Ein Geburtstag wird in Münster gefeiert in dem Traditionsgasthaus Leve von 1607. Bei hervorragendem Essen und guten Weinen verbringen wir einen familiären Geburtstagsabend. Neben mir sitzt Michael, der für seine Schwester den heutigen Abend organisiert hat. Der Bedarf an Getränken steigt wegen der großen Hitze des Tages. Und dann passiert beim Nachfüllen der Gläser etwas, was mich vom Essen plötzlich völlig ablenkt. „Bad Driburg “ sagt Michael und zeigt überrascht auf eine elegante Wasserflasche mit einem Wappen, das sich auch auf dem kleinen Wasserglas daneben befindet. Ich komme kaum dazu mich über die etwas emphatische Beachtung eines Mineralwassers zu wundern, da sprudelt es schon aus ihm heraus. Seine Geschichte mit dieser Quelle, aus der das Wasser stammt. Ein Bischof, die vernachlässigte Quelle, später verkauft an einen Adeligen, der sich um die Wiederherstellung bemühte, dessen Villa, ein altes Möbelstück…
Interesse entwickelt sich bei mir, und ich versuche in meine Gedanken Ordnung zu bringen. Wie fügen sich die einzelnen Aspekte des Gesagten zusammen?
Die Quelle im Eschbachtal hat eine lange Geschichte. Die Wald-Quell- und Wasserrechte waren kirchliche Regalien (Hoheitsrechte) – also kein normaler Grundbesitz. Über Jahrhunderte Eigentum der Bischöfe von Paderborn, war sie heruntergekommen, nicht mehr für Trinkwasser geeignet, 1781 von der Bischöflichen Kanzlei umsichtig und geschäftstüchtig an einen Interessenten, den wohlhabenden Freiherrn Kaspar Heinrich von Sierstorstorpff, verpachtet.
Durch ein ansehnliches Gelderbe völlig frei, nicht aber durch ein Adelsgut gebunden, war dieser an Kunst und Wissenschaft interessierte junge Herr nach Studien in Erfurt und Leipzig einige Jahre durch Europa gereist, seinem Interesse an Kunst und Wissenschaft, speziell auch Heilquellen folgend. Seit 1776 verheiratet, gewillt sich irgendwo niederzulassen um eine Existenz zu gründen, war er 1782 in Dienste des Braunschweiger Hofs getreten, wo er noch eine glänzende Karriere als Hofbeamter machen sollte. Die Wintermonate verbrachte er fortan in Braunschweig, die Sommerzeit in Driburg wo er die Quelle zu einem ständig expandierenden Kurbetrieb ausbaute, der bis heute existiert. Neben einigen neuen Gebäuden entstand 1803 das herrschaftliche Wohnhaus, bis heute bewohnt von Nachkommen des noch mit 90 Jahren aus Anerkennung seiner Verdienste in den Grafenstand erhobenen Erbauers, geschmackvoll eingerichtet mit ausgesuchten Möbeln, die sich bis heute aus der Erstausstattung erhalten haben.
Was aber war der Anstoß für Michael, beim Lesen des Namens der Quelle so viele Erinnerungen und Verbindungen zurückzugewinnen?
Es war die Geschichte des anspruchsvollen Schreibmöbels Caspar Heinrichs, das ihn in dessen Wohnhaus in Bad Driburg führte, ein sogenanntes Zylinderbureau.

und ein ähnliches bei ihm zu Hause.

Michael zog nach dem Abitur mit seiner Band monatelang durch Spanien, später eröffnete er Kneipen und eine Diskothek in Münster und heute Spezialist für antike Möbel?
Es sind schillernde Viten, die am Ende etwas Besonderes erreichen. Schon seit er als Junge seinen Vater begleitete, der mit Antiquitäten handelte, interessierten ihn alte Möbel.
Heute zählt er zu den ausgewiesenen Kennern der europäischen Möbelkunst des 18. Jahrhunderts. Er ist kein Antiquitätenhändler im Alltagsverständnis, sondern ein Kenner der höfischen und bürgerlichen Luxuskultur, Autor und Mitautor zum Thema Möbelkunst und in Ausstellungskatalogen. Er lebt in Laer (Nordrhein-Westfalen), wo er sich zudem in der Erhaltung historischer Bausubstanz engagiert. Seine Arbeit steht exemplarisch für eine Verbindung von Forschung, Handel und Denkmalspflege, die den Blick auf historische Möbel erweitert und vertieft.
Er selbst hatte vor Jahren ein besonders qualitätvolles Zylinderbureau erworben und war durch seine Forschung zu dem Ergebnis gelangt, das es aus der Werkstatt des berühmten Tischlers Christian Härder in Braunschweig stammen muss. Ohne entsprechende Vergleichsstücke oder Archivalien konnte er das allerdings nicht eindeutig nachweisen.
Die Kenntnis von einem ähnlichen Exemplar erhielt er durch Zufall. Ein Freund schenkte ihm das auf einem Grabbeltisch gefundene Buch über Bad Driburg mit den Worten:“ das ist vielleicht was für dich, da sind schöne Möbel drin.“ Und dort fand er ein Foto des vergleichbaren Zylinderbüros im Salon der gräflichen Familie. Offensichtlich in derselben Werkstatt wie Michaels Exemplar gefertigt, wurde es im Buch jedoch dem weitaus berühmteren Tischler und Lehrmeister Härders David Roentgen aus Neuwied zugeschrieben. Diese falsche Zuschreibung verwundert nicht, wenn man einen Blick auf die Verbindung zwischen Roentgen, Härder und die bewegte Zeit zwischen dem Ende des Ancien Regime und den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wirft. David Roentgen betrieb in den 1780er Jahren in Neuwied am Rhein eine große Möbelmanufaktur von Europäischem Ruhm. Ludwig der XVI., Katharina die Große, Friedrich Wilhelm II. von Preußen und zahlreiche Angehörige des europäischen Adels zählten zu seinen Kunden. Die Möbelkunst stand in höchster Blüte. Es gelang Roentgen, das teuerste Möbel des 18. Jahrhunderts direkt an den französischen König zu verkaufen, in Europa eine Sensation, die durch die Presse ging. Ein monumentaler Schreibschrank mit Spieluhr und Geheimfächern, die, ausgelöst durch verborgene Mechanismen, aufsprangen. Ein Tresor, der wie durch Zauberhand aus dem Inneren fährt. Ein Lesepult und Tablare, die sich mehrfach auf Knopfdruck entfalten, musikalisch begleitet von mechanisch erzeugten Flöten-und Saitenklängen, die Möbelflächen geschmückt mit feinster „Malerey in Holtz“, wie Roentgen seine gemäldegleichen Marketerien, die aus unzähligen farbigen Furnieren zusammengesetzten und in die Flächen des Möbels eingelassene Genreszenen, nannte.
Um auch in Paris, dem Zentrum der europäischen Luxusindustrie seine Waren verkaufen zu dürfen, musste Roentgen Mitglied der Pariser Schreinerzunft werden, in der auch die Ebenisten, eine französische Gilde und Eliteorganisation, ursprünglich auf die Verarbeitung von Ebenholz und anderen exotischen Materialien spezialisierte Kunstschreiner, organisiert waren. Durch Zahlung einer hohen Summe konnte er diese Voraussetzungen 1780 erfüllen, wodurch er auch das Pariser Bürgerrecht erhielt und ein Geschäft eröffnen durfte.
Aufgrund der sich 1784 bereits abzeichnenden Rezession verkaufte er dieses wieder, blieb aber noch Mitglied der Zunft und damit Pariser Bürger. Dieses Bürgerrecht sollte noch fatale Auswirkung auf sein persönliches Schicksal und das seiner Werkstatt haben.
Als die französische Revolutionsarmee 1792 auf der linken Rheinseite auftauchte und drohte Neuwied zu besetzen, musste Roentgen seine Produktion weitestgehend einstellen und fluchtartig die Stadt verlassen. Alle im Ausland lebenden Franzosen wurden aus Angst vor einer Konterrevolution zurückgerufen. Wer nicht kam, galt als Verräter. Als Pariser Bürger war auch Roentgen von dieser Maßnahme betroffen und musste mit härtester Bestrafung rechnen, falls er aufgegriffen würde.
In weiser Voraussicht hatte er schon zuvor seinen Vorrat an fertigen Möbeln aus der Stadt schaffen lassen, den er in den folgenden Jahren nach und nach in den noch nicht durch Frankreich besetzten deutschen Staaten veräußerte. Die besten seiner Mitarbeiter vermittelte er an verschiedene deutsche Höfe, wo diese noch Jahre in seinem Stil weiterarbeiteten. Christian Härder, der schon seine Lehre bei Roentgen absolviert hatte und seine besondere Wertschätzung genoss, verließ als letzter Mitarbeiter Neuwied. Roentgen hatte für Ihn beim Herzog von Braunschweig im Jahr 1800 ein Fabrikprivileg ausgehandelt. Darin wurde ihm Zunft-und Abgabenfreiheit, Zollfreiheit auf ein-und ausgehende Waren sowie die Überlassung eines herrschaftlichen Hauses gewährt. Die Werkstatt wurde nach Braunschweig verlegt, wo die Produktion mit denselben Werkszeugen, Maschinen und dem Neuwieder Erfahrungsschatz in kleinerem Umfang fortgesetzt wurde.
Das Sierstorppfsche Familienarchiv befindet sich im „Westfälischen Adelsarchiv“ in Münster. Der nächste Schritt war die Sichtung der glücklicherweise erhaltenen Driburger Kassenbücher der Jahre um 1800. Tatsächlich war dort der Ankauf des Zylinderbureaus und zahlreicher weiterer Möbel von Christian Härder eingetragen.
Eine Überraschung erwartete Michael noch beim Besuch des Sierstorpffschen Hauses in Driburg. Mit dem befreundeten Möbelkurator des Berliner Kunstgewerbemuseums Achim Stiegel, der ihn schon bei der Recherche und Archivarbeit unterstützt hatte, war er nach Bad Driburg gereist um das Möbel in Natura in Augenschein zu nehmen. Als der Graf die Tür öffnete hatte Michael gleich das Gefühl diesem schon einmal begegnet zu sein, konnte sich aber nicht daran erinnern. Das Rätsel löste sich als er den Salon betrat und dort das beeindruckende, über 200 Jahre alte Portrait
Kaspar Heinrichs von Sierstorpff erblickte das er bereits aus dem Buch über Bad Driburg kannte.
Die verblüffende Ähnlichkeit zwischen dem Grafen und seinem Urahn hatte er nicht erwartet.

Michaels Härder-Zylinderbüro war am nächsten Morgen beim Familienbrunch in seinem von ihm selbst renovierten historischen „Haus Terfloth“ in Laer zu besichtigen.
Und so endete die Geburtstagsfeier bei strahlendem Sonnenschein im Garten dieses Hauses mit dem Erlebnis, einen Ausschnitt zu erfahren aus dem Leben Michael Sulzbachers und der Geschichte zwischen Frankreich und Westfalen zur Zeit der französischen Revolution, am Übergang des Barock und Rokoko in die Zeit der Klassik und damit verbunden das Ende des royalen Prunks, der die hohe Tischlerkunst der Ebenisten hervorgebracht hatte.
All dies in Erinnerung gerufen durch einen Blick auf eine Flasche Bad Driburger Mineralwasser bei einer Geburtstagsfeier. Glück oder Zufall, dass das Traditionsgasthaus Leve aus regionaler Verbundenheit und wegen der hohen Qualität nur dieses Mineralwasser aus Bad Driburg anbietet.
Dem schönen Schreibschrank, den David Roentgen an den französischen König verkaufte, war übrigens kein langes Leben beschieden. Schon 1789 wurde er von plündernden Revolutionären zerstört und in Einzelteilen an verschiedene Pariser Schreiner als Material verkauft.