unterschiedlichen Erfahrungen in der Stadt und auch bei den sich oft wiederholenden Anproben – einige indische Schneider hatten sichtlich Probleme, sich auf europäische Figuren und Körpergrößen einzustellen.

Voller Eindrücke, aber auch erschöpft, genossen wir abends das Hotel mit einer Dachterrasse, auf der man über die kühlende Luft des Poolwassers hinweg die ganze Stadt überblicken konnte. 

Und als Unterbrechung der Ankleidetouren erfreuten uns zwei Tagesausflüge. Zuerst eine Stadtrundfahrt in Delhi, um nicht nur Geschäfte gesehen zu haben. Indian Gate als All India War Memorial zum Gedenken an die britisch-indischen Armeen im ersten Weltkrieg, der Humayun-Tomb-Komplex mit dem Mausoleum, ein Mogulgrab von 1572 aus rotem Sandstein und Vorlage für das Taj Mahal und dem Isa Khan Grab , Chowk Area,  Raj Ghat Area, der Mahatma Gandhi Gedenkkomplex, Jamala Masjid, die größte Moschee Indiens, Mandir Marg Area mit dem  bedeutsamsten modernen Hindu Tempel in New Delhi von  Gandhi eingeweiht, u.v.m.

Und dann nach Agra zum beeindruckenden Taj Mahal und auf dem Rückweg zum Roten Fort, der imposanten Festungsanlage der Mogulherrscher vom späten 16. bis Mitte 17. Jahrhundert.

Am letzten Abend in Delhi fuhren wir dann mit einem Teil der Berliner Gruppe 10 Stunden mit dem Nachtzug nach Varanasi, dem Ort der Hochzeit und Geburtsort der Mutter Namans, wie wir bei dem Kennenlernabend im Haus der Familie in Alt Delhi erfahren hatten. Diese Einladung der Mutter bestand wesentlich aus einem von ihr zubereiteten besonderen indischen Essen, köstlich und gastfreundlich.

Varanasi – oft davon gehört und Bilder gesehen – sind wir jetzt gespannt auf diese wohl älteste dauerhaft bewohnte Stadt Indiens und vielleicht auch auf der Welt. Sie gilt als eine der heiligsten Städte im Hinduismus am Westufer des Ganges und ist ein zentraler Pilgerort, kulturelles und spirituelles Zentrum in der Altstadt. Ein Ausflug  nach Sarath zum Archäologischen Museum gibt uns einen Einblick in die Frühgeschichte der Stadt, die wir anschließend mit einer Führung entdecken.

Es wird ein Tag voller unterschiedlicher Erfahrungen, beginnend mit einem Spaziergang durch die engen Gassen, Märkte und zu einigen versteckten Tempeln in der Altstadt. Vorbei an dem „Goldenen Tempel“ Kashi Vishwanath, dem wichtigsten  Shiva-Tempel der Stadt, gehen wir  weiter zum Ganges, dem heiligen Fluss mit den Verbrennungsstätten. Mehrere Treppenanlagen (Ghats) führen hinunter zum Fluss, wo Pilger im Wasser zur Reinigung ihrer Sünden baden und  in das auch die Asche der Verstorbenen gestreut wird. Wer so die Welt verlässt, erlangt durch dieses heilige Ritual die sofortige Erlösung seiner Seele. 

Mehendi: der Segen steht für Glück, Liebe, einen neuen Lebensabschnitt und Schutz vor bösen Energien. Mit Henna werden die Hände und Füße des Paares und der Gäste mit kunstvollen Mustern bemalt, die mit kleinen Spritztüten in feinen Linien aufgetragen werden. Je dunkler die Farbe wird, desto glücksbringender soll sie sein.

Wir gehen am Wasser entlang und steigen nach einer Weile hoch zu den Häusern, um etwas zu trinken. Die Tür zum Restaurant öffnet sich und von einem Augenblick zum anderen tauchen wir in die Zeit des britischen Kolonialismus ein.  Gedämpftes Licht, früher 20.Jahrhundert- Stil des Interieurs und High Tea. Zurück zum Ganges, größer könnte der Kontrast nicht sein.

Langsam wird es dunkel, und wir freuen uns darauf, die Jahrtausende alte faszinierende  Feuerzeremonie Ganga Aarti  zu erleben. Ein allabendlich stattfindendes hinduistisches Lichtopfer zu Ehren der Göttin Ganga mit brennenden Lampen, Mantras, Gesang, Trommeln, Glocken, Weihrauch.  Blumen und Feuerlampen, als Dank an die Göttin der Reinigung, Dankbarkeit und Verbindung zwischen Menschen und Göttlichem. Am Ufer ist kaum noch ein Durchkommen durch die Menschenmasse. Wir besteigen ein Boot, um dieses Fest vom Wasser her zu erleben. Es ist der Beginn von Erlebnissen, die mehr und mehr meine Gefühle in den Bann ziehen.

Ein ständiges rein und raus, hin und her herrscht in der Suite des Hochzeitspaares. Erst langsam erschließt sich mir, was hier neben den letzten Schneiderterminen abläuft: die Vorbereitung auf Haldi&Mehendi und damit verbunden Freude, Farben, bunte Blumen, Musik, kulinarische Köstlichkeiten, eine durchgehend heitere, entspannte und anrührende Atmosphäre, neue Kontakte und wachsende Verbundenheit.

Kurkuma mit Sandelholz und Rosenwasser: mit dieser Paste (Haldi) wird das Hochzeitspaar im Beisein der Freunde und Familie eingesalbt – für Glück, Schutz, Strahlkraft und Energie.

Die Alabaster-Haut der Braut wird schichtweise aufgetragen aus feinsten Grundierungen, Crèmes und Pudern. Auch die Frisur mit langen blonden Locken wird kunstvoll hergestellt, so dass der Haar-und Gesichtsschmuck sich optimal entfalten und das herrliche Bild der schönen Braut ergeben.

Ein buntes, fröhliches, emotionales und symbolträchtiges Vergnügen im Freien mit gelbem Dresscode von Pastell bis kräftigem Safran. Dhol Trommler begleiten den Einzug des Brautpaares, das unter lautem Jubel mit Blüten und Rosenblättern überschüttet und mit Wasser bespritzt wird. So ist aus der traditionellen Haldi Zeremonie einer kleinen familiären Ritualrunde, ein buntes, farbenfrohes, fotogenes und fröhliches Fest geworden mit Live Musik und Tanz und einer heiteren Stimmung, der sich niemand entziehen kann. Es ist der Tag des Brautpaares und der ersten Begegnung der Familien und Freunde.

Und dann ein weiterer Höhepunkt am nächsten Abend – Sangeet : Ein  musikalischer Abend vor der eigentlichen Hochzeit, an dem Familien und Freunde  informeller  und geselliger zusammenkommen mit offenem Dresscode, Gesangs- und Tanzvorführungen  der Anwesenden, eine Endlosschleife mit Fotos der Freunde auf einem Großbildschirm und zum Essen ein reichhaltiges, importiertes Getränkeangebot. Bis  tief in die Nacht  entspanntes Feiern und Tanzen zu moderner Bollywood – traditioneller Punjab-und moderner westlicher, von  Berliner DJ’s aufgelegter Musk. Dies stellt sich als  der besondere Reiz gegenüber  einem rein indischen Sangeet heraus – die Begegnung zweier Traditionen und die Möglichkeit, die Hochzeitsvorbereitungen gelöst zu genießen und sich auf die eigentliche Hochzeit einzustimmen.

Spannung, Aufregung und hohe Konzentration trotz vieler vorangegangener Erklärungen des Ablaufs umfangen mich beim Shaadi der eigentlichen Hochzeitszeremonie.

 Freudige Zurufe begleiten das Brautpaar, Marga und mich unter einem Baldachin auf dem Weg zum Ort der Hochzeits-Zeremonie. Vorneweg blumenstreuend Anton, Jahels Neffe aus Taiwan.

Anton streut die Blumen

Es ist der heiligste, symbolisch dichteste Moment einer indischen Hochzeit

In einem carréförmig gestalteten Platz sitzt das Brautpaar an der Rückseite, die Brauteltern links mit dem Priestergehilfen und rechts der Priester. In der Mitte eine Feuerstelle.  Es ist eine Abfolge ritueller Stationen  zur Vereinigung zweier Menschen, zweier Familien und zweier Lebenswege . Drei Stunden lang rezitierte der Priester und gibt Anweisungen an mich für viele auszuführende kleine Rituale- davon das wichtigste, den Hennapunkt auf Namens Stirn zu drücken.

Es folgt eine 5000 Jahre alte Tradition – Sindoor Daan. Der Bräutigam trägt ein orangerotes Pulver am Haaransatz der Braut auf. Dies symbolisiert den Beginn des gemeinsamen Ehelebens, Treue und Verantwortung. Das Feuer wird in der Mitte des Carrés entzündet. Jahel und Naman gehen sieben Schritte um das Feuer herum für die sieben 

Lebensversprechen (Nahrung, Stärke, Wohlstand, Glück, Gesundheit, Freundschaft u dTreue). Dieses Ritual besiegelt die Ehe. Es folgen sieben gemeinsame Schritte als Symbol für den gemeinsame Lebensweg.

Für uns als direkt Beteiligte lösen sich Anspannung und Konzentration auf zugunsten großer Freude.

Anders als bei christlichen Hochzeiten sind die Gäste hier während der Zeremonie in Bewegung, unterhalten sich und versorgen sich mit Tee und kleinen Speisen. Geschenke in roten Umschlägen werden verteilt, Viele Umarmungen und Gratulationen beenden die   Zeremonie. Schon bald trifft man sich wieder zum abschließenden Empfang in einem anderen Hotel, einem letzten gemeinsamen Dinner, und im europäischen Stil werden noch einige Reden zum Brautpaar und den Freundschaften gehalten, auch von mir zu Jahel und meinem neuen Sohn Naman. 

Schön auch, dass hier in Varanasi ein kleines Familientreffen stattfand: Xenia&Dan&Anton aus Taiwan, Götz und Julie aus London, Daniela& Philip aus Kalifornien und wir aus Berlin. Eine weit verzweigte Familie, und manchmal muss man weit reisen und lange warten, um sich zu sehen.

Am nächsten Morgen der Abschied in alle Richtungen nach Sikkim, Nepal, Malediven, Singapur, Sydney,  Pune, Kerala,  Australien, Berlin…….auch wir nutzen die folgende Woche für eine Fahrt in den Norden Indiens  nach Darjeeling und Sikkim mit Blick auf den Himalaya.

Mit undserem Fahrer Mr Rumba

Was bleibt, ist ein Erlebnis, das unvergesslich sein wird.  Zu Hause angekommen, braucht es ein paar Tage, um aus diesem Erleben und der Spiritualität der Hochzeitsrituale wieder in den Berliner Alltag einzutauchen.

Zwischen Hutong und Hard Rock Café

Oktober1998

Ein Tag im Oktober 1998, morgens 7.30 Uhr. Die aufgehende Sonne beginnt ihren Kampf gegen die Mischung aus Morgennebel und Smog. Nur schemenhaft ist ein roter Ball hinter den Dunstschleiern zu erkennen.

Sonnenaufgang in Beijing

Rote Fahnen und Musik.. An uns vorbei marschieren ca.3000 Schülerinnen und Schüler, um sich dann auf dem Sportplatz in Riegen aufzustellen. Musik ertönt, und vor uns am Mikrofon gibt ein Sportlehrer Anweisungen für die gemeinsame Gymnastik. Zwei Tage wird dieses Sportfest dauern.

Wir sind die Ehrengäste und werden hier der ganzen Schule vorgestellt. Auf der Tribüne sitzen wir zusammen mit der Schulleiterin und ihren Vertretern an einem langen Tisch und nehmen die Parade ab, hören die Reden, sehen die ersten Wettkämpfe. Ein imponierendes Schauspiel, das einem unter die Haut geht. Eigentlich mögen wir ja solche Aufmärsche nicht, und dennoch üben sie einen merkwürdigen Reiz auf uns aus.. Hier sind sie Normalität.

Hier, das ist die Bayi Highschool in Beijing (Peking), Schule des Ersten August, dem Gründungsdatum der Volksbefreiungsarmee. Weniger martialisch präsentieren sich dann unsere Gastgeber. Frau Li, die Schulleiterin, herzlich und kompetent, organisiert für uns 7 Tage in Beijing, die uns unvergessen bleiben werden.. Alle Ängste auf Schüler-und Lehrerseite vor dem Unbekannten sind schon kurz nach der Ankunft vergessen.

Wir, das sind 4 Lehrer, eine Mutter als Vertreterin der Schulpflegschaft, sechs Schülerinnen und Schüler und einige „Touristen“ – Bekannte, die mitgeflogen sind, um u.a. den Flugpreis günstiger zu machen.

Besonders für die Schülerinnen und Schüler bedeutet dieser Austausch ein intensives Programm. Sie besuchen die Schule, leben drei Tage in einer chinesischen Familie, essen in der Schulkantine, verbringen gemeinsam die Freizeit mit den gastgebenden Schülern – ohne Aufpasser zwischen Hutongs und Hard Rock Café, in entspannter und ungezwungener Atmosphäre und zaghaften Versuchen chinesisch zu sprechen. Man freut sich auf ein Wiedersehen, die Begleiter hier sind die Austauschchüler für das nächste Jahr.

Eine Woche später. Aus der Ferne dringt Musik an mein Ohr. Ich erwache im Nebengebäude der Nanyang Highschool in Shanghai. Die Musik kommt aus den überall im Schulgebäude angebrachten Lautsprechern. So beginnt hier der Tag. Weiter ist nichts zu hören, und ich bin völlig allein. Unter mir in weiteren vier Etagen die Turnhallen und Musikräume. Ich trete vor das Gebäude. Blau-rot leuchten von überall die Schuluniformen. Klassenweise treten die Schüler an und laufen in einem verzögerten Trab auf ein Kommando hin zum Sportplatz zur gemeinsamen Frühgymnastik. Hier treffe ich den Rest meiner Gruppe. Sie wohnen am Eingang der Schule in einem an Privatbetreiber verpachteten Gästehaus der Schule. Fast 2500 Schülerinnen und Schüler sind angetreten und bewegen sich einstudiert zur Musik und zu den Anweisungen. Ein Chor auf der Balustrade über uns, ein riesiges rotes Banner mit „Welcome“ und dem Namen unserer Schule. Am Fahnenmast die deutsche Flagge. Der geniale Physiklehrer der Schule begrüßt uns auf chinesisch und deutsch auf einer von ihm selbst gebauten elektronischen Tafel. Der Schulleiter, Herr Zhang, stellt uns vor und heißt uns willkommen. Auch ich habe die Ehre, vor dieser Versammlung sprechen zu dürfen. Etwas für beide Seiten Wichtiges hat begonnen, nämlich der erste Besuch einer deutschen Schuldelegation in einer der größten und bekanntesten Schulen Shanghais, die eine über hundertjährige Tradition hat.

Wie alles anfing

Frau Bijun Chen-Derichsweiler (links) beim ersten von ihr vermittelten Kontakt

Wenn die Mutter mit dem Pferd schimpft, Mamā ma mâ wiederholen die Schülerinnen und Schüler der Chinesisch Arbeitsgemeinschaft der Geschwister Scholl Gesamtschule in Moers, um an diesem Beispiel die Töne der chinesischen Sprache zu üben. Freiwillig am Freitag Nachmittag sind sie gekommen, um bei Frau Bijun Chen-Derichsweiler Mandarin zu lernen. Qualifikation heißt das Zauberwort. Wer mehr kann, hat mehr Chancen. Die Bedeutung der Sprachen in einer globalisierten Weltwirtschaft ist klar, die Bedeutung des asiatischen Wirtschaftsraumes im nächsten Jahrtausend auch. Ein Fachstudium und exzellente Kenntnisse einer asiatischen Sprache bedeuten Vorteile auf der Suche nach qualifizieren Arbeitsplätzen.

So fing alles an.Frau Chen, Industriedolmetscherin und Lehrerin an der Volkshochschule, hat die Idee zu einem Sprachkurs an der Schule begeistert aufgegriffen. Chinesischunterricht bei einer Chinesin, welch ein interessantes Angebot! Aber reicht es, die Sprache zu lernen? Sind nicht die Begegnung mit den Menschen und der Kultur der Zielsprache, der Erwerb von Wissen, die Verwandlung von Vorurteilen in Urteile sowie eine emotionale Begegnung Jungendlicher auf gleicher Ebene genauso wichtig? Frau Chen nahm die Angelegenheit in die Hand und aktivierte ihre familiären Kontakte nach Shanghai, ihrer Geburtsstadt, und nach Peking.

Erfolgreiche Verhandlungen

Herbst 1997. Mr.Yu als Vertreter des Internationalen Kulturbüros der Stadt Shanghai begrüßt uns am Flughafen von Shanghai. Frau Chen, ihr Mann und ich sind hier auf Einladung des Kulturbüros eingetroffen. Eine Woche verhandeln wir mit dem Kulturbüro und der Schule einen Vertrag für eine Schulpartnerschaft. Die Verhandlungen sind eingebettet in ein ausführliches Kultur- und Besichtigungsprogramm. Mit dem ausgefeilten Text in Englisch, Chinesisch und Deutsch fliegen wir weiter nach Beijing. Noch ist unklar, ob diese Vereinbarung Realität wird.

Schulleiter der Nanyang Model High School in Shanghai Zhang Jian

Schulleiterin der Bayi Highschool in Beijing Frau Li

Das gleiche Prozedere in Beijing. Unter Vorsitz eines Mitgliedes des Volkskongresses schließen wir auch hier einen Vertrag ab. An einem Ort werden wir hoffentlich Erfolg haben. Man hatte uns gewarnt, wie schwierig Verhandlungen mit Chinesen seien und wie ungewiss der Ausgang. Anstrengend und lang war es, aber auch höchst interessant.

Die Realität 1998: Zwei Schulpartnerschaften, eine mit Beijing, eine weitere mit Shanghai. Beide Seiten wollten den Erfolg.

Mai 1998: Am Flughafen Düsseldorf begrüßen wir die erste Delegation aus Shanghai. Zwei Schulleiter, der Vertreter des Kulturbüros, ein Lehrer, je zwei Schülerinnen und Schüler. Die Erwachsenen wohnen im Gästehaus der Firma Thyssen, die Jugendlichen in Familien. Ein Erlebnis! Endlose Essen, interessante Gespräche. Die Stadt Moers nimmt in zunehmenden Maße zur Kenntnis, dass es so etwas gibt: Schüleraustausch mit China. Man wird neugierig, kommt hinzu, lädt ein und sponsert. Die Zeit vergeht allen viel zu schnell zwischen Landtag, Schule, Stadt und Exkursionen.

Der Abschied hier fällt schwer. Aber man wird sich ja wiedersehen, im Herbst 1998 in China.